"Jeder Vogel muss mit eigenen Flügeln fliegen. Aber ich glaube gern, dass dir langsam schwindlig wird... zwischen all den schwarzen Vögeln." S.101
"Schuld und Sühne" auf Island. Nicht umsonst wird im Nachwort der Vergleich mit Dostoewski gemacht. An den Roman von Fjodor Michailowitsch habe ich auch die ganze Zeit gedacht. Nur wird hier die Dramatik zusätzlich durch das Naturkolorit verstärkt.
G.Gunnarsson hat keine ausschweifenden Dialoge und Beschreibungen oder verschnörkelte Stilmittel gebraucht, um mich zu erreichen. Auf knapp 300 Seiten hat er ein Leben erschaffen: fein psychologisch, mit differenzierten Figuren. Figuren, derer Zerrissenheit, Zweifel, Wunsch das Richtige zu tun, mich als Leserin überzeugt haben. Protagonisten, die nach Glück und Liebe verlangen; nur dass "das Glück schmerzvoll am Leben nagt" (S.11), weil man sich den gesellschaftlich-zeitlichen Konventionen fügen soll. Das betrifft nicht nur das ehebrecherische Mörderpaar, sondern auch die Opfer und den Ich-Erzähler, Kaplan Eiulfur.
Der Tod ist in diesem Roman allgegenwärtig. Es hat mich beeindruckt, wie der Autor sich dem Thema angenommen hat. Wenn G.Gunnarsson über den Tod schreibt, hat es nichts abstoßendes, schreckliches, angserfülltes. Der Tod in "Schwarze Vögel" ist melancholisch, fast schon demütig und versöhnlich.
"Da lag er [Kadaver=toter Körper] in Schamhaftigkeit des Todes den unverschämten Blicken des Lebens preisgegeben." S.59
"Aber da war etwas in mir, das sich dagegen aufbäumte, ihm zu dienen. Wer weiß, vielleicht hat er sich selbst das Leben genommen, versuchte ich mir einzureden. Doch dann lag er da mit einem Mal so demütig. So demütig... Demütig und misshandelt und hilflos." S.73 usw.
Es ist mir auch stark die Auseinandersetzung des Autors mit der Todesstrafe durch seine Figuren im Gedächtnis geblieben. Es geschieht aus humanistischer, ethisch-moralischer und christlicher Sicht. Schon die Frage von Eiulfur an den Richter gibt einen starken Denkanstoß: Ob das die richtige Entscheidung sei, noch zwei Menschenleben zu nehmen, wenn schon zwei unnötig ausgelöscht wurden. Am Ende des Romans positioniert sich der Autor noch deutlicher zu dem Thema, indem er die Sinnlosigkeit dessen und Abscheu gegen die Gaffer zeigt.
"Es wurde ein teurer Törn für die Regierung. Alles in allem ließ sie es sich mehr als zweitausend Reichstaler kosten, Bjarni den Kopf abzuschneiden. Eine ungeheure Summe. Und eine Summe, die sich wahrlich besser hätte verwenden lassen, finde ich jetzt. Den Menschen zum Nutzen und Gott zur Ehre."S.282
"Und er ereiferte sich wütend über die Gaffer. Sie hatten die Klippe, auf der der Richtblock aufgerichtet stand, gestürmt wie die Wilden, und etliche waren gestürzt und hatten sich schwer verletzt. Der Einzige, der nicht schrie und kreischte war Bjarni, pflegte er noch zu sagen. Man kann bei so etwas nicht dabei gewesen sein, ohne sich hinterher wie an einem Mord mitschuldig zu fühlen."S. 283
Ich habe nicht sofort den Zugang zu diesem Roman gefunden. Ich muss gestehen, dass ich mich anfangs an der Einfachheit und Zugänglichkeit des Textes gestört habe.
"Der Himmel hing grau und kalt über uns, schon wieder schwer von Schnee, und es schien, als würde sich das Meer, grau und kalt, zu ihm aufwölben. Als sollte alles Leben in eisigem Grau und Kälte ersticken." S.42
Tautologie in einem Satz. Gibt es keine Synonyme, keine anderen Epitheta? Nach längerem Überlegen habe ich mich mit dieser Stelle versöhnt. Der Himmel und das Meer existieren in Symbiose. Das hier ist folgerichtig und übermittelt ein reales komplettes Bild.
Mit der Zeit habe ich erkannt, dass der Text so, wie er ist, eindringlich, wuchtig, stark ist.
Ich habe hier so viel und durcheinander geschrieben, nur weil der Roman immer noch "in mir arbeitet". Ich bin keine Linguistin, keine Litheraturtheoretikerin, nur einfache Leserin, die dem Buch gerecht werden will.
Was ich sicher sagen kann: Es ist das erste Jahreshighlight und Roman, den ich das 2. Mal lesen werde!