Ende der 1970-er Jahren etablierten Christopher Lasch mit "The Culture of Narcissism" und Richard Sennett mit "The Fall of Public Man" den kulturellen Narzissmus. Kultureller Narzissmus bezeichnet eine Form der Gesellschaftskritik, bei der sich soziologische Gesellschaftsanalysen psychologischer und psychoanalytischer Modelle bedienen, um der untersuchten Gesellschaft Narzissmus zu diagnostizieren. Für die sogenannte "Me-Decade" haben Lasch und Sennett das zwar auf unterschiedliche Weise getan, sind dabei aber den komplexen Wechselwirkungen zwischen Gesellschafts- und Persönlichkeitsstruktur gerecht geworden und haben somit beide überzeugende und anregende Argumentationen aufgestellt.
Von einer solchen könnte Maaz' "Die narzisstische Gesellschaft" nicht weiter entfernt sein. Ohne empirische oder statistische Belege (die sucht man in diesem Buch sowieso vergebens; die Bibliographie umfasst gerade einmal 8 Texte, 3 davon von Maaz selbst) stellt er die Prämisse auf, dass die Gesellschaft "ähnlich der Pest im Mittelalter" (17) bereits komplett von Narzissmus durchdrungen ist. Nicht nur vergleicht er hier also eine ansteckende Krankheit mit einer Persönlichkeitsstörung (an dieser Stelle musste ich nochmals nachschauen, ob der Autor tatsächlich Psychotherapeut ist), er ignoriert auch sämtliche bekannten Zahlen zur tatsächlichen Verbreitung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung (welche je nach Quelle und Kriterienkatalog bei 1-3% der Gesamtbevölkerung liegt).
Ausgehend von der Prämisse, dass wir alle bereits Narzissten sind (ohne zu erklären, warum), streckt Maaz den moralisierenden Zeigefinger in verschiedenste Richtungen aus und behauptet, diese und jene gesellschaftlichen Entwicklungen und Geschehnisse seien auf ebendiesen Umstand zurückzuführen. Die Monokausalität und der Reduktionismus, den er dabei an den Tag legt, nimmt dabei teilweise lächerliche Züge an -- beispielsweise, wenn er den Beifall für einen Künstler nach dessen Performance als "narzisstische Bedürftigkeit des Publikums" nach "unendliche[m] 'Stillen'" (50) deutet. Oder noch schlimmer: Wenn er schreibt, dass "[o]hne eine schwerwiegende narzisstische Erkrankung der Mehrheit des deutschen Volkes [...] ein Hitler und ein real existierender Nationalsozialismus nicht möglich gewesen" wären (203). Auch ganz allgemeinen Phänomenen wie Gewalt unterstellt er -- ohne in irgendeiner Form zu differenzieren oder alternative Erklärungen auch nur einzuräumen -- die "narzisstisch begründete Not" als "wesentliche Quelle" (202).
Soziologisch ist dieses Buch eine Lächerlichkeit. Lesenden, die sich für Studien des kulturellen Narzissmus interessieren, empfehle ich deshalb die oben erwähnten Studien von Lasch und Sennett, die trotz ihres Alters noch immer höchst anregende Gedanken und spannende soziologische Erkenntnisse über die amerikanische Gesellschaft und Kultur bereithalten. Auch die sozialphilosophischen Texte von Byung-Chul Han zum Zusammenhang von Narzissmus und Gegenwartsgesellschaft sind empfehlenswert (z.B. "Agonie des Eros").
Lesenden, die auf der Suche nach einer systematischen Abhandlung des Narzissmusbegriffs und verschiedenster Ansätze der Narzissmusforschung sind, empfehle ich "Narzissmus - die Wiederkehr" von Hans-Werner Bierhoff und Michael Jürgen Herner.
Es war nichts besonderes; wenn man schon im Vorfeld viel über das Thema Narzissmus recherchiert hat, wird man hier nicht viel neues lernen. Interessant fand ich die Erklärung zur Prävention der Ausbreitung narzisstischer Eigenschaften! Im großen und ganzen war dies eine solide 3.5.
Das Buch an sich empfand ich als sehr anstrengend zu lesen. Größtenteils war es allerdings sehr interessant und informativ, besonders im Bezug auf die Politik und die deutsche Geschichte. Es gab einige Aussagen, denen ich nicht zustimme und außerdem war es für mich problematisch, dass der Autor die "Piratenpartei" so sehr gelobt hat. Es ist sehr gut, dass der Autor die Kinder und ihr Wohlergehen in den Mittelpunkt der Gesellschaft rücken möchte. Dabei stimme ich ihm voll und ganz zu. Besonders gefallen hat mir der Vergleich unseres Gesellschaftssystems mit der Titanic.
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Hans-Joachim Maaz führt den Leser mit einer bemerkenswerten Leidenschaft in das Thema "Narzissmus" ein, das er als den Hauptfaktor der Probleme in unserer Gesellschaft heute ausgemacht hat. Dabei beleuchtet er alle möglichen Ausdrucksformen von Narzissmus. Obwohl er anfänglich zwischen "gesundem" und "patholgischem" Narzissmus unterscheidet, bekommt der Leser nach spätestens drei Kapiteln das mulmige Gefühl, dass so ziemlich alles an einem ganz normalen Tag einem pathologisch narzisstischen Verhalten entspringt. Zwischenzeitlich macht es Mühe, dem Autor zu folgen, während er an anderen Stellen scheinbar schon lange Bekanntes kundtut. Wirklich lohnenswert sind nur wenige Kapitel, vor allem aber jenes über Politiker und deren Narzissmus. Das Buch ist grundsätzlich empfehlenswert, will man sich eine sehr breite Übersicht zum Thema verschaffen. Es fehlt einem aber auch nichts im Leben, hat man dieses Buch nicht gelesen.
Ich gebe keine fünf Sterne weil ich zum Einen glaube, dass die Erkenntnisse die von dem Autor geliefert werden uns allen doch bewusst sind. Ich hätte mir Lösungsansätze gewünscht. Es ist doch klar, dass in einer freien Geldwirtschaft sich einige mehr nehmen als Andere und es ist nicht richtig, dass Narzissten im Kern und allgemein verunsichert sind. Einige ja, alle bestimmt nicht. Ich glaube nicht, dass Narzissten das Problem sind. Wer würde denn nicht zugreifen wenn er eine Gelegenheit sieht? Mit mehr Geld kann man eben mehr machen und weil das enorm logisch ist, ist es auch unser aller Problem.
I have recently been one month in hospital due to a depressive crisis that just did not end, but kept getting worse. During my stay there, my mind was on overdrive, and one thing I realized was how many of my problems (and those of my fellow patients) are actually due to the insensitivity and narcissism of people close to us, and society in general.
After I left hospital, one of the first things I did was bringing my old books to the public library. And the first book I saw there was this one, so I immediately lent it.
The first chapters were great. Maaz begins with describing psychological narcisissm in a very accessible and simple way; and I was somewhat appalled to see how many of the symptoms I still showed, after two years of therapy. He then shows how this translates to society, whose prime exponents and influencers (politicians, managers, stars, even scientists and artists) necessarily have to be narcissistic to be able to get to their positions -- which definitively makes sense.
However, once you got this far, the further chapters offered less and less new information, it began to feel very repetitive.
Die narzisstische Gesellschaft von Hans-Joachim Maaz behandelt mehrere Bereiche, in denen der Narzissmus seiner Meinung nach eine Rolle spielt. Hierbei definiert er zunächst den Begriff Narzissmus um danach die Störung näher zu charakterisieren und auf deren Folgen hinzuweisen.
Irreführend finde ich dagegen so einige im Buch vertretene Ansichten. Dies betrifft zum einen die Äußerung, der Applaus des Publikums, das eine Zugabe verlange, wäre ein narzisstisches Verhalten und zum anderen die Äußerung, dass viele Eltern ihre Kinder fehlerhaft erziehen würden (für ihn gibt es anscheinend nur die Vernachlässigung oder die Falscherziehung) und das grundsätzlich jeder Politiker nur aufgrund seines Narzissmus ein solcher geworden ist. Dabei dehnt er meiner Meinung nach den Begriff des Narzissmus viel zu weit aus, so dass der Eindruck entsteht, dass grundsätzlich jeder Einzelne an einer narzisstischen Störung leiden würde.
Zudem gibt es viele Wiederholungen und der Schwerpunkt im Buch wird eher auf Beziehungen und Erziehung gelegt als auf die Gesellschaft als solches.
Fazit: Leider nur eine durchschnittliche Abhandlung zum Thema Narzissmus.
Maaz erklärt die narzisstische Störung besonders in den ersteren Kapitels plausibel und informativ, jedoch zeigt sich besonders der Bezug zur Gesellschaft sehr einseitig. Nach Maaz ist die narzisstische Störung einzig und allein das Produkt einer gestörten Bindung zur Mutter bzw. zum Vater, andere Ursachen werden jedoch vernachlässigt. Als Beispiele verwendet er oft Politiker und Prominente, die allerdings nicht als Quelle, sondern mehr als Stoff für Spekulationen dienen. Statt eine auf wissenschaftlichen Studien beruhende Lektüre ist dieses Buch also eher eine (teils irrationale) persönliche Darstellung der Gesellschaft.
Dass die heutige Konsumgesellschaft Narzismus nicht nur fördert sondern fordert ist ja unter Psychologen und Menschen, die mit zwei Augen durchs Leben gehen, eine geläufige These. Maaz ' unterhaltsame aber auch ein wenig seichte Abrechnung mit dieser Narzismusgesellschaft punktet vor allem in Sachen Aktualität. An Gutti, Wulfi und Konsorten lässt sich die Ausgangsthese trefflich begründen.
Ein gutes Buch, dem es in einer angenehm unaufdringlichen Sprache gelingt, eindringlich einen Finger in die (auch eigenen) Wunden zu legen. Es macht Lust, dem Autor auch weiterhin zu folgen, der in Zeiten gerade des von ihm diagnostizierten Immermehr und Immerlauter eine Situations- und Wahrnehmungsanalyse vorlegt, die sich von diesen leise abhebt, gerade in dem sie nicht sensationlüstern die Wirklichkeit krud-verkürzende Thesen aufstellt. Empfohlen.
Erstmal bin ich beruhigt, dass ich mir dieses Buch nicht gekauft habe. Es ist wahrscheinlich für Menschen die die Psychoanalyse als interessant und gut bezeichnen eine Erweiterung, aber für mich ist es ein weiterer Grund mich keineswegs in diese Richtung fortzubilden. Die Fallbeispiele waren ganz nett, aber es hat sich wirklich hingezogen das Buch.