Seit ihrem postum erschienenen Tagebuch gilt Alice James als eine Ikone des frühen Feminismus. Und doch ist ihr Name bis heute weitgehend unbekannt. Erst wenn die Sprache auf ihre Brüder kommt, den Romancier Henry James sowie den Philosophen und Psychologen William James, oder auf Susan Sontag, die ihr ein Theaterstück widmete, weiß man sie einzuordnen. In Simone Scharberts Prosadebüt nimmt Alice James endlich die zentrale Position ein, die ihr zeitlebens nie zustand: Sie selbst ist die Adressatin dieser Anrufung. In einem reißenden Strom von Bildern, Assoziationen und Zitaten wird die Tragödie dieses Lebens greifbar: Die Geschichte einer Frau, die in einem intellektuellen Haushalt aufwächst, der aber der Zugang zu Bildung und Studium verwehrt bleibt. Einer Frau, die gegen das Stigma der Hysterie-Diagnose ankämpft, von den Brüdern benutzt als Material für ihr Schreiben und ihre Studien, von den Ärzten als Testobjekt für pseudowissenschaftliche Therapiemethoden. Einer Frau, in deren dysfunktionalem, von Krinoline, Mieder und gesellschaftlichen Konventionen eingeschnürtem Körper ein intellektuell wacher Geist wohnt.
Alice James wächst in einer intellektuellen Familie auf, doch der Zugang zu Bildung bleibt ihr – anders als ihren Brüdern (u.a. der berühmte Schriftsteller Henry und der bekannte Psychologe und Philosoph William) verwehrt. Eingezwängt in die bestehenden Konvetionen der zweiten Hälfte des 19. Jh., die für Frauen wie Alice Hand- und Hausarbeit und das Bereitsein für einen Ehemann und Kinder bedeutete, fühlt sich Alice "anders" und zunehmend unwohl. Sie, die sich (lange Zeit) nach außen nichts von ihren sprühenden Gedanken anmerken lässt, zerreißt es beinahe innerlich. Für die anderen ist sie nur ihre "poor alice", eine kränkelnde junge Frau, bei der Hysterie diagnostiziert wird – ein Schicksal, das sie tragischerweise mit vielen klugen Frauen dieser Zeit teilt. Doch Alice kämpft für ihre Selbstbestimmung – trotz etlicher Rückschläge, öffnet sich, engagiert sich für die aufkeimende Frauenbewegung und hinterlässt uns noch vor ihrem Krebstod ihre sehr persönlichen und scharfsinnigen Gedanken in einem Journal.
Es ist eine eindringliche, mitreißende Geschichte, die uns Simone Scharbert hier liefert. Die Spannung, die Alice im Innern verspürt, überträgt sich beim Lesen. Man leidet und hofft unmittelbar mit ihr mit. Das Einweben von Originalzitaten aus Alice Tagebuch intensiviert dies noch. Insbesondere die Form der Anrufung – sehr poetisch dazu – hat mir wahnsinnig gut gefallen. Alice wird direkt angesprochen ("du, alice") und damit wird ihr mit viel Achtung eine Eigenständigkeit zugestanden, für die sie ihr Leben lang hart kämpfte. Und letztendlich ist es auch eine Anrufung an uns Leser:innen nicht müde zu werden, sich weiter für Gleichberechtigung einzusetzen. Durch Alice lernt man auch weitere Personen der Frauenbewegung dieser Zeit kennen. Die Kurzbios am Ende des Buchs machen neugierig und regen zum weiteren Nachschlagen und Tiefer-eintauchen-wollen an. Optisch und haptisch ist "du, alice" sehr schön gestaltet und durch die konstante Kleinschreibung erhält der Text seinen ganz eigenen Charme.
Nachdem ich letztes Jahr im Januar Simone Scharberts "Rosa in Grau" gelesen habe, war ich sehr gespannt auf ihr neuaufgelegtes Buch "du, alice, eine anrufung". Alice James, Ikone des frühen Feminismus, wächst Mitte des 19. Jahrhunderts in einer intellektuellen Familie mit vier Brüdern auf. Zwei ihrer Brüder, der Schriftsteller Henry James und der Psychologe William James erhalten Zugang zu Bildung und werden berühmte Persönlichkeiten, während Alice dieser Weg verwehrt wird. Als Jugendliche wird bei ihr "Hysterie" diagnostiziert. Sie verbringt daraufhin ihre Tage isoliert im Bett und wird von ihrem Vater und den Brüdern als Anschauungsmaterial benutzt, "poor alice". Alice, die einen klugen und wachen Geist hat, wird von Mutter und Tante Kate in Reifrock und Korsett geschnürt, bis es ihr die Luft nimmt. Sie soll nähen, sticken und stricken, möchte aber schreiben, lesen und forschen, interessiert sich für Literatur, Reisen, englische und amerikanische Politik ... Aber sie lässt sich nicht unterkriegen, verweigert die gesellschaftlichen Konvention des Heiratens und Kinderkriegens und zieht mit ihrer Freundin Katharine Loring nach London. In ihren letzten Lebensjahren nimmt sie regen Anteil am politischen und geistigen Leben ihrer Zeit und schreibt ein Tagebuch, das ein Dokument weiblicher Selbstbehauptung ist.
Scharbert schreibt lyrisch, in einer eindringlichen, poetischen Sprache, die (durch die Du-Form) Alice in den Mittelpunkt des Textes stellt.
Heftige Leseempfehlung für dieses großartige Indiebook aus dem Voland & Quist Verlag❤️ Ich liebs!
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