Alle reden vom Menschen 4.0. Der sei kreativ, selbstverantwortlich und eigeninitiativ - aber in Wirklichkeit werden wir hart dressiert und im Tagesgeschäft von Prozessorientierung und Dauerkontrollen gequält. Die Großsysteme haben die Menschen roboterisiert. Und dann sollen eben dieselben innovativ und neugierig sein? Gunter Dueck führt die grausame Unternehmensrealität vor Augen - unbarmherzig scharf, hinreißend nah am Objekt. Die Unternehmen handeln zukunftsfeindlich, wenn sie ihre Mitarbeiter standardisieren und sich - entgegen aller Erfordernisse - eben nicht für die digitale Welt neu erfinden.
Gut, wenn man Dueck liest oder hört, dann bekommt man Dueck. In diesem Buch fehlt es mir aber an Neuem, und nach ungefähr einem Drittel hat er dann auch auf jedes Vorgängerbuch mal hingewiesen, und es erscheint mir, dass, wortgewaltig, sicher, immer weiter immer dasselbe gesagt wird. Bei seinem Bild vom typischen Mitarbeiter hat Dueck immer nur Dueck vor Augen, und dass es Menschen gibt, die einfach um des Geld verdienens arbeiten und ihren Lebenszweck woanders sehen, kommt in seiner Welt nicht vor. Aufgehört zu lesen habe ich, als mir bewusst wurde, dass so manches nebenei verabreichte "Beispiel" zu dem was schief läuft schief oder falsch ist. In drei kurzen Sätzen behauptet er, die großen Fußballvereine würden keinen Nachwuchs ausbilden, was er auch bei Firmen konstatiert und für einen Fehler hält. Allerdings gibt es im Profifußball Regeln, nach denen die Teilnehmer Nachwuchsleistungszentren unterhalten müssen, und etwa das von Barcelona ist ja geradezu legendär. Auch der DFB ist mit seinem Nachwuchsscouting vorbildlich. Dueck flechtet also nebenbei ein falsches Argument ein, weil es gut klingt, er sich aber nicht auskennt. In dieser Passage beschreibt er auch das Geschäftsmodell von Uber falsch: es geht hier nicht um den Rentner, der nebenbei sein ansonsten nur rumstehendes Fahrzeug bewegt. Es geht um Gig-Arbeiter, die ausgebeutet werden. Er beschreibt ein Bank/Kunde-Verhältnis, dass nur romantisch zu nennen ist: man geht zum Schwätzchen in seine Bank-Geschäftsstelle und der Mitarbeiter will nichts verkaufen sondern ist der gute Kumpel. Wann soll das jemals so gewesen sein? Ich bin jetzt nicht mehr der Jüngste, aber an einem entsprechenden Verhältnis hatte ich nie Interesse, habe es auch nicht erlebt. Auf der anderen Seite beklagt er das Hinterherhinken bei digitalen Geschäftsmodellen, aber das sind doch genau die Modelle, die diese Mitarbeiter/Kundenbeziehung überflüssig machen. Kurz: was will mir Dueck (neues) sagen (Schwarmdumm habe ich gerne gelesen), und selbst seine eingeschobenen kleinen Passagen sollte er einem Faktencheck unterziehen. Für Dueck-Neulinge aber sicher ein geeignetes Buch.
Ein sehr interessantes Buch von Gunter Dueck. «Wenn es nicht aufhört zu regnen, bauen die einen Deiche und die anderen Schiffe». Dieses Zitat zeigt für mich das wesentliche auf, das dieses Buch ausmacht. Diese 2 gegenläufigen Ansätze, die überall aufeinandertreffen und zu Spannungen führen, lähmen viele Firmen. Diesel-Gate und weitere Skandale sind da nur die Spitze des Eisbergs, bei dem man sich krampfhaft am Alten festhält und hofft, das Neue wird dann schon irgendwann mal wieder vorbeigehen. Was aber wenn das Neue da ist, um zu bleiben? Die Digitalisierung zeigt nicht zuletzt in der aktuellen Krise wie viele Deichbauer wir überall haben.
Das Buch hätte ruhig auf einige Beispiele verzichten können, da das Muster fast überall gleich ist. Hingegen die Idee mit der Fachlaufbahn, um zurück zur Innovation zu kommen, fand ich eine für Dueck sehr konkrete und einfach umsetzbare Lösung.