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Basel

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Ein großer Schweizer Romancier entfaltet einen Bilderbogen der Stadt Basel und ihres Umlands: wie sich die Stadt entwickelt hat, welches Lebensgefühl sie vermittelt und warum: Daig, Mäzene, Chemie, die Fasnacht, Schwimmen im Rhein und wo es am Ufer am schönsten ist - dieses Buch ist ein Leckerli!

128 pages, Hardcover

Published March 14, 2013

2 people want to read

About the author

Alain Claude Sulzer

21 books26 followers
Alain's first novel was published in 1983 and he has since written four furthur novels, including Annas Maske (2001) and numerous short stories. A Perfect Waiter is his first novel to be published in English. He lives in the Alsace region of France.

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Profile Image for Klaus Mattes.
730 reviews10 followers
November 28, 2025
Nicht einmal das Münster mit seiner neuen Orgel habe ich betreten, wo Erasmus liegt, auch den angrenzenden Kreuzgang nicht, wo eine steinerne Grabplatte an Thomas Platter erinnert ... Basel und seine Autoren (Erasmus von Rotterdam, Johann Peter Hebel, Friedrich Nietzsche, Dieter Forte, der hier seit Jahrzehnten so unauffällig lebt, dass kaum jemand davon Kenntnis hat) wären ein ganzes Kapitel wert. Kaum geöffnet, schließe ich es schon wieder, um Albert N. Debrunners „Literarischen Spaziergängen durch Basel“ das Feld zu überlassen ... Über Plätze sollte man schlendern, die bislang nicht einmal genannt wurden, über den Petersplatz etwa, über den nahe gelegenen Andreasplatz oder den Leonhardskirchplatz, von dem aus man ins ehemalige Untersuchungsgefängnis Lohnhof gelangt, das innerhalb seiner Mauern heute das Restaurant und Hotel Au Violon beherbergt ... oder durch den Wenkenpark unterhalb von Bettingen, jenen weitläufigen Park, in dem sich Thomas Mann ergangen hätte, wäre er tatsächlich nach Riehen gezogen ... Ach ja, zu nennen wäre auch das spektakuläre neuen Messegelände des allgegenwärtigen, um nicht zu sagen allmächtigen Architekturbüros Herzog & de Meuron, das sich - anders als ähnliche Projekte in anderen Städten - nicht am Rand, sondern in der Mitte der Stadt breitmacht.

Eine Zitatcollage, entnommen dem letzten Kapitel, „Mängelliste“, das alles schnell doch noch ansprechen möchte, was im Buch nicht vorgekommen war. Aber ein Buch über Basel ohne all das! Ohne eine Empfehlung an den Gast, dem Geist dieses Ortes in den kleinen Gassen Gemsberg, Heuberg, Spalenberg und Nadelberg nachzuforschen! Geht das denn?

Der Hoffmann & Campe Verlag, Teil der Hamburger Ganske Verlagsgruppe, in der auch die Zeitschrift „Merian“ herauskommt, ist auf die Idee zu einer kleinen Buchreihe gekommen, wie sie im Lauf der Zeiten immer wieder irgendwo auftauchen , dann aber eigentlich nie zu Erfolgen werden. Bekannte Schriftsteller und Literaten porträtieren eine Stadt oder Region, in der sie leben (oder zumindest Jahre gelebt haben) und sich also bestens auskennen. Literarische Umschau-Büchlein, allerdings nur Text, keine Fotos, keine Anekdoten, kein Reiseführer, keine Merian-Hefte.

Alain Claude Sulzer wird, seinen welschen Vornamen und dem Umstand zuliebe, dass die Familie seit Jahrzehnten ein Haus im grenznahen Elsass-Städtchen Ferette (Pfirt) besitzt, dicht dran an der Schweiz, von deutschen Kollegen und Journalisten gerne als mehr oder weniger fast Franzose vorgestellt, ist das jedoch nicht, sondern nur ein Basler Schweizer, wie Urs Widmer einer gewesen ist. Nun ja, immerhin war dieses Baslers Mutter eine Romande, eine Schweizerin aus dem Welschland also, daher die gallischen Weltmann-Vornamen. Ansonsten ist Sulzer eher Berliner. Als Bibliothekar hat er dort ein halbes Laben lang gearbeitet, bevor er, insbesondere mit dem Roman „Ein perfekter Kellner“, zu Schriftstellerruhm gelangte.

Geboren wurde Alain Claude Sulzer nicht in der kleinen Großstadt Basel, sondern in Riehen, einer von zwei Vorortgemeinden, die der Stadtkanton auch noch umfasst, formal zwar immer noch Dorf, aber eines mit reizenden Villenstraßen, eigener Straßenbahnlinie, gegen 20.000 Einwohnern und extrem hoher Millionärsdichte. Riehen kommt im Basel-Büchlein dann auch vor, vor allem als Stätte der offenbar höchst idyllischen Kindertage dieses Autors. Damals wären die Fuhrwerksgäule noch vom Schmied an der Esse beschlagen worden und für die klimatisierten Supermärkte der beiden größten Schweizer Handelsketten hätte man noch nicht das halbe Dorf (an dieser Stelle ist sozusagen die kleine „Altstadt“ der feinen Wohngegend gemeint) entkernt gehabt. Viele Deutsche kennen das hier Beschriebene vom eigenen Augenschein, denn gleich hier befindet sich der Tramausstieg für die Fondation Beyeler, einen der Tempel des internationalen Kunsttourismus. Wahrscheinlich ist den allerwenigstens je in den Sinn gekommen, dass hier schon ein halbes Dorf fehlt und mehrere Hufschmiede. Es schaut so gemütlich aus. Jedenfalls, und das ist der Punkt: Der kleine Alain Claude wuchs idyllisch auf dem Lande auf, hatte aber früh schon die Großstadt und ihre Kultur in Sichtweite, konnte sich also ausmalen, was aus ihm werden sollte.

Angenehm lesbar und feuilletonistisch geschmackvoll ist dieses Bändchen, bestreiten lässt sich das nicht. Gutes Mitbringsel für Leute, die man in Basel vielleicht mal kurz getroffen hatte, vor Jahren, vielleicht weil sie gleich hinter der Grenze, im billigeren deutschen Hotel, einen Rastetag für ihre Rückreise aus Italien eingeschoben hatten. Es mag sogar sein, dass Sulzer mit dem überschaubaren Band sogar dem einen oder anderen Ortsunkundigen noch mal vor Augen führen kann, was diese Stadt am Ufer von Hoch- und Oberrhein für einen wunderschönen Ausbund an Humanistenerbe, Museenkultur und Beizlikultur zu bieten hat. Jedenfalls ein kleines bisschen mehr Urbanität als Sindelfingen, Gießen, Pirmasens, Schweinfurt und Eisenhüttenstadt. (Und zwar alle zusammen.) Was aber die von gewissen Rezensenten gepriesene Eleganz der deutschen Sprache des Autors Claude Alain Sulzer angeht, kann ich nicht wirklich folgen.

Auch Paul Sacher gehört dazu, wobei er über die Grenzen Basels hinaus zum Synonym des Kulturmäzens wurde, was zum einen mit seiner schillernden Persönlichkeit, zum andern mit den Komponisten zu tun hat, die in den Genuss seiner Wohltaten kamen, deren Namen (Strawinsky, Martinῡ, Bartók, Henze - um nur drei von unzählig vielen zu nennen) wir noch heute täglich weltweit in Konzertsälen, auf CDs und im Rundfunk begegnen.

Gewiss, Herr Sulzer wird im Konzertsaal jeden Tag ein und aus gehen und dort von großartigen Namen mit Handschlag begrüßt, aber mir gingen auf die Dauer diese paar wenigen Namen ab, die ich meinerseits mit der Kultur Basels irgendwie in Zusammenhang gebracht sehen wollte: Hans Holbein d.J., Matthäus Merian, Hermann Hesse, Friedrich Dürrenmatt, Werner Düggelin, Rainer Brambach, Ulrich Becher, Alfred Rasser, Fred Spillmann, Georg Kreisler, Heidi Abel, Urs Widmer, Jörg Läderach, Rolf Hochhuth, Zoë Jenny. Immerhin kommen das „Läckerli Huus“, der „Zolli“ (Zoologischer Garten) und die berühmt-berüchtigte Fasnacht („Druggede und Schwobe wo blitze“) vor.

Den kulturellen Engagements der im Chemiekonzern Hoffmann-La Roche (heute international nur noch: Roche) vereinigten Basler Familien, zu denen, angeheiratet, auch der erwähnte Dirigent Paul Sacher gehörte, widmet Sulzer überraschend viel Platz. Auch der zweite Chemieriese, Novartis (entsprungen einer Hochzeit von Sandoz, Ciba und Geigy), wird brav gelobt. Formidabel sei, was als Architekturpark auf dem nordwestbasler Industriegebiet entstanden sei. (Allerdings, eingezäunt und bewacht und nicht so einfach zugänglich, was der Autor zu erwähnen vergisst.) In Basel steht schon auch sonst allerlei bemerkenswerte moderne Architektur herum. Sie musste den Beschränkungen des Buchumfangs zum Opfer fallen. (Siehe die Namensliste weiter oben.)

Was Sulzer offenbar liebend gerne zu tun pflegt, ist, gepflegt, aber nicht hochgestochen, zur Begleitung gepflegter Weine in ruhigen Basler Lokalen essen zu gehen. Als Ex-Berliner empfindet er auch die Notwendigkeit, Leser aus dem „großen Kanton“ auf das Preis-Leistungsverhältnis der Schweizer Restaurants dezent schon einzustimmen. (Man verdient in Basel halt auch besser. Die Millionäre und Kunstsammler in Riehen wurden erwähnt.) In dieser Zwangslage kennt Sulzer eine Alternative, die allerdings weder dem Lesenden, der was über Basel erfahren möchte, noch dem Zweitagestouristen viel nützen kann. Man kehre doch nicht in Basel ein, sondern beim herrlichen südbadischen Essen im benachbarten Markgräflerland. Sowieso zeigt Sulzer sich verschnupft, dass man mehr oder weniger nirgends in Basel nach 22.30 Uhr noch ein frisch zubereitetes, genießbares, warmes Mahl bekommt. (Also, McDonald's, Döner und Pizza, Nudel-Box haben sie da schon auch. Aber, liebe Deutsche, auch hierfür den Schweizer Mindestabstand zum glaublichen Preis vorher einkalkulieren!)

Kommen wir zur Frage, wo in einer so durch und durch bieder-bürgerlichen Stadt wie Basel der „Kiez“ sich befinden könnte. Also das urige Stadtviertel der diversen Menschen, wo man in Sommernächten draußen auf den Straßen trinkt. Dann hängt die Antwort von dem ab, den man befragt. Hansjörg Schneider, der die Bücher um den Kommissär Hunkeler schrieb, würde uns St. Johann empfehlen, linksrheinische Vorstadt, in der es tatsächlich noch immer große, mehrstöckige Mietblocks gibt, in denen tatsächlich echte Industriearbeiter, Studenten und Ausländer wohnen. Und eben auch Hansjörg Schneider.

Alain Claude Sulzer hat seine Stadtwohnung im rechtsrheinischen Kleinbasel (auf keinen Fall „ich gehe nach Kleinbasel rüber“ sagen, sondern „ins Gleibasel“ und auch Sulzer wohnt „im“ Gleibasel), sodass also die originellsten Kneipen sich für ihn dort drüben befinden. (Allerdings nach halb elf auch nichts mehr zu essen auftischen.) Sulzer tut nun ein wenig so, als wimmele es dort heute noch von Handwerkern und provisorisch untergekommenen Wohnungslosen. Was ich nicht bestätigen kann, man muss jedenfalls um halb elf keine Angst haben. Mich wundert aber schon, dass unser Autor Sulzer, der nebenbei als einer der bedeutendsten Queer Autoren deutscher Zunge gilt (er ist mit einem älteren Schauspieler aus Deutschland verheiratet), nicht darauf eingeht, dass „das Kleinbasel“ quasi ein volles Jahrhundert lang den Siedepunkt des Basler schwulen Nachtlebens bildete und es selbst heute noch nicht heteronormative Abendlokale dort gäbe. Das kann doch einem wie ihm nicht entgangen sein!
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