Der Polnisch-Sowjetische Krieg ist die Urkatastrophe des osteuropäischen 20. Jahrhunderts. An seinem Ende stand eine labile Friedensordnung, deren Spannungen selbst durch den Zweiten Weltkrieg nicht aufgelöst werden konnten. Bis heute streiten die osteuropäischen Staaten um nationale Minderheiten und historische Grenzen - und der gegenwärtige Konflikt in der Ukraine wirkt geradezu wie eine Neuauflage der Kämpfe von vor einhundert Jahren. Nachdem polnische Truppen 1919 Kiew, Minsk, Wilna und große Teile des europäischen Russlands besetzt hatten, konnte die vom heimischen Bürgerkrieg geschwächte Rote Armee zurückschlagen, die Ukraine erobern und erst vor Warschau mit knapper Not aufgehalten werden. Es war Józef Pi?sudskis «Wunder an der Weichsel», das heute so gerne als Rettung Europas vor dem Bolschewismus interpretiert wird. Doch damals ging es nicht um einen Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei, sondern um handfeste imperiale Ambitionen weit über Polen und Russland hinaus: Hunderttausende toter Soldaten und Zivilisten waren in ganz Osteuropa zu beklagen, riesige Landstriche wurden verwüstet, und wieder einmal sah man in den Juden die Ursache allen Übels. Stephan Lehnstaedt liefert die erste deutsche Untersuchung dieses Krieges und seiner bis in die Gegenwart reichenden Folgen. Er erzählt keine russische Geschichte, sondern die Auseinandersetzung Polens und der Ukraine mit ihrem übermächtigen Nachbarn, die für das Verständnis des heutigen Osteuropas so wesentlich ist.
Eine balancierte und gut recherchierte Schilderung einer (zumindest in Deutschland) weitgehend vergessenen Episode europäischer Geschichte.
Das Buch ist vergleichsweise kurz (184 S.) aber schafft es trotzdem, die wesentlichen Akteure und den politischen und sozialen Kontext der Zeit gut zu beleuchten.
Besonders gefallen haben mir das Kapitel und die Erläuterungen zu den Zivilbevölkerungen und den Juden. So findet der Widerstreit von größeren imperialen Machtvorstellungen und der sich vollziehenden Nationalisierung mit all ihren Konsequenzen Eingang in das Werk und wird geerdet.
Am Ende findet sich eine ausgezeichnete (wenn auch kurze) Behandlung der Konsequenzen des Krieges für das militärische Denken in der Sowjetunion, Polen und Deutschland (Stellungs- vs. Bewegungskrieg).