Big Data im 19. Jahrhundert, Binärcodes der Macht, Entzauberung des Einzelnen: dieses Buch bietet erstaunliche Perspektiven auf Technologie und Gesellschaft. Digitalisierung ist für Armin Nassehi nichts, das über eine analoge Gesellschaft hereinbricht. Stattdessen trägt die Gesellschaft bereits seit Generationen digitale Züge, die nun in digitalen Technologien ihre Entsprechungen finden. So begannen schon im 19. Jahrhundert die Nationalstaaten, systematisch Daten über ihre „Völker“ zu sammeln und auszuwerten, seither fallen Muster ins Auge. Big Data ist die technologisch hochbeschleunigte Fortführung, ein neuer, genauerer Blick. Die Welt bekommt einen Zwilling in Datenform und lässt sich in dieser Verdoppelung neu entdecken. Nassehi erklärt, wie sich die moderne Gesellschaft in Funktionssysteme wie Wirtschaft, Politik, Religion unterteilt, die parallel existieren und, folgt man seiner Argumentation, sogar binär funktionieren. Oft wirkt es, als würde Technologie über Bestehendes hereinbrechen, dabei entsteht dieser Effekt erst, weil bestimmte Technologien so gut zum Bestehenden passen, seine Strukturen und Tendenzen verstärken. Neue Gedankengänge über Technologie und Gesellschaft – keine leichte Lektüre, aber nachvollziehbar auch für Leser außerhalb des akademischen Betriebs, und wirklich empfehlenswert.