Das Buch erinnert mich sehr an die Begeisterung, die ich als Junge für Ur- und Frühgeschichte hatte. Vieles von dem, was hier nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen (DNA- Analysen) seine Bestätigung findet, war früheren Archäologen (in der DDR und also auch mir) aus ihrer quasi "analogen" Arbeit schon bekannt. Dennoch überzeugt das Buch durch die Stringenz, mit der die Forschungen und auch die dazugehörigen Debatten zur Ausbreitungs- und Besiedlungsgeschichte der menschlichen Gattung dargeboten werden. Es ist schon erstaunlich, von welch geringer Zahl von "Urmüttern" bzw. "Urvätern" riesige und heute nach Millionen zählende Populationsgruppen abstammen. Dabei ist es durchaus spannend "mitzuerleben", wie anhand von winzigsten DNA- Spuren (Abweichungen/ Übereinstimmungen) mehrere Siedlungswellen nachgezeichnet oder das Vorkommen von Jagd- oder Bauerngemeinschaften rekonstruiert werden können. "Miterleben" ist nicht falsch, denn die Autorin lässt den Leser an der eigenen Suche nach "Vorfahren" teilhaben, ein Verfahren, das über das trockene Darlegen des Stoffes hinaus dem Sachbuch literarische (zumindest gute journalistische) Qualität verleiht. Traurig sind die Exkurse zum Streit unter Wissenschaftlern, die einerseits zeigen, wie primitiver (Futter)Neid und Selbstverliebtheit in eigene Überlegungen die Zusammenarbeit verhindern und Karrieren beenden, wo man meinen sollte, dass denkende Menschen über solchen Primitivitäten stehen. Dem ist aber nicht so. Alles, was die Dummen tun, haben sie von den Klugen - sonst wären sie keine Dummen! Sie's drum: Im Buch gibt es Gott sei Dank auch genügend Gegenbeispiele! Zweitens ist aber erschreckend, wie viel Widerstand solche Forschungen aus nationalistischer und rassistischer Ecke erfahren. Unglaublich, dass darum, ob es vor 5000 Jahren Migration und Kulturtransfer - um es mal modern zu sagen - gegeben hat, oder ob eine bestimmte Kulturleistung autochthon ist, wirklich gestritten werden kann. Was haben Menschen vor 5000 Jahren mit den heutigen Ungarn oder Schweden zu tun? Gar nichts! Aber der Streit ist relevant, denn die Frage, wem Shakespeare oder Beethoven denn nun "gehören", dürfte auch heute noch Quelle von dämlichem Nationalstolz sein. Warum sollte Goethe mir mehr als Shakespeare zugehörig sein, wo ich doch weder an dem Werk des einen noch an dem des anderen irgendwie beteiligt war? Kultur gehört uns allen und so ist es auch mit den Errungenschaften der frühen Menschen, die aus Afrika kamen und die wichtigsten für uns relevanten "Erfindungen" irgendwo im vorderen Orient (Landwirtschaft) oder in den kasachischen Steppen (Pferde) gemacht haben. Dass so etwas Wichtiges wie Rad und Hakenpflug womöglich aus "Deutschland" kommen, hat mich verwundert, schließlich komme ich aus Mecklenburg, wo man nur so Ackerbau betreiben konnte, weshalb diese erschwerten Bedingungen entweder Rad und Pflug erforderlich oder aber Rad und Pflug die Arbeit dort erst möglich gemacht haben. Aus "Deutschland"? Blödsinn. Da war kein "Deutschland" und aus genetischer Sicht waren da keine "Deutschen". Die gibt es so wenig wie Schweden oder Slawen und unsere Vorfahren waren vielleicht blauäugig, ansonsten aber dunkel und schwarzhaarig. Genetisch sind wir auf der Welt fast alle irgendwie miteinander verwandt. Schön zu wissen im Beethoven- Jahr, in dem Schillers toller Satz "Alle Menschen werden Brüder" in der wirkmächtigen Vertonung des Meisters sicher oft zu hören sein wird. Interessant ist es in diesem Zusammenhang zu erfahren, dass "Genie und Wahnsinn" (auch genetisch gesehen) nahe beieinander liegen. Eine kleine Nebeninformation, die zeigt, wie treffend manchmal die einfache Beobachtung (in diesem Falle von Freud!) ist. Schade auch, denn so wird verständlich, warum Kreativität mit so viel Leid und oft auch psychischem Elend erkauft ist. Um es kurz zu machen: Weil das Buch solche Gedanken inspiriert und ganz nebenbei dem dumpfen Rassenblödsinn, der neuerdings wieder fröhlich Urständ feiert, den Wind aus den Segeln nimmt, ist es fünf Punkte wert und sei jedem zur Lektüre empfohlen, der sich auch nur ein bisschen dafür interessiert, wo wir herkommen und warum wir so geworden sind, wie wir sind. Nebenbei: Früher waren erwachsene Menschen laktoseintolerant- das war mir neu und das habe ich wirklich gelernt! ;-)