Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen - und liefert damit das politische Buch der Stunde.
Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt. Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama - mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.
Teil meines großangelegten Leseprojekts „Den Osten verstehen“. Bot Steffen Mau in „Ungleich vereint“ die soziologische Perspektive, stellt Kowalczuk die historischen Vorgänge rund um die deutsche Wiedervereinigung dar, mit einem weiten Blick zurück in politische und mentalitätsgeschichtliche Prägungen der DDR. Viele seiner Befunde decken sich mit denen Maus, u.a. die mangelnde zivilgesellschaftliche Tradition, der Austausch wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Führungskräfte durch West-Personal, Missachtung von Lebensleistung der ehemaligen DDR-Bürger. Doch erscheint mir Kowalczuks Darstellung in vielem differenzierter. Er kommt zu dem Befund, dass die Wiedervereinigung mit zu großer Eile erfolgte, dass eine Neugründung eines gesamtdeutschen Staates mit einer neuen Verfassung gegenüber dem erfolgten Beitritt der ehemaligen DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes wahrscheinlich vorzuziehen gewesen wäre, blieb doch der Westen von der Wiedervereinigung weitegehend unberührt, während im Osten der Eindruck entstand, regelrecht kolonisiert worden zu sein. Doch die demokratische Mehrheit wollte es anders, nicht zuletzt auch geblendet von den voreiligen Versprechen „blühender Landschaften“. Dabei betont Kowalczuk, dass die Bürgerrechtsbewegung der DDR nur von einer Minderheit getragen wurde, die sich eher für eine wenig konkret programmierte Reform des Staates einsetzte, dass der Ruf nach Wiedervereinigung eine Eigendynamik entwickelte, die viele übereilte und sich im Nachhinein als problematisch erweisende Entscheidungen zur Folge hatte. Der Ablauf der deutschen Wiedervereinigung ist ein Beispiel für jene Prozesse in der Geschichte, die im Rückblick problematisch, aus dem Moment heraus aber alternativlos erscheinen. Skeptiker wollte damals niemand hören, und doch haben sich viele ihrer Bedenken als berechtigt erwiesen. Die Erwartungen an ein wiedervereinigtes Deutschland waren so hoch, dass sie letztlich nur enttäuscht werden konnten, die Herausforderungen eines derart komplexen Prozesses wurden auf allen Seiten unterschätzt. Zwar zieht Kowalzcuk für sich persönlich, als jemand, der unter der DDR-Diktatur schwer gelitten hat, eine positive Bilanz im Hinblick auf Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, doch konstatiert er auch, dass diese Bilanz für eine große Zahl der Einwohner der ehemaligen DDR nicht gilt und diese ihr Heil in der Hinwendung zum politischen Populismus suchen.
Passend zum Tage der Thüringen-Landtagswahl ausgelesen: Mehr Essay als historisches Buch, mehr Erzählung als Thesen und Deutung. Vieles ist als solches bekannt (von der Treuhand über die Übernahme der Universitäten durch PDs, die sonst keine Professur bekommen hätten, bis zur ungebrochenen Fascho-Tradition), wird aber durch die geballte Präsentation eindrücklich. Bisschen zu lang und wiederholend und der Autor kann sich nicht recht entscheiden, wie viel konkrete Ereignisse und eigene Biografie er erzählen will. (Manches Detail wird dadurch unverständlich: Warum hatte er, Jahrgang 1967, in den frühen 1990ern mit der Besetzung geschichtswissenschaftlicher Professuren zu tun?)
Gelungene Darstellung und Analyse der Gemengelage in Ostdeutschland. Einzig einige persönliche Abschnitte hätte sich der Autor sparen können, welche aber nicht sehr ins Gewicht des Gesamtwerkes fallen. Gutes Buch, um einen Überblick über die komplexen Verflechtungen und inhärenten Kontinuitätslinien zu erlangen.
Interessante Geschichtsschreibung im Essay-Stil. Der Autor hat unfassbar viel Ahnung vom Thema und DDR- bzw. Ost-West-Debatten, das merkt man beim Lesen. Seine persönliche Meinung zu bestimmten Ereignissen, Personen etc. bringt er dabei sehr oft zum Ausdruck, was für mich Pluspunkt und Kritikpunkt zugleich ist (manchmal nervt es nämlich auch). An einigen Stellen wäre mehr Kontext wünschenswert, etwa in seinem Exkurs zur SED/PDS/Linkspartei
Kowalczuk, der, wie er selbst schreibt, im Zusammenbruch der ihm verhassten DDR persönlich nur Positives sieht, gelingt es in diesem Buch einigermaßen verständlich darzustellen, warum es vielen anderen nicht so ging. Trotzdem kommt er ohne erzieherische Belehrungen über die Werte von Freiheit und Demokratie für seine (ostdeutschen) Leser leider nicht aus. Stringenz ist keine Stärke des Autors und so gehen einige interessante Gedanken unter. Interessant waren einige Seiten zur Streikbewegung in der DDR 1990. Ein Buch, dass sich um die beiläufig eingestreute These des Autors gruppiert hätte, dass es eigentlich ein Wunder sei, dass die Transformation in den 1990er Jahren friedlich ablief, wäre vermutlich sowohl kompakter als auch lesenswerter ausgefallen. Viele sozialpolitische Themen die Kowalczuk berührt, kann man besser ausgeführt in Steffen Maus "Lütten Klein" aus dem gleichen Jahr nachlesen.