Die Veröffentlichung dieses Buches hatte ich lange und mit einiger Spannung erwartet; die Spannung wich weitgehend der Ernüchterung.
Jaeggi unternimmt in “Fortschritt und Regression” den Versuch, die im Titel genannten Begriffe für die sozialtheoretische Diskussion zu retten. Vor dem Hintergrund der Kritik am Fortschrittsbegriff, die sie nur oberflächlich darstellt, entwickelt Jaeggi ein Konzept desselben, demzufolge Fortschritt nicht auf ein übergeordnetes Ziel gerichtet, sondern ein Erfahrungs- und Lernprozess ist, durch den Probleme gelöst werden.
Werden Erfahrung und Lernen in einer Gesellschaft systematisch blockiert und erfolgt eine nicht angemessene Bewältigung von Krisen, handelt es sich Jaeggi zufolge hingegen um Regression. Unklar bleibt jedoch letztlich, anhand welcher Kriterien die (Un-)Angemessenheit beurteilt werden soll und wie diese Kriterien überhaupt begründet sind.
Ein Teil des Buches widmet sich dem Fortschritt der moralischen Vorstellungen, und es ist vielleicht dieser Teil des Buches, der am meisten an die Grenzen der Geduld treibt: Hier - aber nicht nur hier - finden sich viele nichtssagende Passagen, es reihen sich Sätze aneinander, die das Gleiche noch einmal anders und dabei ermüdend unpräzise formulieren, und der verwendete Jargon ist teils schwer zu ertragen. Ein Beispiel:
"Wir haben es hier mit einem komplexen Verflechtungszusammenhang zu tun, der durch multifaktorielle wechselseitige Beeinflussung unterschiedlicher Praxissphären beziehungsweise von Praktiken und Überzeugungen entsteht - mit einem komplex geknüpften Netz wechselseitiger Abhängigkeiten, Einflüsse, Effekte und Verbindungen vielfältiger Art und Richtung.”
Diese Aussage ist so unnötig komplex formuliert wie in ihrem Gehalt banal. Weiter schreibt Jaeggi: “Moralischer Wandel kommt ... dadurch zustande, dass sich die Hintergrundbedingungen und Anschlusspraktiken ... verändern." Auch damit ist wenig gesagt; wer erwartet, dass Jaeggi hier weiter in die Tiefe geht, wird enttäuscht, und diese Enttäuschung ist ein wiederkehrendes Muster.
Die Lektüre des Buches ist oft ein Gang durch die Eiswüste, und die Trennung des Fortschrittsbegriffs von einem übergeordneten Ziel kann nicht recht überzeugen. In dem Moment, in dem ich ein zu lösendes gesellschaftliches Problem identifiziere, deutet sich in seinem Gegenteil an, was ich als Ziel der Gesellschaft verstehe. Ich kann nicht den Klimawandel oder die Tatsache, dass viele Menschen in Armut leben, als Problem benennen, ohne damit gleichzeitig zu sagen, dass das Wohlergehen der Menschen das zu verfolgende Ziel ist. Ich kann vor diesem Ziel die Augen verschließen, aber keineswegs ist es deshalb weniger existent.
Trotz aller Kritik halte ich Jaeggi aber zugute, dass sie das Thema des Fortschritts wieder in die Diskussion bringt und gerade durch die Defizite des Buches zur Auseinandersetzung drängt.