Das Ullstein-Taschenbuch enthält zwei Geschichten, die in der amerikanischen Originalausgabe FOUR PAST MIDNIGHT enthalten sind: LANGOLIERS und DAS HEIMLICHE FENSTER, DER HEIMLICHE GARTEN. Nicht aufgenommen wurden, sicherlich aus Platzgründen (immerhin hat die OA ca. 1000 Seiten) die beide Stories "Der Bibliothekspolizist" und "Zeitraffer". Den Originaltitel erwähne ich, weil er passend untertitelt ist: Right time, wrong place.
1. LANGOLIERS
Ein Linienflugzeug wird während eines Nachtflugs aus dem Raum-Zeit-Kontinuum katapultiert und fliegt durch eine Welt, die in zunehmender Auflösung begriffen ist. Nur die wenigen Passagiere, die während der Transition geschlafen haben, überleben. Alle anderen sind spurlos verschwunden. Wie es den Überlebenden ergeht, schildert King in dieser Story.
King selbst weist im Roman auf Vorbilder hin: Die Geschichte der MARY CELESTE sowie die Legenden, die sich um das Bermuda-Dreieck Ranken (Charles Berlitz).
Das Setting ist unheimlich und hat mir gut gefallen, es erinnert an die guten alten Folgen von TWILIGHT ZONE oder OUTER LIMITS, allerdings ist LANGOLIERS aufgrund seiner Länge von über 300 Seiten ein Roman und somit zigmal länger als die Episoden aus den vorgenannten Serien. Der Lesespaß hat bei mir aufgrund der Länge im letzten Drittel leider etwas nachgelassen.
Wie immer punktet das Romanpersonal, auch hier gibt es die für King "typischen" Frauencharaktere, die eben gar nicht so typisch und eindimensional beschrieben werden. Kommt bei King überhaupt irgendwo die klassische Damsel in Distress vor? Und wir haben auch wieder ein Mädchen, hier sogar blind und mit übernatürlichen Fähigkeiten begabt, das einen gewaltigen Einfluss auf das Geschehen nimmt. Kings taffe, oft auch tragische Mädchenfiguren lassen grüßen. Und die Männer sind erfreulicherweise längst keine Helden, sondern müssen mit ihren Ängsten und Dämonen umgehen.
Am interessantesten ist King der abstoßende Bösewicht Toomy geglückt: Von Kindesbeinen an von Vater und Mutter drangsaliert, wächst er zu einem Erwachsenen heran, der nur an sich denken kann und seinen moralischen Kompass gänzlich verloren hat. Toomy tut einem leid und zugleich wünscht man sich, er möge verschwinden, so, wie die Langoliers, mit den der Vater den kleinen Toomy verschreckt hat, wenn er nicht spurte, die Welt verschwinden lassen; sie in Streifen reißen wie Toomy zwanghaft Papier: ritsch, ritsch, ratsch....
Und noch einen Gedanken zu Toomy, der der "heimliche Held" der Story sein könnte:
Wilhelm Reich ist in seinen Arbeiten auf die Rolle der familiären Erziehung eingegangen und darauf, wie Triebe unterdrückt werden und sich ein erstarrter Charakter daraus formt. Reich beschreibt die Charakterstruktur als erstarrte Lebensgeschichte, als Ergebnis unterdrückter Triebe. Genau das schildert King bei Toomy: Eltern, die zu keiner Zuneigung fähig waren und ein Vater, der Toomy immer zu Höchstleistungen angespornt hat, ohne auch nur einen Gedanken an die Bedürfnisse seines Sohnes zu verschwenden. Entsprechend erstarrt Toomy in seiner Entwicklung (Charakterpanzerung) und lebt nur für den einen Zweck: Immer der Beste zu sein, die Erwartungen des schon lang verstorbenen Vaters zu erfüllen und sein Leben ausschließlich dem Bankgeschäft zu widmen. Diese Erstarrung ist auch als Aufhebung der Zeit zu verstehen, für Toomy gibt es kein Gestern und kein Morgen, nur ein Heute, das von einer einzigen Aufgabe definiert ist: fleißig und die Nummer Eins zu sein. Als er zu einem selbstzerstörerischen Schlag ausholt und dem Konsortium mitteilen will, dass er ein willkürliches desaströses Aktiengeschäft getätigt hat, um so herausgeworfen zu werden und endlich frei zu sein, kommen die Langoliers ins Spiel, mit denen sein Vater immer gedroht hat. Durch sie bleibt die Zeit nun faktisch stehen und die Welt (Toomys) ist dem Untergang geweiht.
3 Sterne
2. DAS HEIMICHE FENSTER, DER HEIMLICHE GARTEN
Wenn 400 Affen 400 Jahre auf 400 Schreibmaschinen rumhämmern, ob da wohl durch reinen Zufall ein Werk von Shakespeare unter dem riesigen entstandenen Papierstapel ist?
Oder, konkreter und anders gefragt: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Schriftsteller Morton Rainey tatsächlich eine Kurzgeschichte geschrieben hat, die fast identisch ist mit einer Story eines Mr. Shooters, der ihn urplötzlich aufsucht und des Plagiats beschuldigt? Mort glaubt nachweisen zu können, dass er seine Geschichte zwei Jahre früher veröffentlicht hat, als Shooter seine geschrieben hat. Aber, und das gilt für die ganz Geschichte, es ist kompliziert. Shooter ist kein Spaßvogel und lässt daran auch keinen Zweifel aufkommen. Rainey, nach seiner Ehescheidung deprimiert und vom Writers Block geplagt, scheint dem Konflikt mit dem Mann aus Mississippi nicht gewachsen. Das Gefühl, dass Rainey mentale Probleme hat, drängt sich dem Leser früh auf. Aber wie tiefgreifend sind diese Probleme, und wie weit ist Shooter bereit zu gehen?
Viele haben vermutlich die Verfilmung mit Johnny Depp gesehen, die auch ich gerne und mehrfach angeschaut habe. Depp spielt fantastisch und die Bilder sind großartig, trotzdem sollte man sich nicht von der Lektüre der Novelle abhalten lassen, nur weil man die filmische Umsetzung kennt. Tatsächlich ist Kings Novelle sehr viel komplexer und subtiler, als der Film es wiederzugeben vermag. Es gibt viele Details, die den Leser auf die Spur bringen, nur ob es immer die richtige ist?
Eine Novelle über die Nöte eines Schriftstellers, ein psychologisches Schaustück, und ich frage mich, wieviel von King selbst wohl in der Geschichte drinstecken mag.
5 Sterne