Falls es das Ziel gewesen sein sollte, James Joyce als die wohl verkrachteste Künstlerexistenz des 20. Jahrhunderts darzustellen, dann verdient Gébler-Davies fünf Sterne. Seine Monographie ist eine Delikatesse für Katastrophentouristen und Autoren mit Minderwertigkeitskomplexen.
Zunächst nahm mich sein respektloser Ansatz eher für GD ein, zumal der Ulysses ein doch sehr ungleichwertiges Werk ist, dessen formale Innovationen ja schnell zur Pflichtleistung für die Autoren der nächsten und übernächsten Generation gerieten, während der Erzählkern eher für eine Kurzgeschichte taugt.
Selbst wenn man dem Autor zugute hält, dass er damit der Sinnhuberei gewisser Joyce-Fanatiker, die jede noch so alltägliche Geste mit einem Wust an Bedeutungen aufladen mussten, eine Art Gegenentwurf entgegen setzen wollte, so bleibt diese Darstellung überaus unbefriedigend.
Denn so lange als irgend möglich hangelt er sich an Stanislaus Joyce „Meines Bruders Hüter“ entlang und zählt chronologisch und ausführlich jedes Darlehen auf, das Stan seinem Bruder gewährt hat, bzw. jede Notlage in der das Genie von seinem kleinen Bruder gerettet werden musste. Später wird dann Mrs. Weaver mit mehreren tausend Pfund diese Rolle übernehmen und dabei in nicht ganz so existenzielle Nöte geraten.
Einige Erfahrungen, die Eingang ins Werk gefunden haben, werden immerhin aufgezählt. Ansonsten entsteht der Eindruck, dass James Joyce ein lebensfremder, versoffener Schürzenjäger und maßlos von sich selbst eingenommener Mensch gewesen ist.
Vermutlich war JJ das alles, wie so manches andere Genie, nur kommt seine Genialität in dieser Darstellung nicht zur Geltung. Gut, das Buch sollte den allzu sehr Vergötterten ein wenig von seinem Sockel herunterholen, doch was Gébler-Davies abliefert ist die Monographie eines halbblinden Wurms, deren Lektüre keinesfalls als erste Wahl oder Einstieg geeignet ist. Wer Joyce schon immer doof fand, wird an diesem Buch vielleicht seine Freude haben, aber trotzdem nicht verstehen, was seinen nachhaltigen Einfluss erklärt.
Alles in allem hatte dieses Buch 25 ungelesene Jahre im Regal redlich verdient. Zusätzliches Interesse an Lebensbeschreibungen von JJ hat die Darstellung von GD nicht wecken können, auch wenn mich beim Lesen immer wieder die Frage geplagt hat, ob mir nicht so gar so eine dünne Rowohlt-Monographie in kürzerer Lesezeit mehr brauchbares Wissen vermittelt hätte. Falls ich noch mal was über Joyce lesen sollte, dann wohl Stuart Gilberts „Das Rätsel Ulysses“.