Sommer 1916. Hell und freundlich scheint die Sonne durch die Baumwipfel, in sanften Böen streicht der warme Wind durch das abgeschiedene Tal, in dem der junge August lebt. Das Leben meint es gut mit ihm – bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem er beschließt, sein behütetes Zuhause zu verlassen und freiwillig in den Ersten Weltkrieg zu ziehen.
Mit dem Ersten Weltkrieg hält die Industrialisierung Einzug auf dem Schlachtfeld. Eine Maschinerie des Todes aus Eisen und Feuer überrollt Millionen Soldaten in einem sinn- und endlosen Stellungskrieg. Ernst Jünger nennt es STAHLGEWITTER, andere das Urtrauma der modernen Welt, in das sich der junge August im Sommer 1916 begibt. Nicht ahnend, was diese Entscheidung wirklich bedeutet.
Kenntnisreich und mit bildgewaltiger Sprache erzählt Autor Florian Schwarz von Hoffnung und der Unerbittlichkeit des Krieges, von Heimweh, von Einsamkeit und Liebe, von Leben und Tod. Von August. In seinem Debütroman STICHLING seziert der Autor die Welt des Krieges, beschreibt detailliert die kleinen und großen Nöte der Soldaten und webt aus Historie und Fiktion ein engmaschiges Bild, das die Sinnlosigkeit des Krieges eindringlich vor Augen führt.
1916 bricht der junge Schreinersohn August auf nach Westen, um für den Kaiser seinen Kopf im berühmt gefürchteten Grabenkrieg zu riskieren. Nach dem Weggang seines Vaters und dem schnellen Tod seiner Mutter durch die Schwindsucht fühlt sich August alleine und leer. Trotz seiner ihn über alles liebenden Verlobten Lotte und seinem treuen Hund braucht August die Veränderung und glaubt damit nicht nur sich, sondern auch dem Vaterland zu dienen. Mit schwerem Herzen und nur ein paar Habseligkeiten bepackt verlässt er Haus, Verlobte, Angestellte und den Hund, um sich heroisch ins Kampfgetümmel zu stürzen. Was ihm jedoch niemand vorher verraten hat ist, wie es im Grabenkampf wirklich vor sich geht: von Urin und Kot durchtränkte Uniformen, kaum nahrhafte Rationen oder medizinische Versorgung, Schlaf bei allgegenwärtiger Todesängste und dem beständigen Geräusch schreiender und sterbender Kameraden in der Kakophonie des Artilleriefeuers.
In diesem tragischen Werk vereint Florian Schwarz gekonnt ruhige, idyllische Töne der Heimat und Geborgenheit mit den rohen, gewaltüberschäumenden Tatsachen des Krieges und vermischt diese zu einem kongenialen Sud bestechender Präsenz. Dabei setzt das Werk auf fulminante Diktion mit etwas inflationärer Aufzählungsmanie, dessen sublime, makabere Schönheit sich dem Leser erst nach und nach vollends offenbart. Detailreich werden die blutverschmierten und von Unrat besudelten Lebensumstände, die alltäglichen Todesängste und die unvermittelte Depression der Gräben in gewaltbetörend-farbenfroher Manier gefestigt und dem Leser nachdrücklich eingehämmert - notfalls auch durch Zwang. Fremde, Kameraden und Freunde fügen sich durch selten ausgeprägte Prägnanz nahtlos in den gesichtlosen Nebel an ungesehenen, in zahllosen Schlachten masakrierten Menschen ein und manifestieren so ein tragisches Absterben verzweifelter Seelen. Die Sinnlosigkeit und Irrationalität des Krieges für das einzelne Schicksal wird eindrücklich beleuchtet, wodurch die Traumas förmlich greifbar werden und noch durch die Seiten der laute Hall der Artillerie im Gehörgang klingelt. Das Werk erzählt seine Geschichte in kleinen, kurzen Szenen, die abwechselnd das entschleunigte, prätentiöse Leben außerhalb der Gräben, als auch das brutale, absolut grausame Leben innerhalb jener abbildet. Der dadurch entstehende Kontrast lässt die eigene Blase beständiger Sicherheit und irrationaler Vorstellungen von vorherrschenden Prinzipien erschreckend instabil werden und damit einen kurzen Blick auf die echte, dunkle, zerfleischende Natur des Menschen werfen. Durch olfaktorische, sinnliche und visuelle Eindrücke eröffnet das Werk zudem ein einmalig präsentes Schattenspiel, in dem man sich zusehends verliert und mit den Geschehnissen verschmilzt, ohne es zu wollen.
"Und keiner von ihnen rannte, schoss, kämpfte und verreckte in diesem Augenblick für einen Kaiser, einen König oder ein Vaterland." - Seite 132
Faszinierend erzählt Florian Schwarz in seinem herausragenden Debüt von den Wirren des Krieges, der tränenreichen Abwendung von Geliebtem und der bitteren Erkenntnis menschlicher Sterblichkeit. Genial, detailreich und ergreifend eröffnet das Werk freie, ungeschminkte Einblicke in die bestialischen Kriegstöne und wird sich schmerzlich in die Leserseele einnisten. Gerade der sympathische, ehrliche Protagonist, sowie die einnehmende Sprache haben mich schwer begeistert, weshalb ich das Buch nur jedem schwer empfehlen kann.
Die Handlung lässt uns im Sommer 1916 mit dem Protagonisten August die erste große Menschheitskatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts hautnah miterleben.
Da schreibt einer mit großem Talent seinen ersten, streckenweise wortmächtigen Roman. Und auch wenn mich der „Stichling“ nicht vollends überzeugen konnte, so hoffe ich doch, dass Florian Schwarz die Andeutung aus dem Klappentext wahr macht und dies nicht sein letzter Roman bleibt.
Endlich habe ich nun auch den Stichling von Florian Schwarz gelesen und bin zum einen hellauf begeistert, zum anderen aufgewühlt und betroffen. Er erzählt die Geschichte von August, der als sehr junger Mensch den Kriegsdienst im ersten Weltkrieg antritt - und dort auf die bekannten Schrecken des Krieges und Sterbens trifft. Naturgemäß erinnert das Buch an Erich Maria Remarque, da der Kontext der gleiche ist (und ich liebe Remarque schon sehr). Was Florian aber abhebt, ist die Detailtreue: er beschreibt die Gerüche und Lichtverhältnisse an der Front so, dass man das Gefühl hat, grade selbst im Graben zu stehen. Jeder einzelne Sinneseindruck, jeder blanke Wahnsinn in den Augen der Soldaten fühlt sich an, als wäre es der eigene. Von daher: Hut ab vor diesem Werk, das unter die Haut geht und nochmal beweist, dass Menschen in der Lage sind, sich alles anzutun.