Seit "Der Fall Collini" im April 2019 in die Kinos kam ist mir der Name des Autors ein Begriff und ich war neugierig. Ein Strafverteidiger, der über echte Fälle berichtet und dabei das Hauptaugenmerk auf die Motive legt und nicht auf die Tat selbst, war mir sehr sympathisch. Seine Neugier ist auf den Menschen dahinter gerichtet, ihr Leben und was sie dahin gebracht hat, eine Straftat zu begehen.
Ich hab mir sogar ein Interview mit ihm auf youtube angeschaut und war positiv überrascht von seiner sympathischen, angenehmen, ruhigen Art.
"Verbrechen" ist das erste seiner Bücher, ein Episodenroman sozusagen, in dem er über 11 Fälle berichtet, oder eher erzählt, die im Laufe seines Berufslebens bedeutend herausgestochen sind. Nehme ich zumindest an, denn er wird sich ja die herausgepickt haben, die ihm - aus welchem Grund auch immer - im Gedächtnis geblieben sind.
Es sind total unterschiedliche Fälle und somit auch die Täter und ihre Taten ein Sammelsurium zwischen Schlägern, Einbrechern und Axtmördern. Die Motive, die der Autor bei jedem aufgedeckt hat, sind vielfältig und haben doch meist die gemeinsamen Nenner wie Angst, Verzweiflung und Einsamkeit.
Nicht bei allen kann er tiefer blicken lassen, ich denke, je nachdem wie viel er von diesen Menschen erfahren hat - aber er zeigt sehr deutlich, dass jede Tat wirklich erst genau unter die Lupe genommen werden sollte, bevor man urteilt. Denn oftmals sieht alles sehr klar aus und doch steckt viel mehr dahinter.
Egal wie grausam die Taten sind, bleibt von Schirach bei einem nüchternen und klaren Stil, der aber sehr deutlich macht, worauf er hinauswill.
Sehr interessant fand ich auch die Details, die man erfährt, wie in der Strafverfolgung vorgegangen wird, welche Rechte und Pflichten man z. B. bei einer Verhaftung hat usw. da war mir vieles neu.
Aber auch Manipulationen und Vorteile durch Geld oder hohe Positionen klingen in einem Fall durch und ja, natürlich weiß man das, aber es hinterlässt schon ein sehr ungutes Gefühl, es so schwarz auf weiß zu lesen.
Die Geschichten sind abwechslungsreich und nicht jede hat mich gleich gefesselt, aber insgesamt fand ich sie gut ausgewählt, um einen Einblick zu geben, was auf Deutschlands Straßen so los ist und was in den Gerichtsräumen verhandelt wird. Interessant auch die Erwähnung von 2400 Tötungsverbrechen in Deutschland pro Jahr - mit so einer hohen Zahl hatte ich nicht gerechnet!
Besonders gefallen hat mir die letzte Geschichte, die mir tatsächlich sehr ans Herz gegangen ist.
Es zeigt, wie viele Menschen so ein schweres Los und so viel Leid ertragen müssen, ohne die Eigenschaft, sich daraus zu lösen, sich selbst zu helfen oder irgendwie damit zurecht zu kommen. Und dass es manche gibt, die es trotz allen Widrigkeiten irgendwie schaffen.
Ich werde sicher noch mehr von ihm lesen.
4.5 Sterne von mir