„Das Foto war von hinten aufgenommen, irgendwo im Freien, […]; die Knie leicht gebeugt, die Hüfte typisch verrenkt, den rechten Arm hochgestreckt […] und das konnte nur eines heißen, nämlich dass du tanzt, steif, aber völlig schambefreit, behäbig, aber beschwingt, […] – dieser zuckende Mutterleib, diese Suggestion von Sinnlichkeit. […] Und dann machten wir Würgegeräusche, und du tanzest weiter und riefst uns zu, dass es genau darum geht im Leben: darum, sich hinzugeben, sich nicht so zu genieren.“ (S. 14)
Der Text, elegant und lebhaft, handelt von Trauerbewältigung, während er das Leben der Ich-Erzählerin beleuchtet. Bisher bildete die Mutter das Herzstück der Familie – eine Modedesignerin, stets in Schwarz gekleidet, die jährlich mit Schwung und in Bergstiefeln zur Modemesse nach Paris aufbrach. Die erwachsenen Kinder unterstützten sie in vielfältigen Rollen. Doch dieses Jahr ändert sich alles, als ein Schlaganfall die Mutter ins Krankenhaus bringt. Obwohl sie im Koma liegt und die Chancen auf Erwachen gering sind, kämpfen die Kinder beharrlich für ihre Genesung. Die schwierige Entscheidung des Abschieds rückt näher.
Wie geht man als Kind damit um, wenn es die eigene Mutter nicht mehr gibt? Wenn diese, nach einer Hirnblutung, zwar physisch noch da ist, aber doch nicht mehr da ist? Wenn die Lebefrau, deren Leidenschaft ihr Tun in der Kreation von Mode ist, nicht mehr TUN kann? Nicht mehr als Dreh- und Angelpunkt der Familie dient, im positiven Sinne, sondern als Zentrum im Kaleidoskop der Unwissenheit, des Wartens, des Abschieds.
"Lebensweisheiten meiner Mutter" offenbart sich als ein einfühlsamer, liebevoller, knapper Familienroman. In ihrem ersten Werk verdeutlicht Fen Verstappen die Bedeutung einer engen familiären Bindung, die immense Stärke und Zuversicht zu schenken vermag. Gleichzeitig unterstreicht sie, wie unabdingbar es ist, den Glauben an eine positive Wende niemals aufzugeben.
Gespickt ist dieses kluge, feine Buch mit den „Lebensweisheiten“ der Mutter, die mich sehr berührten und mir das eine oder andere Tränchen bescherten. Ein Buch, dass noch lange in mir nachhallen und mein Regal nicht mehr verlassen wird.
Absolute #leseempfehlung!