Immanuel Kant lädt sieben weitere Denker (fünf Männer, zwei Frauen) zu sich ein, um mit ihnen über die Liebe zu diskutieren. So sitzen Sokrates, der Heilige Augustinus, Søren Kierkegaard, Sigmund Freud, Max Scheeler, Simone de Beauvoir, Iris Murdoch und Kant selbst zu Tisch, stellen ihre Gedanken und Theorien "über das schönste aller Gefühle" vor und geraten in angeregte Diskussionen.
Hauptsächlich in mündlicher Rede gefasst, funktioniert die Darstellung der jeweiligen philosophischen Positionen sowie die der sich im Gespräch entwickelnden neuen Gedanken erstaunlich gut; wo es schon für anwesende Diskussionsteilnehmer nicht immer leicht ist, hochtrabende Gespräche zu führen und Argumente (und Themenverläufe) zu rekonstruieren, so ist dies für Unbeteiligte ab einer gewissen Gruppengröße oft einfach verwirrend. Mit einem Fokus auf das Wesentliche gelingt es der Autorin die Leser gekonnt durch die Themen zu lotsen: Theorien werden vorgestellt, Einwände erhoben und Gedanken weitergesponnen. Moderne Themenbereiche und Problematiken werden dabei nicht ausgespart: so macht sich etwa der Heilige Augustinus Gedanken über Sexroboter und Søren Kierkegaard wird widerwillig von seinen Kumpanen auf Tinder angemeldet. Dieser Aktualitätsbezug formt aus der bloßen Übersicht historischer Theorien eine kurzweilige intellektuelle Spielerei, die an Diskussionen in modernen Universitätsseminaren erinnert. Entsprechend verhalten sich auch die Figuren zu Tisch: allesamt sind sie freundlich, intellektuell aufgeschlossen, denken und sprechen geordnet im wohlwollenden Ton des modernen Großstadtakademikers.
Diese stilistische Stromlinienförmigkeit ermöglicht einen guten Überblick über die ausgetauschten Argumente, ist aber gleichsam des Buches größte Schwäche. Da alle Diskussionsteilnehmer letztlich aus einem Munde sprechen, ist es völlig egal, dass hier "wirklich" Sokrates, Kierkegaard und Murdoch beisammen sitzen. Die Figuren treten nur als Mittel zum Zwecke der Präsentation ihrer Ideen auf und unterscheiden sich rhetorisch und charakterlich in zu geringem Maße, um als Repräsentaten ihrer Selbst wahrgenommen zu werden. Jede Figur wird zwar mit kleinen Eigenheiten beschrieben, bleibt aber stets in dem oben dargestellten Rahmen. Für den geordeneten Diskussionsverlauf ist das zweifellos von Vorteil, da sich so jeder auf die Argumente des anderen einlässt, ohne sie von vornherein von sich zu weisen. Es mutet dennoch seltsam an, dass etwa Augustinus sich in modern-liberaler Art tolerant gegenüber einem Triebtheoretiker wie Freud oder einer feministischen Existenzialistin wie de Beauvoir verhalten kann, ohne wenigstens einen der beiden der Ketzerei zu beschuldigen und sie zur Höllenqual zu verdammen. Sicher, ein erbittertes Streitgespräch, in dem keiner dem anderen zuhört und jeder von sich glaubt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, wäre wenig erbaulich; wer so etwas sehen möchte, der führe sich Ben Shapiro-compilations zu Gemüte. Dennoch wäre es sicher möglich gewesen, die Kontraste und tiefen Gräben zwischen den Figuren und ihren Epochen stilistisch etwas scharfzüngiger darzustellen.
(Ein wirklich gelungenes Beispiel eines solchen fiktiven Streitgesprächs von Wilhelm Weischedel ist auf YouTube unter dem Titel "Plato und Nietzsche: Un-Zeitgenossen im Gespräch" zu finden.)
Dieser Umstand macht eine abschließende Bewertung schwierig. Was die Autorin tut, das macht sie gut, sehr gut sogar und ergibt ein flott-zu-lesendes, unterhaltsames und intellektuell verspieltes Werk. Leider ist das, was sie tut, nicht das, was sie versprach und so kommt der Hauptverkaufspunkt, dass hier nämlich große Philosophen selbst miteinander ins Gespräch gehen, beraten und streiten, viel zu kurz; dahingehend versprach die Autorin zu viel, als sie stilistisch einzuhalten wusste. Mit der richtigen Erwartungshaltung findet man hier dennoch ein durchaus kurzweiliges, lesenswertes Buch über die Liebe in all ihren Spielarten und mit all ihren Problematiken.