Wow, das war anders als erwartet. Vom Klappentext her erwartete ich eine typische YA-enemies-to-lovers-Romanze zwischen einer Tierrechtsaktivistin und einem Fischer, die ich nebenbei lesen kann ohne viel nachzudenken. Schon in den ersten Kapiteln des Buches, wurde mir aber klar, dass das ganze ein ziemlich anderes Leseerlebnis wird als gedacht. Wir lernen die Protagonistin Nora kennen (das gesamte Buch ist aus ihrer Ich-Perspektive geschrieben), dabei wird sehr detailliert beschrieben, wie ihr alkoholkranker Vater sich verhält und mit ihr und ihrer Mutter umgeht. Das war auf jeden Fall schwer zu verdauen. Generell ist das Buch sehr graphisch, so werden auch die Tötung eines Kalbs und eines Fischs ausfürhlich beschrieben. Teilweise konnte ich kaum weiterlesen, weil ich diese Bilder nicht im Kopf haben wollte, ich finde aber genau das auch positiv am Buch: Es beschönigt nichts, sondern führt einem knallhart die Realität vor Augen, was Alkohol mit Menschen und Familien machen kann und wie der Mensch mit Tieren umgeht. Zudem können wir so besser verstehen, wieso Nora sich so verhält, wie sie sich verhält: Sie ist schwer traumatisiert, wird selber handgreiflich, weil sie das als Lösung erlernt hat, will niemanden an sich heranlassen und hegt eine Art Hass gegen Männer. Das ändert sich ein bisschen als sie Johan kennenlernt. Bei ihm auf dem Schiff muss sie Sozialstunden ablegen, die sie sich mit einer illegalen Protestaktion gegen einen Schlachthof eingehandelt hatte. Mit an Bord sind Johans Vater und Grossvater, mit letzterem führt Nora sehr schöne Gespräche über das Meer und das Leben, welche das Buch sehr bereichert haben. Der Grossvater ist zuerst der einzige, der Nora willkommen heisst, das ändert sich allerdings, als das Schiff in einen tosenden Sturm gerät und schliesslich untergeht. Der Grossvater lässt sich auf eigenen Wunsch von den Wellen verschlucken (sein letzter Wunsch war es auf dem Meer zu sterben), der Vater wird auf dem Rettungsfloss vom untergehenden Schiff weggerissen (wird einige Tage später gerettet) und so bleiben Johan und Nora zu zweit auf einem Ruderboot zurück. Mit sehr wenig Proviant und dem Wetter ausgesetzt kämpfen sie sich tagelang durch die Wellen, um irgendwie rechtzeitig an Land zu gelangen. Ab diesem Moment, habe ich begonnen, die zwei zu mögen. Ich fand es beeindruckend, wie unglaublich taff beide mit der Situation umgingen, einander unterstützten und zum Team wurden. Der Autor schaffte es, das Ganze autenthisch wirken zu lassen und nicht als gekünsteltes Heldentum der Protagonisten à la "eigentlich ist das unmöglich, aber die schaffen sowieso alles mit Leichtigkeit, sind schliesslich die Hauptfiguren". Teilweise zweifelte ich ernsthaft daran, dass beide überlebten, weil der Autor das Schwinden der Kräfte ziemlich gut rüberbrachte. Während ihrer Zeit auf dem Ruderboot sprechen die beiden viel über die Natur und die Fischerei, was sehr lehrreich war und zum Nachdenken anregte, da einerseits viele Fakten und geschichtliche Hintergründe mit eingebracht wurden, andererseits über die Ethik des Fischens diskutiert wurde. Meine Werte entsprechen generell mehr denen von Nora, daher war besonders Johans Charakter und seine Ansichten interessant für mich um dazuzulernen. Zu diesem Thema ist mir eine bestimmte Szene geblieben: Johan bricht sich im Sturm den Arm, weshalb Nora, um das Überleben der beiden zu sichern, zur Angelrute greifen und einen Fisch erledigen muss. Ich konnte mit Noras Dilemma mitfühlen: Sie wollte kein Tier töten, hoffte kein Fisch würde anbeissen, gleichzeitig wollte sie überleben und wartete gebannt auf das Ziehen an der Angelrute. Auch für die Beziehung zwischen Nora und Johan ist diese Szene bedeutend, Nora versteht Johan durch das verschwimmen ihrer Lebensrealitäten etwas besser.
Auch über den Tod wird viel gesprochen, bezogen auf Johans Grossvater oder auf die Fische und generell die Natur. Johan hat hier ebenfalls klare Ansichten und man merkt, dass der Autor sich viele Gedanken zu Johans Charakter und diesem Thema gemacht hat. Ich fand es sehr spannend, Einblick in all diese Gedankengänge zu bekommen. Besonders interessant war für mich der Ansatz des aktiven und passiven Tötens: Vegan leben, dafür durch sonstigen Überkonsum die Lebensräume der Tiere so sehr verschmutzen, dass sie massenhaft sterben, oder mit dem Fischerboot rausfahren und harpunieren, dabei aktiv Fische töten, aushöhlen und ins Gefrierfach schmeissen? Ich bin derselben Meinung wie Johan, dass Massenkonsum, Massentierhaltung und Massenfischerei grosser Unternehmen das grössere Problem sind als einzelne Fischer, die mit ihrer Harpune gezielt so viel Fische töten, wie sie brauchen um das nötige Geld zu verdienen, trotzdem habe ich irgendwie Mühe mit seiner Argumentation, das als Teil der Natur anzusehen. Tiere können nicht anders, als einander zu töten um zu überleben, während Menschen aktiv mit Schiffen und Netzen und Waffen in den Lebensraum der Tiere eindringen, obwohl sie auch andere Dinge essen könnten oder ihr Geld anders verdienen könnten. Natürlich kommt es hier immer auf die sonstigen Lebensumstände der Menschen an, wenn man in einer Fischerfamilie aufgewachsen ist und das nicht anders kennt, ist man dadurch meiner Meinung nach nicht direkt ein schlechter Mensch, nicht alle haben die Wahl und wenn man auch wirklich in der Natur lebt, finde ich das auch nochmal was anderes, aber in einem schönen Haus in der Stadt zu wohnen und dann rauszufahren, Fische zu fangen, die zu verkaufen an Menschen die genauso auch in der Stadt wohnen und keinen richtigen Bezug zur Natur haben und die eigentlich auch ohne das Essen von Fischen gut überleben könnten... kann mich irgendwie nicht mit diesen Umständen als "Teil der Natur" anfreunden. Trotzdem hatte Johan auch bei gewissen Dingen recht und ich denke es ging dem Autor auch nicht darum uns zu belehren, sondern einfach eine andere Sicht aufzuzeigen, schliesslich sind sich ja auch die beiden Hauptcharaktere oft nicht einig.
Jedenfalls dieser Austausch und der gemeinsame Überlebenskampf schweisst Johan und Nora so zusammen, dass sie als sie es endlich an Land geschafft hatten, ins Spital kamen und nicht mehr gezwungenermassen zusammengepfercht waren, trotzdem beieinander bleiben wollen. Sie sagen einander sogar, dass sie sich lieben, irgendwie. Ihre Gefühle zueinander fand ich zu Beginn etwas befremdlich, weil doch alles sehr schnell ging, aber auf eine Art auch schön und schliesslich waren sie in einer Ausnahmesituation und wussten nicht, ob sie überlebten, was sie aber zum Glück taten, wenn auch nur knapp.
Ich hatte damit gerechnet, dass die beiden gemütlich irgendwelche Bootsarbeiten erledigen, aufgrund des Sturms nicht mehr nach Hause kommen und dann quasi auf dem Schiff eingesperrt sind und warten müssen bis jemand sie rettet. Dann die ganzen typischen YA-Dinge, sie kommen sich näher, verlieben sich, küssen sich, zum Zeitpunkt der Rettung sind sie unzertrennlich und ziehen zusammen in ein Haus. Oder so ähnlich.
Stattdessen besaufen sie sich mit den geretteten Whiskeyflaschen um sich warm zu halten oder die Schmerzen eines gebrochenen Arms zu betäuben, haben kaum Essen, jegliche Hygiene ist nicht mehr möglich, zerschneiden sich ihre Kleider um Segel und Verbände zu basteln und die einzige körperliche Nähe dient ebenfalls der Aufwärmung. Während des gesamten Buches fällt kein Kuss zwischen ihnen, dafür hat Nora am Schluss während Johan auf einer Pressekonferenz feststeckt plötzlich Sex mit ihrer Chefin Sarah, die sie überhaupt erst auf diesen Fischertrip geschickt hat und Nora realisiert, dass sie sowohl Sarah als auch Johan liebt. Und so endet dann das Buch, ob Nora bei Johan bleibt ist nicht klar und ob die Liebe zwischen den beiden überhaupt romantisch war oder etwas anderes bin ich auch nicht sicher, was das mit Sarah sollte verstehe ich nicht ganz und generell bin ich immernoch verwirrt, was ich von dem Buch und vor allem dem Ende halten soll.
Einerseits fand ich es cool, mal etwas zu lesen, dass wirklich nicht so verläuft wie ich mir das vorgestellt habe, Klischees bricht und kein typisches Happy End hat, andererseits bin ich enttäuscht, da ich schon irgendwie für Johan und Nora gerooted habe und wissen wollte, wie es mit ihnen weiterging. Das Buch wird mir aber auf jeden Fall in Erinnerung bleiben.