"Heute weiß ich, dass ein Fenster nur einen Ausschnitt von etwas bildet. Vielleicht geht es nicht darum, etwas Bestimmtes zu zeigen, sondern darum, alles andere zu verbergen; eine dieser Wahrheiten, die man im Nachhinein zu verstehen glaubt, und ich gehe nicht so weit, mir einzubilden, es sei die einzig mögliche."
»Wir, im Fenster« erzählt in eindringlichen Bildern von einer rauen Kindheit im Berlin der Nachwendezeit, von zwei einst unzertrennlichen Freundinnen – und von dem Sommer, in dem ein unverzeihlicher Verrat einfach alles verändert.
Linn beobachtet zwei Mädchen in der U-Bahn, und auf einmal ist sie wieder da: Laila, ihre Kindheitsfreundin, und pocht immer lauter auf ihren Platz in Linns Leben. Wie damals, als die beiden Mädchen noch unzertrennlich einem widersprüchlichen Ort mitten in Berlin trotzen, wo das Schöne und das Grausame nah beieinander liegen. Als Laila für eine Weile zu Linns Familie zieht, geht die Freundschaft – geprägt von kindlicher Liebe, Eifersucht und erwachender Sexualität – schleichend in die Brüche, bis etwas Unverzeihliches geschieht und Laila in den heißesten Tagen des Sommers schließlich ganz verschwindet, ohne sich zu verabschieden. Während sich der Ort von damals auflöst, tastet Linn sich zurück, zweifelnd, ob sie sich selbst trauen kann, und fragt nach dem warum.
"Wir, im Fenster" erzählt die Geschichte von Linn und Leila, zwei Mädchen, die mehr als nur beste Freundinnen sind, sich im Strudel der Ereignisse aber verlieren. Ein zweiter, paralleler Handlungsstrang begleitet die erwachsene Linn bei ihrer Reise in die kindlichen Erinnerungen und den Wunsch, Leila wiederzusehen. So weit, so gut. Der Klappentext versprach außerdem noch den Aspekt des Settings: dem "rauen Berlin der Nachwendezeit" sowie "eindringliche Bilder". Beides konnte mich weder erreichen noch überzeugen.
Das begann schon damit, dass die beiden Handlungsstränge wild hin- und hersprangen, ohne trennende Elemente wie Kapitel, Seitenumbrüche oder Absätze. Zum überwiegenden Teil sind die Lesenden bei der jungen Linn, folgen ihr durch ihre Welt, plötzlich erzählt die erwachsene Linn weiter. Da ich nicht wirklich in die Geschichte eintauchen konnte (oder wollte, weil sie mir zu unangenehm war), brauchte ich teils etwas, bis ich die "Zeit" zuordnen konnte - zumal die Kombination Linn und Götz (ihr Vater, in jungen Jahren) und Linn und Georg (ihr Partner, in späteren Jahren) mich zusätzlich verwirrt hat.
Das "raue" Berlin ist das Viertel, in dem Linn, Leila, und die anderen Kinder der Nachbarschaft aufwachsen. Es ist schlicht und ergreifend ein "schlechtes" Viertel, die Kinder teilen sich den Spielplatz mit Junkies und ihren Überresten, in vielen Familien wird gestritten und wer-weiß-was, sprich: Harmonie sieht anders aus. Ob und inwieweit Linn und Leila das beeinflusst, sei dahingestellt. Sie (vor allem Linn) starten in die Pubertät, hängen mit ihrer Clique ab, spielen Flaschendrehen, rauchen erste Zigaretten, machen erste Schminkversuche - da waren durchaus einige Momente versteckt, die ich aus meiner eigenen Jugend wiedererkannt habe.
Eindringlich waren vor allem die Gerüche, Geschmäcker und Anblicke, die für mich eher in die Kategorie "unangenehm" fallen. Es riecht viel nach Schweiß, meist kindlich, es wird gerochen: an den Fusseln, die aus Zehennägeln gekratzt werden, an Fingern, die zwischen den Schenkeln liegen/lagen/kratzen. Es wird an Haaren geleckt und gelutscht, es werden auf- und blutig gekratzte Beine beobachtet, quaddlige Mückenstiche und vieles mehr. Es hängen Kotzekrümel in Haaren, es riecht abgestanden, es schmeckt sauer. Wie gesagt, alles sehr eindringlich, aber nicht wirklich schön, vor allem in der Menge.
Interessant angerissen, dann aber leider ins Leere laufend, fand ich den Aspekt der Gefühle der beiden Mädchen füreinander. Gerade am Anfang wird hier eine Beziehung angedeutet, die mehr als nur die üblichen "Doktorspielchen" bedeuten könnte, doch der Gedanke wird nicht konsequent weiter geführt. Zwar wird ein generelles Interesse von Linn an Frauen an anderer Stelle nochmals angedeutet, im "Jetzt" lebt sie aber hochschwanger von und mit ihrem Partner zusammen.
Ingesamt hatte ich mir irgendwie etwas komplett anderes von dem Buch versprochen. Lene Albrecht mag eine interessante Geschichte erdacht haben, für mich war die Umsetzung leider überhaupt nicht das Richtige. An vielen Stellen empfand ich die Schreibe als zu überzeichnet, zu gewollt literarisch, zu gezwungen metaphorisch, zu bemüht semi-philosphisch. Gut, ähnliches könnte man vielleicht auch einer anderen Debütantin des Jahres 2019, Helene Bukowski mit ihrem Roman Milchzähne, vorwerfen - aber dort hat mich die Stimmung eingefangen und stimmig durch den Roman geführt.
"Wir, im Fenster" konnte mich hingegen leider nicht berühren und hat mir schlussendlich einfach nicht gefallen. Irgendwie hat mich das Buch mit jeder weiteren Seite in eine unangenehme, genervte Grundstimmung geführt. Am Ende blieb nur die Erleichterung, es beendet zu haben - andere Lehren oder Erkenntnisse konnte ich nicht ziehen.
Die innige und zugleich trotzige Haltung zweier Mädchen in der U-Bahn holen Linns Erinnerung herauf an ihre Freundschaft mit Laila. Heute blickt Linn aus der Hochbahn auf den neu angelegten Park und erinnert sich, wie Anlieger gegen den Bau der Bahnlinie protestiert hatten. Das Laubengelände war - vor dem Anlegen des Parks - das Revier der Mädchen. Erst Linns westfälischer Mann weckte die Erinnerung an ihre Kindheit, als er genau wissen wollte, wo sie als Kinder Indianer gespielt hatten. Linns Eltern lebten in genau den Verhältnissen, in denen Eltern ihr Kind in einem anderen Stadtteil meldeten, damit es nicht mit Kindern wie Laila in einer Klasse lernen musste. Linns Erinnerungen gehen zurück zu Lailas Mutter, die Motorrad fuhr und ein Brautmodengeschäft führte. Der Vater lebte längst mit einer anderen, jüngeren Frau. Als Lailas Großmutter nicht wieder aus der Türkei zurückkehrt, zieht Laila zu Linns Familie. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie wie Linns Schwester aufgenommen wurde und die Wege der beiden Frauen sich später trennten. Nach einem letzten Kuss verschwand damals Laila und Linn versucht erst 10 Jahre später die Freundin zu finden. Unsere Vorstellung, was mit Laila in der Heimat ihrer Großeltern geschehen sein kann, übersteigt vermutlich die Realität. Ihre sexuelle Entwicklung erlebten die Mädchen gleichzeitig. Sie schliefen immer gemeinsam in einem Bett und machten Pläne von einem gemeinsamen Haus in der Türkei. In ihrem Kiez lernen sie früh von Gleichaltrigen, was Prostitution ist – und als Leser ahnt man die damalige Überforderung der Großmutter mit der Großstadtgöre. Heute fühlt Linn sich in Lailas Hand, weil sie über die Freundin spricht.
In Lene Albrechts Roman einer Mädchenfreundschaft zwischen Kindheit und Pubertät geht es um Mädchenkram, das Zerbrechen einer Freundschaft, aber auch um den Kontrast zwischen dem Anschein bürgerlicher Sorglosigkeit in Linns Familie und der zerbrechenden Welt Lailas. Linns Erinnerungen entblättern eine vergangene Idylle aus der Zeit kurz nach der Wende. Heute erkennt sie, was den Kindern verschwiegen wurde, was sie als 13-Jährige vielleicht ahnten und gern verdrängten. Der Roman vermittelt Emotionen, als würde man in den Ort seiner Kindheit zurückkommen - und schlagartig wären die Gerüche und Geräusche jener Zeit wieder da. Albrechts Roman zeigt schonungslos die trostlosen Seiten einer Großstadt-Kindheit und ist sexuell explizit. Das tut der gelungenen Darstellung der beiden Großstadtgören jedoch keinen Abbruch.
ich weiß irgendwie nicht, was ich denken soll. 'wir, im fenster' ist sehr gut und vor allem eindrücklich geschrieben. die geschichte hat sich aber ein zwischen durch immer wieder verloren. ich mag rückblicke und nicht-lineare erzählweisen eigentlich total, aber in dem fall war es mir doch zu viel. ich konnte zwar folgen, war aber nicht wirklich 'dabei'. mit dem ende war ich auch nicht so recht zufrieden. ich hab das gefühl, nichts mitgenommen zu haben, bin aber trotzdem recht schnell durch das buch geflogen, und das, obwohl es eigentlich die meiste zeit auch relativ unangenehm war.
Ein feiner, poetischer Roman über eine Mädchenfreundschaft und das Erwachsenwerden.
Linn, mittlerweile knapp über 30, promoviert gerade und ist schwanger. In ihr werden starke Erinnerungen an Laila wach, ihre Freundin, mit der sie früher stark verbunden war in einer wilden, schönen, auch körperlich nahen Mädchenfreundschaft. Beide sind noch kurz vor der Wende geboren und wachsen im westlichen Berlin auf. Linn in einer recht gutsituierten Familie. Laila hingegen wird von ihrer Großmutter versorgt. Ihre Mutter scheint sehr mit ihrer Hochzeitsboutique beschäftigt. Die beiden Freundinnen wohnen inmitten eines "Problemviertels". Linns Eltern haben ihre Tochter extra an einer anderen Schule angemeldet. Doch Nachmittags ist sie viel sich selbst überlassen, lungert auf dem Hof herum und kommt natürlich trotzdem in Kontakt mit den anderen Kindern. Eines Tages stirbt der Großvater von Laila. Daraufhin reist die Großmutter zurück in die Türkei und lässt Laila in Berlin, woraufhin Linns Eltern entscheiden, sie bei sich aufzunehmen. Aber Laila und Linn entfernen sich immer mehr voneinander...
Der Roman ist aus Linns Perspektive in der Ich-Form geschrieben. Ihre Erinnerungen sind unscharf, nebulös, verschwommen und geben somit wunderbar ferne Erinnerungen und vor allem die kindliche Sicht wider. Eine Sicht, die manche Dinge nicht hinterfragt, sie als gegeben hinnimmt. Wo Dinge nicht angesprochen werden. Dinge einfach passieren.
Der Schreibstil ist poetisch und verträumt. Der Ton ist leise und hinterlässt doch deutliche Spuren. Das Erzähltempo ist recht langsam, manchmal wirkte das durchaus etwas quälend langgestreckt. Der Bruch der Freundinnen ist nämlich allgegenwärtig und ich wollte unbedingt wissen, was denn eigentlich passiert ist. Die Milieuzeichnungen und Charaktere fand ich sehr überzeugend und nachvollziehbar. Die Stimmung ist oft traurig, etwas schwer. Manchmal wird es fast unerträglich unangenehm.
Thematisch geht es um den Übergang vom Kind zur Jugendlichen, um den Verlust der Unschuld, um Familie, um Alkohol und Gewalt in der Familie, um Freundschaft und Grenzen. Es ist zudem eine atmosphärisch stimmige Beschreibung des Heranwachsens inmitten Berlins.
Dieser wunderbar erzählte Roman hielt mich sehr gefangen und hat mich sehr berührt. Es katapultierte mich in die eigene Vergangenheit, liess mich erinnern und rief sehr unterschiedliche Gefühle in mir wach, wobei ich nicht sicher bin, ob ich eigentlich an all diese Dinge erinnert werden wollte...:) Ich bin froh, nicht mehr so jung sein zu müssen, mit all den Irrungen und Wirrungen. Die Geschichte lässt mich nachdenklich zurück.
"Was ich weiß, ist das hier: An eine Zeit vor Laila kann ich mich nicht erinnern. Sie war immer da, wie meine Arme, meine Beine, mein Kopf, der auf meinem Rumpf saß und eben auf keinem anderen."
Linn wächst in Westberlin nach der Wende auf. Die Familie lebt in relativ guten aber insgesamt einfachen Verhältnissen. Der Stadtteil ist nicht angesehen, und Linn wird in einem anderen Stadtteil in der Schule angemeldet, um nicht mit Kindern wie Laila in die Schule gehen zu müssen. Laila, ihre beste Freundin, die immer schon da war und die sie über alles liebt. Laila wächst bei den Großeltern auf. Als der Großvater stirbt beschließt die Großmutter, zurück in die Türkei zu gehen. Laila zieht daraufhin zu Linn. Die Mutter erscheint nur ab und zu in ihrem Leben. Doch während der Pubertät verändert sich die Beziehung der beiden, bis Laila eines Tages abrupt aus Linns Leben verschwindet. Jahre später ist Linn schwanger und erinnert sich zurück an die ehemalige Freundin...
Der Roman ist aus der Sicht von Linn geschrieben. Der Schreibstil ist poetisch und melancholisch. Linns kindliche Erinnerungen an die Zeit des erwachsen werdens, ersten sexuellen Erfahrungen und die Probleme mit Lailas Familie lassen klar werden, dass Laila kein einfaches Leben hatte. Viele der Geschehnisse kann Linn erst Jahre später richtig deuten. Und schließlich wird klar, wieso Laila gehen musste... Ein sehr besonderer Roman, der noch lange nachwirken wird.
ich mochte den schreibstil sehr gerne, wurde jedoch mit der geschichte und den charakteren nicht wirklich warm. es waren mir zu viele erzählungsstränge die nur sehr lose zusammenhingen, ich konnte keinen wirklichen roten faden finden. es gab aber ein paar sehr schöne stellen und gedankengänge. es lässt sich auch sehr schnell lesen, ein nettes sommerbuch für zwischendurch.
Linn und Leila Lene Albrechts Roman „Wir, im Fenster“ ist ein besonderer Roman.
Linn erzählt aus ihrer Kindheit mit ihrer Freundin Laila. Da es in Lailas Familie Probleme gibt zieht sie für eine ganze Zeit zu Lailas Familie. Die beiden Mädchen teilen sich Linns Zimmer. Es macht Spaß, die beiden zu beobachten. Aus ihrem Fenster beobachten sie die anderen Bewohner in der Gegend. Linn ist die Schüchterne und Laila die Mutigere.
Einiges Tages kommt es zu einem Zerwürfnis und Laila zieht zu ihrer Mutter. Linn denkt immer wieder an sie.
Als erwachsene Frau erkennt sie in einer Gruppe spielender Kinder ihre Kindheit mit Laila.
Der Roman springt zwischen dem Einst und Jetzt hin und her. Die Autorin schreibt die Geschichte ruhig, mal detailliert, dann wieder in Gedankensprüngen. Es ist ein schöner unterhaltsamer Roman.
„Wir, im Fenster“ ist die Geschichte einer Mädchenfreundschaft im Berlin der Nachwendezeit. Das reizte mich als Thema; noch dazu freute ich mich auf einen anspruchsvollen Roman. Leider blieb der erwartete Genuss bei mir aus, bemerkte ich doch, wie, in Anbetracht der zusammenhanglosen Fragmente, meine Gedanken abschweiften und ich mit diesem Roman nicht so recht warmwurde. Auch die feinen Beobachtungen („Im Hof wucherte und blühte alles, die Schattierungen des Grüns waren satt und dunkel, das Draußen schloss auf, rückte uns auf den Leib.“) konnten nicht herausreißen, dass es neben vulgären Fetzen nur wenig Handlung gab. Daher habe ich das Buch beim Beenden erleichtert aus der Hand gelegt.