Die Grundidee dieses Buches ist sehr gut. Man merkt auch, wie viel Arbeit der Autor in die Recherche investiert hat und es ist allzu einfach, sich vorzustellen, dass es so tatsächlich kommen könnte. Leider bedeutet gut recherchiert nicht zwangsläufig gut zu lesen. Der Roman wechselt mit jedem Kapitel den Ort und den Erzähler. Das kann unübersichtlich wirken, aber ist zu bewältigen, sobald dem Leser klar wird, dass nur eine Figur wirklich zählt, nämlich die bereits im Klappentext erwähnte Conrada van Pauli ,#Superwoman (bzw. Mary Sue). Kann alles, weiß alles, lebt für ihren Beruf. Ihre Familie ist eigentlich nur da, um an passender Stelle ein Druckmittel zu bieten, was aber auch dann nicht wirklich wirkt, weil man das ganze Buch über nicht den Eindruck bekommt, dass ihr ihre Kinder, geschweige denn ihr Mann, wirklich am Herzen liegen. Es ist recht schwer, mit einer solchen Hauptfigur warm zu werden. Da leider die meisten Kapitel aus ihrer Sicht geschrieben sind, befinden wir uns auch die meiste Zeit im diplomatischen bzw. verbeamteten Kontext, was teilweise so spannend zu lesen ist, wie eine EU-Verordnung.
Die andere im Klappentext erwähnte Figur des Bimal Kapoor ist wesentlich besser geschrieben und nachzuvollziehen .Man hätte allein aus seiner Storyline ein eigenes Buch machen können. Leider wird die Figur im wahrsten Sinne des Wortes versenkt. Die restlichen Figuren sind entweder Hintergrundillustrationen, um zu zeigen, was im Rest der Welt so passiert, oder einfach da, um Conrada je nachdem Unterstützung oder Hindernisse zu geben.
Von Anfang an wird man mit sehr vielen Informationen und Abkürzungen konfrontiert. Wenn man sich für Politik und globale Zusammenhänge interessiert, kann man da ganz gut durchsteigen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass das so manchen Leser ziemlich schnell rausbringt. Insgesamt ist das Buch in erster Linie eines, nämlich lang. Man quält sich durch über 500 Seiten, in der Hoffnung, dass Spannung aufkommt, aber selbst wenn Leute vor den Augen der Hauptfigur kaltblütig ermordet werden ermordet werden, klingt das so kühl und unbeteiligt wie ein Tagesschaubeitrag. Dann springt man mal zu Bimal Kapoor, dann wieder zu jemand komplett anderes, den wir nie wiedersehen und dessen Kapitel eigentlich irrelevant ist.Natürlich gibt es eine kleine Gruppe von Superreichen, die extrem viel Macht haben und im Geheimen alles kontrollieren. Kapitalisten sind böööse. Die Amis sind doof. Same old same old.
Was mich aber am meisten an dem Buch gestört hat, kann ich leider nicht erzählen, ohne das Ende zu verraten, daher:
SPOILER ALERT!
Alles, was in dem Buch passiert scheint letzendlich ziemlich sinnlos. Bimal Kapoor entdeckt einen Speicherchip mit höchst brisanten Daten, die weltweite Korruption enthüllen. Selbst innerhalb der EU sind Leute bestochen worden. Alles wird mehr oder weniger von einer Gruppe Superreicher gelenkt. Er schafft es zwar, die Daten an Mary Sue van Pauli zu übermitteln, aber erfriert oder ertrinkt dann in der Moskwa (Ist er tot? Wird er gerettet? Keine Ahnung, ist offenbar nicht so wichtig). Was machen Conrada und ihre Kollegen dann mit diesen hochbrisanten Informationen? Sie entscheiden, sie zu löschen! Warum? Weil Conradas Tochter sonst vielleicht, unter Umständen möglicherweise in Gefahr sein könnte und weil „wenn das System es zulässt, jeder korrumpierbar ist. Es braucht keine Strafanzeigen gegen Einzelne, es braucht eine grundsätzliche Überarbeitung des Systems“ (S. 622) Schön und gut. Macht ja nichts, dass Leute dafür gestorben sind, dass die Dateien veröffentlicht werden können. Aber was ist dann die Lösung, die das Buch vorschlägt? Eine weltweite Umverteilung , durch einen gemeinsamen Fonds, auf den sich die UN sogar in einer Sitzung einigt (unverbindlich natürlich). Dann sind wir auch schon am Ende des Buches und es wird impliziert, dass sich die Menschen weltweit einfach so beruhigt haben, nach dieser bahnbrechenden Absichtserklärung, dass man sich vielleicht mal in den Parlamenten dazu Gedanken machen würde (und mehr ist es auch nicht). Im letzten Kapitel erfahren wir, dass die zuvor erwähnte Gruppe der Superreichen ihre Spuren schon wieder verwischt hat und eigentlich uneingeschränkt so weitermachen kann wie bisher.
Die ersten ca. 500 Seiten waren einfach nur langatmig, aber durch die letzten 100 Seiten ist das Buch in meiner Bewertung von zwei auf einen Stern gerutscht. Man legt das Buch weg und fühlt sich ähnlich ernüchtert, wie nach einer Nachrichtensendung , oder einer Dokumentation über die aktuelle Lage des Kapitalismus. Das ist zwar durchaus realistisch, aber für mich persönlich auch extrem unbefriedigend.
TLDR: Das Buch zeichnet ein gut recherchiertes realistisch-deprimierendes Szenario, ist aber zu langatmig und zu unbefriedigend um sich durch 671 Seiten zu kämpfen.