Rezensionstitel: Auf hoher See und vor Gericht ist man allein in Gottes Hand!
Kurzmeinung: Prätentiös – dennoch dichter Text über das Ausgesetzsein des Menschen
Bolivar, ein bärbeißiger Fischer mittlerer Jahre hat sich in Schwierigkeiten gebracht, er braucht sofort Geld, sonst sieht er vor seinem geistigen Auge seine abgeschnittenen Ohren im Sand am Strand liegen. Wie kommt ein Fischer an Geld? Indem er einen Fang verkauft, möglichst einen lohnenden. Verschlafen und verkatert sitzt er in der heruntergekommenen Strandbar (nur ein paar Bretter), glubscht die Barfrau an, die dort in einer Hängematte auch nächtigt, und schwatzt mit seinem Boss und Freund Arturo. Dieser sieht einen heftigen Sturm heraufziehen und rät von einer Ausfahrt ab. Aber Bolivar will nicht hören, ist er doch ein erfahrener Fischer, der schon manchem Sturm getrotzt hat. Nur braucht er noch einen Beimann, weil sein alter Kumpel Angel nicht auftaucht wie verabredet, mit dem er sonst hinausfährt. Sie sind ein eingeschworenes Team. Da Angel nicht zur Verfügung steht und sonst keiner mit hinaus will, nimmt er schließlich den viel jüngeren Hector mehr widerwillig als begeistert mit.
Der Kommentar und das Leseerlebnis.
Ein Lynch. Ein typischer Lynchroman mit den für diesen Autor typischen Stilelementen. Viele wunderbare Metaphern – und leider auch viele nicht gelungene Wortkonstruktionen, die man nicht versteht, auch wenn man sie zwei- oder dreimal liest. Die Beurteilung, ob das Kunst ist oder weg kann, liegt im Auge/Urteil des Betrachters/Lesers. Mir gelingt es nicht, über diese Unebenheiten, Manieriertheiten und künstlicher Aufgeblasenheit der Sprache hinwegzusehen; solche „Experimente“ (wenn sie nicht geglückt sind), führen zu Punktabzug. Dabei ist der Übersetzer in diesem Fall unschuldig, der Originaltext ist ebenso angelegt.
Also, wenn man Lynch liest, weiß man, dass man auch Lynch bekommt. Damit muss man leben. Lynch ist ein Lyriker und einer, der mit Sprache experimentiert. Punkt.
Davon abgesehen, gelingt es dem Autor auf schmalem Raum, keine 200 Seiten ist der Roman lang, einen fesselnden Existenzkampf auf Leben und Tod in vielerlei Facetten aufzustellen. Die beiden Fischer, so unterschiedlich sie sind, kämpfen jeder auf seine Art um das Überleben, nachdem der Sturm ihnen quasi alles genommen hat ausser dem nackten Leben und dem schier unverwüstlichen Boot. Der eine klammert sich an Mutter Maria und an seine Erinnerungen an sein Mädchen, der andere gibt den Glauben, dass das Meer ihm nichts antun kann, nie auf. Das Meer ist wie ein Selbstbedienungsladen, meint er – und hat damit nicht unrecht.
Mir hat sehr gut gefallen, wie die Männer, abgesehen von den äußeren Kalamitäten – sie verbringen mehr als 2 Monate auf hoher See, mit ihren inneren Dämonen ringen.
Das Ende lässt Paul Lynch listigerweise offen. Entweder interpretiert man es in Richtung Mystik oder man bleibt ganz irdisch. Bis zur letzten Seite weiss man nicht, wohin Lynch Bolivars Panga letztendlich steuern wird, an die Küste oder ins Nirwana.
Fazit: Viele Facetten werden in diesem packenden Existenzkampf verhandelt, das zähe Aushalten der Zeit, Durst und Todesangst, Kameradschaft auf Leben und Tod, die Größe der Natur und ihre Schönheit, ihre Unbezwingbarkeit durch den Menschen, Vergangenheitsbewältigung und die Plastikverschmutzung. Alles drin. Insofern ist Lynch ein ganz großer. Allerdings bleiben seine sprachlichen Ausrutscher ein Manko.
Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Verlag: Klett Cotta 2025