Dieses Buch hätte Potenzial gehabt. Hätte, wohlgemerkt. Wenn jemand (ein fähiger Lektor) der Autorin verboten hätte, derartig viele Ausrufezeichen zu benutzen. Entschuldigung, aber 10 Ausrufezeichen auf einer Seite? Hat die Autorin nie gelernt, was es mit Zeichensetzung auf sich hat? Anscheinend nicht. Und das war nur der erste Punkt einer längeren Liste von Dingen, die mir das Lesevergnügen versaut haben. Also, hier folgt die Liste, beginnend mit Punkt 2, denn Nummer 1 haben wir ja bereits abgehandelt.
2. Die kleine Schwester der Protagonistin heißt ... *Trommelwirbel* Ashley! Ende des 19. Jahrhunderts. Ende des 20. Jahrhunderts wäre das kein Problem gewesen, Ashley war in den 1980er und 1990er Jahren einer der beliebtesten Mädchenvornamen in den USA. Harriets Schwester Ashley wurde um 1900 geboren - damals waren beliebte Mädchennamen Mary, Victoria, Elizabeth, Louisa, Violet und so weiter. Ashley hat sich auf keiner (!) Hitliste für das Jahr 1900 gefunden, die ich konsultiert habe. Übrigens kann man auch Jungs Ashley nennen, siehe Margaret Mitchells "Vom Winde verweht", Ashley Wilkes, anyone?
Jedenfalls hat mich dieser Name extrem gestört, weil er einfach nicht in die Zeit passte. Gar nicht. Nicht im Geringsten. Wenn man ein historisches Setting wählt, dann sollte man sich wenigstens die Mühe machen, auch passende Namen auszuwählen.
3. Natürlich ist es insta love zwischen den Protagonisten. Was ich bei YA noch mit einem Augenrollen tolerieren kann, ist für mich in Belletristik für Erwachsene ein absolutes No Go. Generell mag ich insta love nicht. Das wird in jeder Review, die ich verfasse, kritisch angemerkt.
4. Das deutsche Wort für Chaperon ist Anstandsdame. Das darf man gerne verwenden. Vor allem wenn der Begriff noch gar nicht vorher gefallen ist.
5. Im Jahr 1905 haben Frauen der besseren Gesellschaft sicherlich Einiges in der Öffentlichkeit getragen, allerdings keine Shorts. Zu behaupten, eine Dame hätte sich auch noch für die Zeitung darin ablichten lassen, ist einfach falsch. Shorts wurden bei sportlicher Betätigung getragen - allerdings war das frühestens in den 20er Jahren der Fall.
6. Lippenstift. Erstens ist es höchst unwahrscheinlich, dass eine weiße Frau von Natur aus burgunderrote Lippen hat. Zweitens ist die lobende Erwähnung, dass sie demnach keinen Lippenstift nötig hat, hanebüchen. Bis in die 1920er Jahre wurde Lippenstift von Schauspielerinnen getragen (und das ist Harriet nicht) - oder von Prostituierten. Recherche tut wirklich nicht weh und ist einfach unerlässlich wenn man einen Roman mit historischem Hintergrund schreibt!
7. Mal eben lockerflockig in eine Unterhaltung einfließen lassen als junge, unverheiratete Frau, dass ein Bekannter schwul ist - nein! Erstens hätte eine solche Dame davon keinen Begriff gehabt. Zweitens sprach man über so etwas nicht, wenn, dann hinter vorgehaltener Hand und man outete ganz gewiss nicht Dritten gegenüber einen Mann für den eine Menge den Bach runtergehen kann, wenn rumerzählt wird, dass er sein eigenes Geschlecht vorzieht. Liebe Kate O'Hara, das Buch spielt 1905 und nicht 1968! Homosexualität war bis ins späte 20. Jahrhundert entweder ein Straftatbestand und/oder etwas, das als psychische Störung wahrgenommen wurde. Keinesfalls war das etwas, woran sich niemand stört, auch nichts, was man in einer Unterhaltung mal nebenbei fallen lässt, nur um dem Galan zu versichern, dass der Bekannte an Frauen uninteressiert ist.
8. Dramaaaaaa~ Und zwar unnötig und unglaubwüdig. Nein. Ich wollte keine Seifenoper in Papierform, die stellenweise unangenehm exlplizit wird, wo man es nicht erwartet hat. Ich wollte einen Unterhaltungsroman lesen und keinen Erotikroman. Sätze wie "Sein Schwanz drückte sich an ihren Po" will ich in Unterhaltungsromanen nicht lesen?! Tschuldigung?!
9. Frank und Harriet - kann es unsymapthischere Hauptcharaktere geben? Florence und Jordan hätten was viel Besseres verdient.
10. last, but not least: lieber Knaur Verlag, ich weiß, man sollte am Cover erkennen, dass das Buch in San Francisco spielt - aber die Golden Gate Bridge wurde erst 1937 fertig gestellt, ergo existierte sie noch gar nicht zum Zeitpunkt der Handlung dieser papiernen Seifenoper. Und das ist etwas, das mich stört.
Dieses Buch hätte so vergnüglich sein können. Vielleicht hätte es mir besser gefallen wenn die Autorin sich die 60er Jahre als Handlungszeitpunkt ausgeguckt hätte, statt das ausgehende 19. bzw. beginnende 20. Jahrhundert. So aber war dieses Buch für mich ein Flop, ein Griff ins Klo. Band 2 werde ich nicht lesen. Harriet und Frank ersaufen hoffentlich in der San Francisco Bay und befreien die Welt von ihrer elenden Existenz!