Mythen sind dem Wortsinn nach erst einmal Erzählungen. Die Menschen erzählen Geschichten, um sich abends am Lagerfeuer zu unterhalten, um ihrem Leben einen Halt zu geben, um eine Ordnung in das Chaos zu bringen, in dem die Welt sich zu befinden scheint. Mythische Erzählungen beginnen mit einem Anfang, aber nie mit „dem“ Anfang. Zu jeder Geschichte findet sich eine Vorgeschichte, zu der wiederum ein Erzähler eine weitere Vorgeschichte kundtut, den eingeweihten Zuhörern reichen häufig nur Andeutungen, um zu verstehen. Die Mythen gleichen häufig erzählten Bildern, welche die zum Teil tragischen Geschehnisse in der Welt umschreiben und erklären. Das ganze Spektrum der nordischen Mythen reicht jedoch von den allerältesten Opferriten, von denen wir durch die Archäologie erfahren, bis zu den Götter- und Heldensagen, die sich vor allem im Mittelalter herausbildeten und bis heute in immer neuen Gestaltungen nacherzählt werden. Eines ist dabei offensichtlich: Die Welt des Nordens mit ihren Mooren, Flüssen, Seen, Bergen und Wäldern, aber auch Grabhügeln, Hünengräbern und Burgruinen erscheint in diesen Mythen und Legenden von Anfang an viel geheimnisvoller, dunkler und schicksalsträchtiger als das klassische Altertum, das vor allem in der Mittelmeerregion beheimatet ist.
Wolfgang Korn, Autor und Wissenschaftsjournalist, studierte Geschichte und politische Wissenschaften. Er schreibt für Zeitungen und Zeitschriften, u.a. für „Geo“, „Zeit“ und „Spiegel“ und hat eine Reihe von Sachbüchern veröffentlicht.
Sein neues, umfangreiches Buch über die „Nordischen Mythen“, ein großes Bildsachbuch, widmet sich den bedeutenden Sagen, Mythen und Legenden des Nordens, zeigt auf, welche Ähnlichkeiten in den unterschiedlichen Mythologien bestehen und vor allem auch, wie sie entstanden, sich weiter verbreiteten in neue Gebiete und Epochen. Korn zeigt den Wandel der Göttervorstellungen, Opfergaben, Helden und ihrer Taten sowie Kultfeiern in ihrer Entstehung und Entwicklung auf, und, wie gehörte Mythen und Erzählungen ( z.B. bei weiten Reisen oder Völkerwanderung) angesippt, d.h. In die eigene Genealogie eingebaut wurden. So finden sich viele Götter oder Helden in den unterschiedlichsten Epochen und Kulturen wieder. Bekannt ist ja, dass einige heidnische Feste inkl. Datum bei der Christianisierung „übernommen“ und abgewandelt wurden; dass „Nikolaus“ auf Wotan/Odin zurückgeht, die/der am 6.12. durch vor die Tür stellen der Schuhe gefeiert wurden, war mir neu – genauso, wie vieles in diesem Buch.
Insgesamt wird der „Nordische Kult“ von den ältesten Kultstätten und dem Entstehen der Edda bis zur Nibelungen-Interpretation im Dritten Reich durchleuchtet. Zwischendurch werden auf prachtvoll dekorierten Seiten Götter- und Heldensagen erzählt; viele Fotos begleiten die Erklärungen und ergänzen den Text perfekt. Sehr spannend fand ich die Wiederholungen der einzelnen Heldensagen in unterschiedlichen Kulturen und Epochen und der Darstellung, wie diese gegenseitig auf einander aufgebaut wurden, z.B. der Nibelungenschatz.
Fazit: Ein äußerst interessantes, wunderbar illustriertes Sachbuch, das derart viel Wissen und Zusammenhänge vermittelt, dass man das Buch gar nicht aus der Hand legen mag und mehrmals lesen wird.