Ein Kind verschwindet. Dabei hat seine Mutter den Jungen nur für wenige Momente aus den Augen gelassen. Die Ermittlungen beginnen und schnell stößt die Polizei auf Verbindungen zu einem weiteren vermissten Jungen. Zum Auftakt seiner neuen Reihe erzählt Krimipreisträger Jan Costin Wagner eine spannungsgeladene Geschichte auf einmalig einfühlsame und literarisch meisterhafte Weise. Die Ermittler Ben Neven und Christian Sandner machen sich auf die Suche nach dem fünfjährigen Jannis. Zeugen erinnern sich, dass ein Mann mit einem Teddybär auf dem Arm das Kind während des Flohmarkts in der Grundschule angesprochen hat. Schnell wird Ben und Christian klar, dass sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten. Und nicht nur das: es scheint einen direkten Zusammenhang mit der nie aufgeklärten Entführung eines weiteren Kindes in Österreich zu geben. Die beiden Polizisten stoßen auf finstere Abgründe. Jan Costin Wagner verarbeitet in diesem ersten Band einer neuen Reihe gleich mehrere brisante gegenwärtige Themen und rührt dabei tief an in uns allen schlummernden Ängste. Doch das Wagnis gelingt – weil Wagner den Spagat zwischen Empathie und Zurückhaltung beherrscht und literarische Kriminalromane schreibt wie kaum jemand sonst.
Jan Costin Wagner is a German crime fiction writer. His novels are set in Finland and feature detective Kimmo Joentaa.
Wagner studied German Literature and History at university in Frankfurt, and later worked as a journalist. His first novel, "Nachtfahrt" (Night Trip) was published to much acclaim in 2002 and won the Marlowe Prize for Best Crime Novel. His wife is a native of Finland, and they spend time both there and in Germany.His 2007 novel The Silence (German: Das Schweigen) has been adapted to a 2010 German film of the same name in English; the original name of the film in German is Das letzte Schweigen, i.e. The last Silence.
Kindesentführung bzw. -mißbrauch ist das Thema. Ein Junge wurde entführt und zwei ähnliche Fälle konnten ermittelt werden. Die Handlung läuft kurz getacktet, kleine Kapitel, die immer von einer anderen Person handeln bzw. seine Sicht erzählt. M.E. kam damit für mich keine bzw. wenig Spannung auf. Es bleiben Handlungsstränge offen. Ich gebe dem weiteren Band eine Chance.
Vorab: ich bin ein großer Fan von Jan Costin Wagner! Er gehört für mich zu den ganz wenigen hochliterarischen Krimischriftstellern, die wir hier in Deutschland haben. Seine poetische und doch ebenso schlichte wie eindringliche Sprache ist einfach beeindruckend. Eine Stilistik, die man sofort wiedererkennt. Im besten Sinne. Seine Kimmo-Joentaa-Reihe habe ich mit großer Freude verschlungen. Als echtes Fangirl hatte seine neue Reihe rund um die Ermittler Ben Neven und Christian Sandner also per se schon Vorschusslorbeeren von mir bekommen.
Und ja, auch hier ist die Sprache wieder ganz groß. Doch das Thema ist eben noch größer, noch relevanter. Kindesentführung. Aber vor allem: Pädophilie. Was folgt, ist ein kleiner Spoiler. Ohne diesen geht es aber nicht. Denn es gibt da etwas, das die Handlung unterschwellig prägt und auch sehr früh thematisiert wird. Wenn auch nebenbei, was es noch härter und ungeheuerlicher macht. Aber fangen wir beim Fall selbst an. Der 5-jährige Jannis wurde von einem Mann entführt. Pädophilie als Tatmotiv liegt hier schnell auf der Hand. Ben Neven und Christian Sandner nehmen die Ermittlungen auf. Beide sind sie … nun ja … kaputt. Wenn auch auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Wobei die dunklen Seiten von Ben Neven deutlich aufgrund der Thematik im Vordergrund stehen. Womit wir beim Spoiler wären. Wer das nicht hören will, sollte an dieser Stelle bitte aufhören zu lesen.
Ben Neven, der Ermittler, der Jannis und den Pädophilen finden will, ist nämlich selbst pädophil. Genau das erzeugt ein sehr abgründiges Spannungsfeld. Neven steht also auch auf kleine Jungs, hat aber die unsagbare Grenze noch nie überschritten, holt sich zu kinderpornografischen Bildern, an die er vor allem durch seine Arbeit kommt, einen runter und vergeht anschließend in Schuldgefühlen, während seine Tochter (an die er ja zum Glück sexuell nicht interessiert ist) friedlich im Nebenzimmer schläft.
Das ist schon ziemlich harter Tobak, der stark am Gemüt sägt und Unglaubliches nahbar macht. Allerdings belässt es Jan Costin Wagner oft nur bei Andeutungen, arbeitet das (noch) schlummernde Monster in Ben Neven kaum aus, tippt es aber immer mal wieder zaghaft an. Dieses Antippen gilt allerdings auch für alle anderen Figuren. Mit leichter Feder und viel Sensibilität. Da muss man oft schon genauer hinlesen, um die Tiefe in den Charakteren zu erkennen. Die Ansätze sind aber da. Bei aller stiller Sprachgewalt, bei allen schonungslosen Menschenabgründen geht Wagner hier äußerst behutsam, ja, fast schon verhalten vor. Er entblättert noch nicht alle Schichten. Was sie dann aber wiederum etwas vage macht und mich als Leserin ratlos zurücklässt. Das reicht natürlich bei mir trotzdem allemal für vier Sterne, aber ich hoffe sehr, dass Wagner im zweiten Teil der Reihe nochmal eine Schippe drauflegen wird.
Der Stil ist Gewöhnungssache. Meistens toll, aber manchmal doch auch eine Spur zu gewollt. Die psychologischen (Un-)Tiefen seiner Figuren lotet der Autor gekonnt aus - das war beinahe fesselnder als der Fall an sich, der letztendlich durch Kommissar Zufall aufgeklärt wird. Insgesamt jedenfalls durchaus lesenswert und eine interessante Abwechslung zu dem, was der Krimi-Markt sonst so bietet.
Ein Mann geht, mit einem Kind, mit einem Teddybär. Kurz vor den Sommerferien waren sie zum Schulflohmarkt. Der Junge hat noch sein Spielzeug abgegeben, Mutter und Schwester redeten nur kurz mit einer Lehrerin. Und der Junge war verschwunden. Die Polizisten Christian Sandner und Ben Neven werden mit den Ermittlungen betraut. Niemand hat etwas bemerkt. Das Kind ist wie in Luft aufgelöst. Lediglich eine Überwachungskamera hat einen Mann mit einem Kind aufgenommen. Nur wenig ist auf dem Bild zu erkennen. Weitere Befragen sind zunächst ohne Erfolg. Die Ermittler entschließen sich, an die Öffentlichkeit zu gehen.
Aus den jeweiligen Blickwinkeln der handelnden Personen beschreibt dieser Roman die Suche nach einem kleinen Jungen. Dabei werden einfühlsame Einblicke in deren Innenleben gegeben. Die Familie des Jungen ist wie gelähmt. Haben Mutter und Schwester nicht genug aufgepasst? Der Vater hat es leicht, könnte man meinen. Er war beruflich unterwegs. Hat er es wirklich so leicht? Er hätte ja da sein können, so kurz vor den Ferien zu einer Schulveranstaltung. Und die Ermittler, natürlich sind sie fieberhaft bei der Sache. Aber manchmal sind sie auch abgelenkt. Niemand kann immer zu hundert Prozent konzentriert sein. Sandner wird an seine Jugend erinnert und Neven ist mit seiner Familie verwachsen. Doch nicht immer ist er ganz bei ihr.
Mit diesem Roman hat der Autor seinen Schauplatz von Finnland nach Wiesbaden gewechselt. Da ist man als Leser schon überrascht und muss sich erstmal zurechtfinden. Doch Jan Costin Wagner kann einfach schreiben. Mit manchmal nur wenigen Worten schafft er es, den Leser in die Welt der Polizisten, der Eltern und einiger anderer zu versetzen. Auch wenn nicht alles eingehend begründet wird, erfasst man doch die herrschende Stimmung. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Ermittlern und den Angehörigen. Denjenigen, die selbst kleinste Hinweise deuten müssen. Diejenigen, die am meisten leiden. Der Roman wirkt dabei weniger wie ein Krimi, sondern eher wie ein Stimmungsbild darüber, welche Auswirkung auf Gedanken und Gefühle sowohl der Angehörigen als auch der Ermittler das Verschwinden eines Kindes hat. Dieser etwas andere Ansatz gibt dem Buch eine besondere Note.
Kurz vor den Sommerferien besucht die Familie noch den Flohmarkt in der nahegelegenen Grundschule in Wiesbaden-Biebrich. Nur einen Moment ist die Mutter unaufmerksam und da ist der 5-jährige Jannis auch schon verschwunden. Das einzige, was am Tatort übrigbleibt, ist ein Teddybär – der jedoch nicht Jannis gehört. Christian Sandner und Ben Neven übernehmen die Ermittlungen, die jedoch nur wenige Spuren zutage fördern. Es scheint jedoch einen ähnlichen Fall in Österreich gegeben zu haben und sie ziehen auch ihren ehemaligen Kollegen Landmann zurate, der den jungen Kommissaren üblicherweise gute Tipps geben kann. Doch der Junge bleibt verschwunden, denn der Täter und sein Mentor haben die Lage im Griff. Die Zeit rast und je mehr der Druck steigt, desto mehr müssen sich auch die Ermittler ihren eigenen Dämonen stellen.
Jan Costin Wagner ist schon seit Jahren eine feste Größe unter den deutschen Krimiautoren, mit seiner Kimmo Joentaa Reihe hat er seiner Wahlheimat Finnland ein literarisches Denkmal gesetzt, nun kehrt er nach Hessen zurück, wo er den schlimmsten Alptraum aller Eltern wahr werden lässt. Die einzelnen Kapitel begleiten die unterschiedlichen Figuren, wobei die Spannung nicht dadurch entsteht, dass man rätselt, wer der Mörder ist, dieser ist von Beginn an bekannt, die Frage ist viel eher, ob die Polizei ihn entlarven kann und wie Neven und Sandner bei diesem Fall mit ihren Emotionen fertig werden. Der eine von ihnen muss seine eigenen pädophilen Neigungen in den Griff bekommen, der andere hat den lange zurückliegenden Tod seiner damaligen Freundin immer noch nicht verarbeitet, der nun durch die Begegnung mit einer jungen Frau wieder voll in sein Bewusstsein gerät.
„Sommer bei Nacht“ ist kein klassischer Kriminalroman, es entsteht nicht die nervenaufreibende Spannung, auch ist man als Leser nicht in der Situation Spuren zu deuten und beim Lesen mit zu ermitteln. Der Roman ist viel eher psychologisch nah an den Figuren und zeigt, was ein solch extremer Fall mit ihnen macht: die Eltern des entführten Kindes, die Schwester des Jungen, die Ermittler, aber auch die Täter gewähren Einblick in ihr Innerstes, das den anderen Figuren verborgen bleibt. Sie alle kämpfen mit den Rollen, die sie für die Außenwelt spielen müssen und die oft weit von ihren Emotionen entfernt sind.
Thematisch ist der Roman – leider – hochaktuell, zeigt er doch Parallelen zu den Missbrauchsfällen von Lügde und Bergisch Gladbach, die viele Jahre unentdeckt blieben. Vor allem konnte mich die Darstellung des Haupttäters überzeugen, der dem Profil der Statistiken und nicht den oft weit verbreiteten Fehlannahmen entspricht. Er kann unbehelligt unter uns leben und wird dadurch besonders gefährlich. Ein großes Plus gibt es dafür, dass das Leid der Kinder völlig ausgespart wird, man kann es sich vorstellen und muss es nicht noch detailliert nachlesen.
Ein eher psychologisch interessanter, literarischer Krimi, der viel Raum für eigene Gedanken zwischen den Zeilen lässt.
- 4,5*: Düster, tiefgründig, spannend und ungewöhnlich auf die allerbeste Weise! -
* Spoilerfreie Rezension! *
Inhalt
Ein heißer Sommer. Es verschwindet: Ein Junge. Es taucht auf: Ein Teddybär. Zwei Ermittler mit ihren ganz eigenen Problemen sollen den Fall, der Parallelen mit einem Fall in Österreich aufweist, lösen…
Übersicht
Einzelband oder Reihe: Band #1 einer Reihe Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präsens Perspektive: weibliche und männliche Perspektive Kapitellänge: sehr kurz Tiere im Buch: + Es wird Fleisch gegessen. Es werden aber keine Tiere verletzt, gequält oder getötet. Triggerwarnung: Tod von Menschen, Pädophilie, Missbrauch von Kindern, psychische Krankheiten, Suizid
Warum dieses Buch?
Das Buch wird als „literarischer Krimi“ bezeichnet – das, die positiven Rezensionen und der ungewöhnliche Schreibstil weckten in mir das Gefühl, dass ich dieses Buch auf keinen Fall verpassen sollte!
Meine Meinung
Einstieg (5 Lilien ♥)
„‘Wenn er niemandem aufgefallen ist, trotz der großen Bären. Dann ist er mit ihnen verschmolzen, hat ihnen vielleicht sogar ähnlich gesehen?‘ ‚Den Teddybären?‘, fragt Ben. ‚Ja.‘“ E-Book, Position 357
Ich habe sofort und ohne Probleme ins Buch gefunden, obwohl der Schreibstil sehr ungewöhnlich ist. Gleich am Anfang ist man Zeuge der Entführung des kleinen Jungen und möchte natürlich wissen, ob es gelingen wird, ihn rechtzeitig zu retten.
Schreibstil (5 Lilien ♥)
„Die Worte verschwimmen wieder, dann verkleben sie, trocknen in Sekundenschnelle, sind hart und undurchdringlich wie Beton.“ E-Book, Position 1996
Der Schreibstil ist wirklich sehr ungewöhnlich und damit sicher auch nicht für jeden etwas, aber ich habe ihn von der ersten Seite an geliebt! Gerade weil er eben anders und etwas ganz Besonderes ist! Jan Costin Wagner geht mit Wörtern sehr sparsam um, fast wirkt das Buch stellenweise wie ein Experiment: Mit wie wenigen Wörtern kann ein Krimi geschrieben werden? Der Autor beweist: mit sehr wenigen! Nach der Lektüre dieses Buches kommt einem jedenfalls kurzzeitig jeder andere Roman sehr weitschweifig und redselig vor.
In „Sommer bei Nacht“ ist jeder Satz ist auf den Kern reduziert, da steht kein Wort zu viel. Die Formulierungen sind treffend und präzise, immer wieder gibt es auch Ellipsen und unvollständige Sätze. Sinneseindrücke blitzen wie kurze Bilder auf. Trotzdem ist die Sprache niemals oberflächlich– im Gegenteil, dem Autor gelingt es, in die Tiefe zu gehen und die Gefühle seiner Figuren intensiv zu beschreiben. Gleichzeitig weist die Sprache auch eine eigentümliche Schönheit auf, der ich mich nicht entziehen konnte. Die kreativen, außergewöhnlichen Metaphern und Beschreibungen überzeugen auf ganzer Linie!
Idee, Inhalt, Themen & Ende (5 Lilien ♥)
„‘Sie müssen ihn finden‘, sagt Dirk Meininger. Ja, denkt er. Endlich, das ist er, der Satz, der sich aus der Dunkelheit herausschält, der einzig wichtige.“ E-Book, Position 457
Mit „Sommer bei Nacht“ ist dem Autor ein ganz besonderer literarischer Krimi gelungen, der mit sprachlichen und erzählerischen Konventionen bricht. Immer wieder sind Ausschnitte aus der Werbung, aus Artikeln und Nachrichten, an die sich die Protagonisten unbewusst erinnern, den Kapiteln vorangestellt, was ich interessant fand. Sehr kurze Kapitel, mindestens 13 verschiedene Perspektiven, reduzierte Dialoge und die Enthüllung des Täters im ersten Kapitel machen dieses Buch zu einer ungewöhnlichen Lektüre, die besonders für VielleserInnen eine erfrischende Abwechslung darstellen dürfte.
Dadurch, dass der Täter von Anfang an bekannt ist, kann man sich bei der Lektüre nicht nur auf die Frage konzentrieren, ob der Junge rechtzeitig gefunden wird, sondern auch auf die psychischen Vorgänge im Inneren der Figuren. Neben den Ermittlungen stehen nämlich menschliche Abgründe im Vordergrund: Schwächen, Geheimnisse, psychische Labilität, Halluzinationen, Zweifel, Probleme, Verlust, eine schwierige Vergangenheit. Einer der Ermittler hat sogar selbst pädophile Neigungen, gegen die er immer wieder erfolglos ankämpft. Bei all seinen Themen gelingt es dem Autor, in die Tiefe zu gehen. Auch das Ende empfand ich als sehr gelungen. Insgesamt war für mich „Sommer bei Nacht“ eine ungewöhnliche, erfrischend andere und spannende Lektüre, die zwar manchmal merkwürdig war – aber das nur auf die allerbeste Weise! Daher wird es sicher nicht mein letztes Buch des Autors bleiben – die Fortsetzung werde ich mir nicht entgehen lassen.
Übrigens hat Jan Costin Wagner während der Arbeit an diesem Buch auch einige Lieder verfasst, die teilweise perfekt zur düsteren, melancholischen Atmosphäre passen. Wer sanfte, nordisch angehauchte Klänge mag, wird sich von Songs wie dem wunderschönen „Raven / A Bird Called Melody“ bestimmt (wie ich!) abgeholt fühlen. Wieso hat dieses Lied auf Youtube so wenige Klicks? Ich verstehe es nicht! Lasst euch diese Musik (vor allem, wenn ich das Buch schon gelesen habt) keinesfalls entgehen!
Figuren (4 Lilien)
Neben dem außergewöhnlichen Schreibstil überraschen auch die vielen Perspektivenwechsel: Der Täter, das Opfer, die Beamten und verschiedene andere Beteiligte kommen zu Wort. Kurz dürfen wir in ihren Kopf schauen und ihre Sicht der Dinge nachvollziehen. Diese vielen Perspektivwechsel sind mit Sicherheit nicht für jeden etwas, aber ich mochte sie und fand die Erzählweise sehr interessant. Spannenderweise ging das trotzdem nicht auf Kosten der Figurenzeichnung, denn diese wirkten dreidimensional und liebevoll ausgearbeitet. Ich hatte meist keine Probleme, mit den Protagonisten mitzufühlen und intensiv mitzuleiden. Ihre Verzweiflung oder Traurigkeit kam sehr intensiv bei mir an, was ich bei diesem reduzierten Schreibstil nicht erwartet hätte! Positiv erwähnen möchte ich auch noch den liebenswerten Lederer, einen pflichtbewussten, sanften, angenehmen Zeitgenossen, der immer als erstes im Büro ist und jeden Tag alles gibt – die Welt braucht mehr Leute wie ihn! ♥
Leider gibt es auch zwei Punkte, mit denen ich bei der Figurenzeichnung meine Probleme hatte. Einerseits muss man sich erst einmal daran gewöhnen, dass nicht nur der Erzählstil sehr einfach ist, sondern dass auch die Figuren auf die gleiche Weise denken und sprechen. Dadurch wirkten sie auf mich in den ersten Kapiteln irgendwie „einfältig“ und kindlich. Erst nach und nach habe ich mich an dieses Stilmittel gewöhnt. Zudem wirkten fast ausnahmslos alle Figuren auf mich psychisch sehr labil; ich wusste nie, was sie als Nächstes tun würden und vertraute ihnen nicht. Eventuell liegt auch das am Schreibstil und der ungewöhnlichen Erzählweise. Ich fand es interessant, aber manchmal auch befremdlich.
Mein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf die Hauptfiguren Ben und Christian. Beide waren gut ausgearbeitet (sie hatten verschiedene Lebensumstände und Geheimnisse) und ich hatte keine Probleme, mit ihnen mitzufühlen. Nur leider wirkten sie auf mich wie eine Person. Sie waren sich in ihrer Denkweise so ähnlich (hier gab es bei den Kapitel aus den verschiedenen Perspektiven überhaupt keinen Unterschied), dass ich sie ständig verwechselt habe und immer nachsehen musste, aus wessen Sicht ich die Geschichte gerade erlebe. Deshalb gibt es hierfür (weil mich der Rest des Buches so beeindruckt hat, nur) eine halbe Lilie Abzug. Ich würde mir wünschen, dass der Autor bei der Fortsetzung darauf achtet, dass man die beiden Protagonisten besser auseinanderhalten kann.
Spannung (5 Lilien ♥) & Atmosphäre (5 Lilien ♥)
Über Innsbruck: „[…] die fröhlichen Menschen sind von Bergen umzingelt. Das ist das Erste, was Christian wahrnimmt. Die Kluft zwischen Leichtigkeit und Bedrohung. Eine Bedrohung, die unverkennbar ist. Die über ihm aufragt wie ein schweigendes Monster, ohne Augen.“ E-Book, Position 724
In einigen Rezensionen habe ich gelesen, dass manche das Buch als sehr langweilig und spannungsarm empfunden habe. Das kann ich überhaupt nicht unterschreiben. Zwar handelt es sich bei „Sommer bei Nacht“ nicht um einen Thriller (das wird auch nicht behauptet), aber ich empfand den Krimi dennoch als sehr spannend. Eine subtile, psychologische Grundspannung durchzieht das Buch, die sich vor allem aus der Charakterentwicklung der Figuren ergibt. Viele von ihnen stehen an einem Abgrund, haben große persönliche Probleme. Ich empfand das Buch aber auch als sehr fesselnd, weil ich um das Leben des Jungen gebangt und gehofft habe, dass er rechtzeitig gerettet wird.
Auch die Atmosphäre im Buch fand ich wunderbar dicht, düster und unheilvoll. Zudem schwingt oft eine gewisse Melancholie und Traurigkeit mit, die ich sehr mochte. Obwohl die ganze Handlung im Sommer und in Deutschland (Wiesbaden) und Österreich (Innsbruck) spielt, zieht sich eine gewisse Kälte und Finsternis durch die Geschichte, die eigentlich für nordische Bücher typisch ist. Da überrascht es nicht, dass der Autor schon einige nordische Krimis geschrieben hat. Diese Einflüsse sind auch in „Sommer bei Nacht“ spürbar. Das Buch hat meiner Meinung nach ein gewisses Noir-Flair, was mir unheimlich gut gefallen hat.
Feministischer Blickwinkel (2 Lilien)
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): nicht bestanden! Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: ---
Es gibt durchaus ein paar Aspekte, die mir hier gut gefallen haben: Es gibt im Buch keine frauenfeindlichen Beleidigungen und teilweise wird mit Geschlechterstereotypen gebrochen; manchmal werden sie aber auch verstärkt durch eine klassische Rollenverteilung in den Familien. Zwei Dinge haben mich leider massiv gestört: Erstens, dass das Buch den Bechdel-Test nicht besteht und zweitens, dass das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht ausgeglichen war, sondern dass es viel mehr männliche Figuren als weibliche gab. Sehr negativ aufgefallen ist mir auch, dass es keine einzige weibliche Polizistin gab (die eine größere Rolle hatte), dafür waren die Angestellten in der Kantine klassisch weiblich... Das ist nicht mehr zeitgemäß! Wohin man blickt, sind alle Ermittelnden männlich, sogar der Beamte aus Innsbruck. Das finde ich wirklich sehr schade! Wenn es so wenige wichtige Frauenrollen im Buch gibt, ist es natürlich kein Wunder, dass der Bechdel-Test nicht bestanden wird. Hier würde ich mir wirklich wünschen, dass der Autor in Zukunft mehr Bewusstsein für dieses Thema entwickelt!
Mein Fazit
Mit „Sommer bei Nacht“ ist dem Autor ein ganz besonderer literarischer und tiefgründiger Krimi gelungen, der mit sprachlichen und erzählerischen Konventionen bricht. Ich mochte den präzisen, reduzierten, metaphernreichen und gleichzeitig schönen Schreibstil, habe intensiv mit den Figuren mitgefühlt und fand sowohl die subtile psychologische Spannung (die sich aus den menschlichen Abgründen ergibt) und die dichte, düstere und melancholische Atmosphäre mit nordischem Noir-Flair großartig. Für die Fortsetzung (die ich mir nicht entgehen lassen werde!) würde ich mir ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis (besonders bei der Polizei!), einen bestandenen Bechdel-Test und zwei Protagonisten, die leichter auseinanderzuhalten sind, wünschen. Insgesamt war für mich „Sommer bei Nacht“ eine ungewöhnliche, erfrischende und spannende Lektüre, die zwar manchmal etwas merkwürdig war – aber das nur auf die allerbeste Weise! Von mir gibt es daher eine große Leseempfehlung für alle, die offen eine neue Leseerfahrung sind. Taucht ein in diese Geschichte und findet heraus wie finster und kalt ein Sommer sein kann, wenn Jan Costin Wagner ihn beschreibt!
Es waren nur wenige Augenblicke, aber sie haben gereicht: auf einem Flohmarkt verschwindet der fünfjährige Jannis. Zurück bleibt ein großer Teddybär und die Aussage von mehreren Zeugen, die den kleinen Jungen in Begleitung eines Mannes mit einem ähnlichen Bären gesehen haben.
Als Ben Neven und sein Kollege Christian Sandner mit den Ermittlungen beginnen, gibt es eine Verbindung zu einem ähnlichen Vermisstenfall, bei dem ebenfalls ein Plüschtier gefunden wurde. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn je weiter Ben und Christian stoßen auf noch mehr Fälle, die teilweise Jahre zurück liegen.
Jan Costin Wagner schreibt sehr ruhig, aber auch sehr eindringlich. Der Krimi spielt sich zu einem großen Teil nicht bei den Ermittlungen ab. Ich lerne früh den Täter und seine Lebensumstände kennen und bin damit einen großen Schritt weiter als die Ermittler. Manchmal kommt es mir so vor, als ob Ben und Christian kein Team sind, sondern jeder von ihnen sich seine eigenen Gedanken zu dem Fall macht und eigene Ermittlungsansätze verfolgt.
Auch wenn die ihre Erkenntnisse immer wieder zusammenbringen, habe ich von doch den Eindruck gewonnen, dass die beiden kein Team sind, sondern eher nebeneinander her arbeiten. Sie machen sich Gedanken über den jeweils anderen, können sie aber nicht gut ausdrücken.
Wegen der ruhigen Erzählweise ist es ein eher ungewöhnlicher Krimi. Trotzdem war er mir auf keiner Seite langweilig, im Gegenteil. Durch die unterschiedlichen Sichtweisen hatte ich einen guten Überblick über Handlung und Charaktere.
Jan Costin Wagner ist ein bekannter deutscher Krimiautor, von dem ich gelegentlich schon gehört habe. Auch wenn Krimis nicht unbedingt mein bevorzugtes Genre sind, lese ich sie doch hin und wieder gerne, wenn mir der Sinn danach steht. Wagners neuer Roman Sommer bei Nacht dreht sich um das hochbrisante Thema der Kindesentführung und des Kindesmissbrauchs und ist schon aus diesem Grund ein Buch, das die Menschen bewegt. Ein Kind zu vermissen ist sicherlich einer der schlimmsten Albträume, die Eltern haben können und der Autor spielt in seinem Buch genau mit diesen Ängsten. Doch die Gefühle der Eltern sind in Wagners neuem Roman nur einer von vielen verschiedenen Handlungssträngen. Ein solches Verbrechen hat auch Auswirkungen auf das Umfeld aller davon betroffenen Personen. Wagner richtet daher den Fokus seiner Erzählung ebenso auf die ermittelnden Polizisten und deren Familien, auf die Geschwister der Kinder und natürlich auch auf die Täter
Natürlich sind die Charaktere im Buch nicht perfekt. Auch die Polizisten, die sonst oft „die Guten“ repräsentieren, haben ihre Probleme und einer von ihnen hat auch ein dunkles Geheimnis, das vom Wesen der Täter nicht allzu weit entfernt ist und gegen das er selbst ankämpft. Mir hat es gefallen, wie Wagner jeden der vielen Beteiligten mit seinen Gedanken und Gefühlen zu Wort kommen lässt. In keinem Buch, das ich bisher gelesen habe, gibt es zudem so viele Perspektivenwechsel in vergleichsweise schneller Abfolge, wie in Sommer bei Nacht, was den Lesern einen guten Ein- und Überblick über die Geschehnisse gewährt und gleichzeitig auch ein Antrieb ist, immer weiterzulesen, weil man unbedingt wissen möchte, wie die ganze Geschichte letztlich ausgeht. Einerseits hat mir das gut gefallen, andererseits hätte ich mir manchmal etwas längere Passagen gewünscht, in denen man tiefer in den Charakter einer Person eintauchen kann. Das ist jedoch nur mein persönliches Empfinden.
Die Handlung beginnt schon aus der Perspektive des Entführers und die Spannung hätte sich dann auch langsam steigern sollen. Leider, und das ist mein erster Kritikpunkt, konnte ich von einer Spannungskurve nicht mehr allzu viel spüren. Zwar habe ich weitergelesen, jedoch weniger wegen der Spannung, als aus Interesse, wie die Geschichte denn nun enden wird, also ob das Opfer überlebt und ob die Täter gefasst werden. Das war ohne größere Längen möglich, denn der Roman hat nur 320 Seiten und ist in knapp 6 Stunden gelesen. „Spannungsgeladen“, wie der Roman angepriesen wird, ist in meinen Augen etwas anderes. Ich würde ihn eher als interessant bezeichnen, vor allem was die Charaktere des Buches betrifft. Spannend wird es jedoch zum Schluss hin, wenn das große Finale die Handlung nochmal turbulent werden lässt.
In manchen Rezensionen wird er hochgelobt. Er ist Geschmacksache. Bisweilen. Der Schreibstil. Mit dem vielleicht nicht jeder klarkommt. Zwar passt er in manchen Situationen. In anderen aber nicht. Da sind sie nur nervig. Diese kurzen Sätze. Oft sogar ohne ein Verb. So wie in diesen paar Zeilen hier. Über mehrere Seiten kann ich das kaum ertragen… Kurzum, ich war vor allem im ersten Kapitel nicht sehr angetan von dieser ständigen Aneinanderreihung von kurzen Sätzen und Schlagworten. Es zu Lesen strengt ziemlich an und hinderte mich zum Teil noch tiefer in die Geschichte einzutauchen. Mit der Zeit ist es dann etwas besser geworden. Andere mögen diesen Stil vielleicht als „literarisch meisterhaft“ bezeichnen, für mich war es eher ein Stimmungskiller. Zugutehalten muss ich dem Autor jedoch seine überaus bildhafte Sprache und eine recht große Anzahl von Metaphern, zu denen die kurzen Sätze wieder sehr gut passten, da sie knapp Sinneseindrücke der Charaktere widerspiegeln, die kaum wahrgenommen, schon wieder verflogen sind. Mir hat das in diesem Zusammenhang wieder gut gefallen, weil es irgendwie eine unwirkliche, kaum greifbare Atmosphäre schafft. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Somit hat auch der Stil des Autors, wie seine Protagonisten und Antagonisten, seine Licht- und Schattenseiten, was zur Stimmung des Romans beiträgt.
Ich bleibe bei den Charakteren. Auch wenn Wagner seinen Leserinnen und Lesern gute Einblicke in ihr Gefühlsleben verschafft, blieben sie für mich über weite Strecken blass und unnahbar. Ich weiß ja nicht, ob es so beabsichtigt war, aber ich konnte mich in keinen von ihnen groß hineinversetzen. Wären sie alle gestorben, ich hätte ihnen, abgesehen vielleicht von den jungen Opfern, keine einzige Träne nachgeweint. Für mich ist das leider ein entscheidender Kritikpunkt an einem Buch. Charaktere, die mich nicht für sich einnehmen können, sind für mich ein absoluter Stimmungs- und Spannungskiller, weil sie mir völlig egal sind. Daher interessiert es mich auch kaum, wie die Reihe weitergeht. Die Ideen hinter den Charakteren fand ich jedoch gut, denn es gibt für alle eine Vorgeschichte, die sich den Lesern sukzessive erschließt und auch die Beziehungen der Personen untereinander spielen eine Rolle für die Entwicklung der Handlung.
Den Schluss fand ich gut gelöst, wenn es da auch eine Sache gab, die in meinen Augen ziemlich unglaubwürdig herüberkam und die ich dem Protagonisten so nicht abnehme. Dunkle Geheimnisse hin oder her, diese Reaktion ist für einen Polizisten nicht glaubhaft und bleibt als Kritikpunkt zurück. Ich sage natürlich nicht, um was konkret es sich dabei handelt.
Mein Fazit
Ich bin hin- und hergerissen. Zum einen fand ich das brisante Thema, dem sich der Autor in seinem Krimi annimmt, recht gut umgesetzt, insbesondere was die emotionale Ausgestaltung und die Einblicke in Gedanken und Wesen der Charaktere betrifft. Zum anderen haben mir der streckenweise doch recht knappe Schreibstil, die unnahbaren Charaktere und auch der zum Teil unglaubwürdige Schluss etwas die Spannung genommen, die ich mir gewünscht habe und den Lesefluss beeinträchtigt. Da dies jedoch nur mein ganz persönliches Empfinden ist, möchte ich interessierte Leserinnen und Leser nicht abschrecken Sommer bei Nacht zu lesen. Das Buch ist, von meinen Kritikpunkten abgesehen, ein durchaus solider Roman, der Krimi-Freunde begeistern könnte.
Herzlich bedanken möchte ich mich noch beim Galiani Verlag Berlin für das E-Book zur Rezension.
Mitten aus dem Gewimmel eines Schul-Flohmarkts verschwindet Jannis, der jüngere Bruder der Schülerin Sarah. Zeugen werden später aussagen, dass sie kurz zuvor einen fremden Mann beobachtet haben, der nicht zur Schul-Familie gehört und sich zugleich so unauffällig in der Menge bewegen konnte, dass niemand Verdacht schöpfte. Die Ermittler müssen sich in die Gedankenwelt ihrer jungen Zeugen versetzen und zunächst lernen, die Beobachtungen von Kindern richtig zu lesen. Der Austausch mit seinem pensionierten Kollegen Landmann vermittelt Ben Lederer schließlich Landmanns bildhafte Vorstellung vom Auftreten des Täters und von dessen Umfeld. Beides kann Ben lange nicht in die übrigen Hinweise einordnen. Landmann denkt so bildhaft, wie die Ermittler im Umgang mit Kindern selbst denken müssten. Als sich Verbindungen zu einem ähnlichen Fall in Österreich ergeben, läuten bei den Ermittlern die Alarmglocken. Was haben ein Flohmarkt für Kinderartikel und ein Rummelplatz als Tatorte gemeinsam – und welchen Einfluss hat es auf Ermittlungen, wenn Eltern eines Entführungsopfers einen Asylantrag gestellt haben?
Jan Costin Wagner lässt seine Leser direkt in die Gedankenwelt von Tätern, Opfern und Zeugen blicken. Schon im ersten Handlungsstrang hatte ich den Eindruck, dass die betreffende Person den Lesern damit mehr über ihre Emotionen und Motive preisgibt, als gut für sie ist. Da die Ermittler weniger wissen als die Leser, folgt man mit höchst ungutem Gefühl Ben und Christian bei ihrer Arbeit und erhält tiefen Einblick in die Psyche der Kriminalkommissare. Einsatzleiter Christian Sandner beschäftigt sich in Gedanken mit dem Tod. Er „hat seine Mitte verloren“, wie Kollege Ben über ihn sagt. Im Dienst agiert Christian dagegen selbstkritisch. Er ist sich z. B. bewusst, dass Zeugen in Vernehmungen in ein Rollenspiel aufgezwungen wird.
Auch wenn in diesem Roman ein Kind entführt und gefangen gehalten wird, empfinde ich die Vorgänge nicht als direkt grausam. Die Beunruhigung wächst eher subtil, je tiefer ich in die Motive der Figuren blicken kann. Da zwischen der Handlung und Straftaten an Kindern in der jüngsten Vergangenheit deutliche Bezüge herzustellen sind, sollten Betroffene mit Triggern rechnen. „Sommer bei Nacht“ ragt aus meiner Sicht heraus mit seiner Darstellung - nicht nur - kindlicher Denkweisen, die Kimmo-Joentaa-Romane haben mir jedoch besser gefallen.
Der Grundgedanke, dass ein pädophil veranlagter Kommissar eine Kindesentführung lösen soll, ist ja schon mal heikel und kann literarisch viel Spannung bieten, allerdings fand ich sowohl den Schreibstil als auch die Anlage der Erzählung wenig ansprechend.
Die Gedankengänge sind sehr abgehackt, die Protagonisten wirken an vielen Stellen abwesend, die Erzählstränge dadurch eher zerfasert. Das macht‘s nicht so wirklich flüssig lesbar.
Dass die Lösung dann eher etwas zufällig angebahnt wird, macht‘s für mich dann endgültig enttäuschend, auch wenn „Kommissar Zufall“ ja häufig eine Rolle spielt. Aber das war mir dann doch etwas arg platt. Gerade, weil es ja schon eine andere Möglichkeit im Laufe des Buches gegeben hätte, auf die noch mal hätte angespielt werden können.
So war das leider für mich nicht so wirklich was, und ich überleg, ob ich von JCW noch weitere Bücher lesen kann und will.
Jan Costin Wagner gilt als "Poet unter den Krimiautoren". Dies und die Inhaltsangabe haben mich dazu veranlasst, das Buch anzufragen. Nun bin ich bei knapp der Hälfte des Romans und er hat mich immer noch nicht gepackt. Es kommt keine Spannung auf, die ständigen Sprünge der Blickwinkel und auch der Schreibstil machen es mir so schwer. Obwohl ich ja doch schon verhältnismäßig weit bin habe ich immer noch kein Bild der einzelnen Akteure im Kopf, kann teilsweise noch nicht einmal auf Anhieb die Namen zuordnen. Vielleicht bin ich momentan einfach nicht frei genug im Kopf - somit lässt sich wohl sagen, dass "Sommer bei Nacht" kein Krimi ist, den man schnell so nebenbei weglesen kann.
Schöner und teils poetischer Schreibstil, allerdings haben mich einige Dinge gestört: 1. Die Art und Weise, wie der Fall gelöst wird erscheint mir arg an den Haaren herbei gezogen. Warum geht Ben los und trifft sich ein zweites Mal mit Nadine? Was treibt ihn dazu? Dass ausgerechnet Sie den entscheidenden Hinweis gibt erscheint mir ein arger Zufall. 2. Die angedeutete Pädophilie von Ben finde ich deplatziert, wenig Hintergrundinfo, wenig Details, man erkennt eine deutliche Ironie darin, allerdings wird mir nicht ganz klar, warum. Für mich wirkt das ein wenig wie eine recht plumpe Art dem Charakter mehr Tiefe zu geben.
Alles in allem: Guter Stil, inhaltlich aber ausbaufähig.
Bei dem 320-seitiges Roman geht es um harte Kost: Kindesentführung und Missbrauch.
Wiesbaden. Sommer. Gegenwart. Marko kauft zwei riesige Teddybären, geht um die Mittagszeit auf einen Flohmarkt, der auf dem Pausenhof einer Grundschule stattfindet, verführt und entführt den 5-jährigen Jannis mit Hilfe eines der beiden Stofftiere.
Ganz problemlos. Ganz unauffällig. Ben und Christian ermitteln und Ben sucht dabei immer wieder den Rat von Ludwig Landmann, einem Ermittler im Ruhestand.
Ein ähnlicher, aber bis heute nicht aufgeklärter Fall erregt ihre Aufmerksamkeit: In Innsbruck verschwand vor einem Jahr der 7-jährige Dawit aus Eritrea. Auch da war ein Teddybär im Spiel.
Und dann stoßen sie noch auf Lars, einen 8-jährigen Jungen, dem ein Unbekannter in einer Buchhandlung ein Stofftier schenken wollte, das so flauschig aussah... fast so wie ein Teddybär. Ist es der gleiche Täter?
Werden Ben und Christian den oder die Täter finden? Werden sie die Jungen finden?
Zwei Katastrophen, die die Familien der Jungen ins Bodenlose stürzen und auch die Ermittler ins Schlingern bringen.
Einfühlsam und ausdrucksstark zieht der allwissende Erzähler den Leser in die Handlung hinein. Darüber hinaus werden aber auch die äußeren Lebensumständen und die Innenwelten der Ermittler beleuchtet und auch die anderen Figuren erwachen zum Leben und kommen einem nahe. Ben und Christian sind etwas skurrile und melancholische Ermittler mit Geheimnissen, die nur ansatzweise oder häppchenweise gelüftet werden.
Die Sprache ist metaphorisch und poetisch, also eher untypisch für einen Krimi. Sie macht die Lektüre zu etwas Besonderem. Melancholische Stimmung und beklemmende Atmosphäre werden brillant vermittelt. Nicht umsonst wird Jan Costin Wagner „der Poet unter den Krimiautoren“ (dpa) genannt.
Ich muss gestehen, dass sich das Zusammentreffen von poetischer Sprache und Krimigenre mit zunächst erwarteten sachlich-nüchternen Polizisten und abgebrühten Verbrechern anfangs etwas widersprüchlich und seltsam, da ungewohnt, für mich anfühlte. Aber dieses Gefühl legte sich schon bald und der Genregrenzen sprengende „Mix“ entfaltete seinen Charme.
Etwas ungewöhnlich aber ins Buch hineinziehend und das Geschehen vorantreibend sind die recht kurzen Kapitel, die mit den Vornamen der Protagonisten überschrieben sind. Ein faszinierender Kunstgriff, denn auf diese Weise steuert der Autor Intensität und Tempo und fühlt sich der Leser ganz schnell mittendrin. Gegen Ende geht es Schlag auf Schlag. Die Aufklärung steht an. Die Kapitel werden kürzer und die fokussierten Personen wechseln immer schneller.
Ein klassischer Krimi muss ja eigentlich nur spannend, packend und nachvollziehbar sein. Wenn dann auch noch eine schöne bildhafte Sprache mit Metaphern und eine zum Nachdenken anregende und ernsthaft und fundiert aufgearbeitete und aufgegriffene brisante Thematik dazukommt, dann wird aus dem klassischen Krimi ein kunstvoller, ästhetischer, interessanter, wichtiger, aktueller und spannender Roman.
„Sommer bei Nacht“ ist so ein Roman. Eine intensive und lesenswerte Lektüre.
Audiobook Rezension Jan Costin Wagner verlässt mit Sommer bei Nacht das finnische Setting seiner Kimmo-Joenta-Reihe und wechselt nach Wiesbaden. Der kleine Jannis wird auf einem Schulflohmarkt entführt, als Mutter und Schwester kurz nicht auf ihn achten. Ben Neven und Christian Sandner ermitteln, haben aber nur wenige Spuren, denen sie folgen können. Erst durch die Medienberichterstattung treffen weitere Hinweise ein, doch letztlich ist es ein Zufall, der schließlich den Durchbruch bringt.
Sommer bei Nacht hat zahlreiche Erzählperspektiven, kurze Kapitel sind jeweils mit dem Namen des Erzählenden getitelt. Beim Hörbuch erschwerte dies bei nur einem Vorlesenden, Torben Kessler, manchmal das Verständnis, wenn man den Perpektivwechsel nicht immer sofort erfasste. Zudem waren die sprachlichen Kontraste des Gedankenflusses der einzelnen Perpektiven nicht sonderlich groß, was zum Teil verwirrend war. Dahinter steckt aber vermutlich das Konzept, dass alle Beteiligten sich in ähnlich schwierigen persönlichen Situationen befinden und zwar mit unterschiedlichen Dämonen kämpfen, aber alle ihre Abgründe in sich tragen. Oft findet die Handlung parallel zu einem intensiven inneren Erleben der Charaktere statt, nicht immer sind Handlung und Gefühl dabei in einem direkten Zusammenhang, vielmehr beeinflussen Stimmungen die Wahrnehmung oder trüben sogar die Sicht. Literarisch ist dies durchaus interessant, für mehr Stringenz des Plots hätte ich mir aber einige Perspektiven und Nebenhandlungen weniger gewünscht. So lernen wir die Charaktere intensiv und mit ihren Schwächen (von denen einige schwer auszuhalten sind) kennen, der tatsächliche Fall gerät dabei trotz seiner Grausamkeit in den Hintergrund und wird "nebenbei" und nur durch Zufall aufgelöst.
Am Ende bleiben einige schwerwiegende Fragen offen, am problematischsten dabei die Fragen einer Haltung zur Pädophilie und zur Selbstjustiz. Was bleibt, ist die Faszination mit Jan Costin Wagner ungewöhnlichem Erzählstil und seinen zerrissenen Charakteren.
Die Mutter hat ihren Jungen nur kurz aus den Augen gelassen und schon ist er weg. Was zunächst noch harmlos beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Suche nach einem vermissten Kind und es soll nicht das einzige bleiben. Die Ermittler werden mit finsteren Abgründen konfrontiert.
Meine Meinung:
Jan Costin Wagners Schreibstil ist ungewöhnlich. Er verwendet extrem viele kurze Sätze, dadurch wirkt der Schreibstil mitunter ein wenig abgehackt. Zudem schreibt er in der Gegenwartsform, was das Lesen auch immer ein wenig schwerfälliger macht. Zusätzlich hat man es mit ständigen Perspektivwechseln zu tun. Kommt man mit all dem zurecht, erwartet einen hier ein Buch, dass es wirklich in sich hat. Die Story ist heftig und gut erzählt. Man blickt hinter so manche Fassade, die Einblicke sind auch nicht immer sehr angenehm, passen aber gut zu den Charakteren. Die Protagonisten sind gut ausgearbeitet und gerade die Ermittler haben mir gut gefallen.
Krasses Buch. Kurzer, knapper, sehr gut funktionierender Schreibstil. Arges Dilemma: es geht um Kindesmissbrauch, Verlust und um einen Protagonisten, der eigentlich völlig sympathisch aber pädophil ist. Selten lag ich so im Zwiespalt mit einer Hauptfigur, wie hier. Vom Ende her könnte das sich wohl zu einer neuen Romanreihe entwickeln, die ich tatsächlich weiterlesen würde, allein um zu erfahren, ob Pädo-Prota überführt wird. Großes Minus: klassisches "ich bin eigentlich ein guter Cop aber auch nur Mensch" Klischee, das man aus vielen anderen Dingen kennt. Cops, die sich gegenseitig decken. Cops, die statt Teamwork den Lone-Wolf-Weg gehen. Sowas kann ich ja so gar nicht leiden. Wäre aber interessant zu sehen, wie das hier weitergeht. Positiv: Durch Pädo-Prota wird mal wieder stark verdeutlicht, dass Kindesmissbrauch und Pädophilie nicht von 'denen' begangen wird sondern von Menschen, die man kennt. Definitely drives THAT point home.
Ein fünfjähriger Junge verschwindet während eines Schulflohmarktes, als seine Mutter ihn nur kurz ablenkt. Er verschwindet, und an seiner Stelle bleibt, wie ein Andenken, oder als ob er eine Leere füllen würde, ein Teddybär. Die Überwachungskameras fangen das Bild des Kindes ein, das händchenhaltend mit einem Mann weggeht. Er hält einen Teddybär, und der Mann selbst sieht aus wie ein Teddybär. Dies löst die Ermittlungen aus, die Wagner aus der Sicht aller Beteiligten beschreibt, von den Ermittlern über die Familie des Kindes bis hin zum Entführer selbst. Jeder von ihnen erzählt eine Geschichte und berichtet ein wenig über sich selbst, seine Stärken, Schwächen, Träume und unaussprechlichen Geheimnisse. Am Ende wird das Rätsel gelöst und das Kind gefunden, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass sich alle Figuren verändern, mit sich selbst Frieden schließen oder in neue Verzweiflung geraten. Wagner bestätigt sich einmal mehr als Vollblutautor.
Voici un roman policier glauque au style lapidaire, avec des personnages qui réservent des surprises. Même si je suis restée un peu sur ma faim, le roman est très bien construit. L'histoire racontée à plusieurs voix de façon quasiment télégraphique ajoute à l'angoisse de voir le temps avancer puisqu'il s'agit d'une disparition d'enfant. Moments malaisants à souhait. Les personnages sont englués dans leur passé qui trouve des échos durant l'enquête.
Je suis un peu confuse au sujet de l'histoire en parallèle d'un ex-policier et de sa fille. Peut-être que l'auteur souhaitait démontrer que les personnes que l'on croit connaître sont celles qui cachent les plus grands secrets. Ti-clin d'œil frissonnant.
das buch war echt gut, aber trotzdem irgendwie eine enttäuschung für mich... ich habe mir viel erwartet von dem lyrischen schreibstil und dem spannenden plot, das ich einfach nicht bekommen habe. je länger ich gelesen habe, desto mehr hat mich der stil gestört und mich aus der story rausgebracht. ich fand es vor allem irritierend, dass es zwar multible perspektiven gab, aber jede person einfach... gleich geklungen hat. ich konnte keine individuellen charaktere erkennen oder dass sich bestimmte gmütslagen im schreibstil wiederspiegeln. auch der plot war auf dauer nicht so aufregend wie zu beginn, es waren einfach zu viele lücken die nicht gefüllt und fragen, die nicht beantwortet wurden.
I read this book in french (i can't read german). I wanted to read a book published in another country, to go out of my comfort zone, but it was a bad choice lol I found it rather interesting, and intriguing, and i even had a favorite character But there was a horrible scene, involving this character, at around 30 %, and i couldn't continue after that. I did want to know how it ends, but if there are other scenes like that, thanks but no thanks I wouldn't say don't read it, because it's not bad, but check before reading about trigger warnings ! My sister may read the book so i'll just ask her how it ends...if i'm still interested to know by then... Needless to say this character is not my favorite character anymore.....
PS sorry for the bad rating, i couldn't give a better one
Unfassbar beklemmend, und wahnsinnig gut. Es zieht einen tief in und durch die Geschichte. Der realistische Schreibstil und die stark intuitive und emotionale Schreibweise verleihen dem Buch einen unverkennbar eigenen touch den man sonst nirgends findet. Man braucht ein paar Seiten um sich daran zu gewöhnen aber dann ließt es sich unglaublich gut. Ich konnte bis zum Ende nicht vorhersehen wies aus geht. Hammer.
[3 Sterne] Nachdem ich diese Trilogie (ist es überhaupt eine Trilogie?) in der komplett falschen Reihenfolge gelesen habe, bin ich vermutlich nicht in der Lage, den Spannungsbogen des ersten Bandes vernünftig zu bewerten, aber ich fand den zweiten und dritten Band der Reihe wesentlich stärker. Die Charakterisierung der einzelnen Erzählstimmen fand ich hier noch nicht so gelungen wie danach und das Ende wirkt etwas übers Knie gebrochen.
Sensibilität. Das ist das Wort, was mir einfällt, wenn ich über das Buch nachdenke. Ein anderer würde wahrscheinlich aus dieser Story einen platten Krimi machen, den man nach einer Woche schon vergessen hat, aber nicht Jan Costin Wagner. Er macht ein literarisches Ereignis daraus, mit sensiblen Figuren, sensiblen Worten, Bildern, Gedanken. Und dieses wiederum wird man nicht vergessen.
„Sommer bei Nacht“ überzeugt vor allem mit einem sehr spannenden Ende. Der Wechsel der Perspektiven ist zwar ein interessantes Stilmittel, gelingt jedoch nicht immer. Zu Beginn braucht die Geschichte etwas Zeit, um den Charakteren mehr Tiefe zu verleihen, was den Einstieg etwas zäh macht. Alles in allem ist das Buch lesenwert
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Spannender Krimi, wenn auch manchmal die Art zu schreiben etwas seltsam wirkt, manche Gedankenverirrungen hätte man weglassen können-z. B. Bei den diversen Ermittlern, die irgendwohin abschweifen.