Die Hirschs waren Verfolgte, Widerstandskämpfer, Opportunisten, Künstler. Ein Jahrhundert deutsche Geschichte hat sie geprägt, haben sie mitgeprägt. Da durfte man nicht empfindlich sein, es galt, die eigene Haut zu retten. Empfindlich war Tamara zum Glück nie. Stattdessen suchte sie das Abenteuer, die Herausforderung, das Risiko. Doch andere hat die Familie zugrunde gerichtet; eine Schuld, die Tamara nicht verzeihen kann. Eindrücklich, poetisch und kraftvoll erzählt Franziska Hauser die Lebensgeschichte der bezaubernd eigensinnigen Tamara Hirsch – erzählt damit die Geschichte ihrer eigenen Familie, eine Geschichte aus politischen und persönlichen Fallstricken, bis dem Leser die Luft wegbleibt.
Tamara Hirsch, geboren 1951 in der damaligen DDR, ist diplomierte Puppenspielerin mit sozialistischem Erziehungsauftrag. Über die Augsburger Puppenkiste der Westdeutschen können vom Staat finanzierte Kulturschaffende wie sie nur lachen. Puppenspielerei studierte man damals am besten in der Tschechoslowakei und konnte nach dem Examen selbst als alleinerziehende Mutter mit einem sicheren Einkommen rechnen. Allein erziehende Väter fanden sich selten; denn der sozialistische Staat hatte auf dem Propaganda-Weg ein Bild starker, unabhängiger Mütter kreiert, in dem Väter nicht vorkamen. Tamara hat heute zwei Töchter, die in den 70ern geboren wurden.
Als in der Gegenwart Tamaras Mutter Adele mit beinahe 80 Jahren tödlich verunglückt, wird Tamara mit der Geschichte ihrer Künstlerfamilie konfrontiert, die durch ihren Status als Juden, durch Krieg, Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Leben im Exil und ein Maß an Vernachlässigung und sexueller Gewalt geprägt war, die Leser von heute sprachlos machen wird. Von vier Generationen erzählt Franziska Hauser in kurzen Abschnitten und auf zwei gegenläufigen Zeitachsen. Eine Zeitachse verläuft von 1889 und Großvater Friedrich, der den Kaiser und zwei Weltkriege miterlebte, bis in die Gegenwart, die andere von der Gegenwart rückwärts. Friedrichs Sohn Alfred, bereits KZ-Häftling, kann sich mit tatkräftiger Hilfe seiner Frau vor der Verfolgung durch die Nazis nach England retten, wo er sich zum begnadeten Pädagogen qualifiziert. Nach Kriegsende muss Alfred erkennen, dass die in vier Sektoren geteilte Bunderepublik auf Sozialisten und Kommunisten nicht gewartet hat und ihn wie ein nicht bestelltes Paket in den russisch besetzten Sektor abschiebt.
In zweiter Ehe werden Alfred die Töchter Tamara und Dascha geboren. Inzwischen ist Alfred Romanautor im Auftrag des Sozialismus und hat als ehemaliger Widerstandskämpfer besondere Privilegien. Alfred und Adele sind für den Aufbau der DDR – und vermutlich für die Völkerfreundschaft – in aller Welt unterwegs, während die Töchter von der Haushälterin Irmgard betreut werden. Reisekader nannte man das damals. Die Privilegierten brachten von ihren Auslandsreisen Dinge mit, die normale Werktätige in der DDR nicht kaufen konnten und hatten wenig realistische Vorstellungen vom Leben im realen Sozialismus, wie Tamara als Schülerin feststellen muss. Sie wollte schon als Kind immer nur weg aus dieser Villa, so weit weg wie möglich aus der Enge des Bonzenviertels und bewirbt sich deshalb nach der Schule für einen Praktikumsplatz als Puppenspielerin in Zwickau. Im Handlungsverlauf wird von Seite zu Seite deutlicher, dass sie auch vor dem Missbrauch durch Vater und Onkel flieht, den Mutter Adele bewusst duldet. Tamaras jüngere Schwester wechselt schon seit ihrer Kindheit zwischen Selbstmordversuchen und Psychiatrieaufenthalten durch. Tamara nimmt die Widersprüchlichkeiten eines Staates bewusst wahr, der seinen Landeskindern als strenger Vater entgegentritt und ihnen keine Entscheidung selbst überlässt. Es ist dennoch eine vaterlose Gesellschaft , in der einzelne Jugendliche zwar ihre gewalttätigen Väter hassen, eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus jedoch unterbleibt. Sehr bewegend wirkte die Biografie der Haushälterin Irmgard, die keinen Bauern und keinen Fleischermeister heiraten wollte. Irmgard ist Tamaras Gegenstück, sie will ebenfalls nur weg aus ihrem Dorf und zahlt dafür einen hohen Preis. Tamara traue ich das zu, was der Titel des Romans verspricht: weil sie jahrzehntelang gepredigt bekam, dass man bei Gewitter nicht draußen schwimmt, wird sie genau das trotzdem ausprobieren.
Hausers Plot ist mit gegenläufigen Zeitachsen, Figuren aus vier Generationen und seinen Schauplätzen in mehreren Ländern komplex konstruiert. Es dauerte eine Weile, bis mir die Anordnung der Szenen deutlich wurde. Tamara erzählt in der Ichform, ihre Tonlage trägt den Roman, abwechselnd mit einem allwissenden Erzähler. Die Abschnitte in der Gegenwart und aus der Ichperspektive fand ich leichter zugänglich als die Erlebnisse der Elterngeneration. Vorkenntnisse zum Leben in der DDR sind für das Verständnis der Familiengeschichte hilfreich. Da Hausers Mutter Puppenspielerin war, erzählt sie mit der Geschichte der Familie Hirsch vermutlich auch ihre eigene Familiengeschichte. Wegen expliziter Missbrauchsszenen sollten Betroffene mit Triggerwirkung rechnen.
In Die Gewitterschwimmerin erzählt Franziska Hauser, Jahrgang 1975, die Geschichte ihrer eigenen Familie. Die Idee dazu sei aus der Frage entstanden, warum ihre Mutter so ein Biest geworden war, sagt die Autorin im Interview, und erst nach Fertigstellung des Romans sei ihr klar geworden, dass ihre Mutter auch die Hauptfigur ist. Als Titelheldin des Romans wird diese Mutter zur 1951 geborenen Tamara Hirsch, Tochter von Alfred Hirsch, eines prominenten jüdischen DDR-Schriftstellers, der dank seiner Vergangenheit als kommunistischer Widerstandskämpfer gegen das Naziregime viele Privilegien genießt. In Episoden zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Jahr 2017 erfahren wir Details über die Geschichte der Familie, wobei manche Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. So ergibt sich nach und nach ein umfassendes Bild und so manche Erklärung für das zerstörerische Verhalten, das Alfred und Adele Hirsch ihren Töchtern gegenüber an den Tag legen. Während ihre jüngere Schwester Dascha an der oft lieblosen Behandlung und am sexuellen Missbrauch zerbricht, lernt Tamara, damit umzugehen, auch wenn der Preis dafür hoch ist.
Gleichzeitig bietet Franziska Hauser Einblicke in das Leben der Upperclass in einer klassenlosen Gesellschaft: Leben im Schloss, Auslandsreisen, Hauspersonal und Designerkleidung aus Paris, ein Wochenendhaus am See und wenn notwendig auch ein eigens für die Tochter geschaffener Studiengang, alles bis auf Widerruf.
Meine Meinung: Als ich das beim Verlag angeforderte Rezensionsexemplar in Händen hielt, bewunderte ich zunächst die Ausstattung: Schutzumschlag in Pastellblau, dunkelgrüner Moiréeeinband, Lesebändchen. Fühlte sich gut an, aber was den Wohlfühlfaktor betraf, blieb es bei der Haptik. Das Unbehagen, das die Schilderung der einzelnen Episoden von Beginn an hervorruft, steigert sich zur Beklemmung, auch wenn Tamara die schlimmen Dinge, die ihr widerfahren, mit innerer Distanziertheit und Kälte hinzunehmen scheint.
In den Vorbemerkungen des Romans bedankt sich Franziska Hauser ausdrücklich für die Zustimmung ihrer Familie zur Veröffentlichung der Geschichte in Romanform, und diese Zustimmung kann wohl niemandem leicht gefallen sein, auch wenn die Herangehensweise der Autorin bei der Schilderung der Geschehnisse und der Darstellung der seelischen Abgründe fast behutsam zu nennen ist. Jedes Wort an der richtigen Stelle, keine Anklage, stattdessen der meiner Meinung nach gelungene Versuch, das Unerklärliche zu erklären, das Unentschuldbare verständlich zu machen.
Ich habe mir mit dem Roman zunächst sehr schwer getan, ihn nach der Hälfte zur Seite gelegt, nach einigen Wochen wieder zur Hand genommen, das bereits Gelesene nochmals durchgeblättert, und dann konnte ich plötzlich nicht schnell genug zum Ende kommen. Erst in der Rückschau habe ich verstanden, wieso die Episoden nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern auf den ersten Blick willkürlich angeordnet waren. Nur so ist die Distanz möglich, die die Schilderungen aushaltbar macht und die Erklärungsversuche gelingen lässt.
Trauma wird von Generation zu Generation weitergegeben, ob man das eigene kennt oder nicht. Jede Generation hält sich für das gelungene Resultat der vergangenen kaputten, veralteten, irrsinnigen Generation. Durch die aufeinander zulaufenden Zeitachsen zeigt Hauser aber sehr gut, wie man Mustern nicht entfliehen kann und wie schwierig die Selbsterkenntnis fällt, wenn es Menschen vor allem darum geht, sich selbst vor noch mehr Verletzung zu schützen.
Ich finde Hausers Sprache absolut schön und die Geschichten gut aus der subjektiven Perspektive der Hauptfigur dargestellt. Mit der verworrenen Zeitachse kam ich erst nicht gut zurecht, war mir etwas zu wild und willkürlich durcheinander geworfen, bis sich die Erzählrichtungen irgendwann näher kamen.
Eine Familiengeschichte über so viele Generationen, verschiedene Lebensumstände, Gezeiten, politische Systeme und Traumata authentisch zu begleiten ist meisterhaft. Alles zurück zu seinem Ursprung und voraus zu seinen Konsequenzen zu verfolgen ist fabelhaft gelungen. Das Buch ist voller Schmerz, Anpassungsversuche, schräger Überlebenskunst und seelischer Abgestumpftheit.
To say I enjoyed the book would be krass given the absolute tragedy of it all. I thought it was well written and engaging even when you had to cover your eyes or ears to continue. A very dark and honest insight into the sordid details of life lived fighting wars and navigating treacherous transitions.
TRIGGER WARNING: The book contains a lot of sexual and physical abuse. Read with caution.
Als der 60jährigen Tamara Hirsch mitgeteilt wird, dass ihre Mutter gestorben ist, setzt dies einen Erinnerungsstrom in Gang, der Tamara ihr ganzes Leben vor Augen stellt. Parallel dazu wird die Geschichte ihrer Vorfahren erzählt, beginnend mit dem sechsjährigen Friedrich Hirsch, Tamaras Großvater. Er und seine Eltern sind Juden, die bereits seit langer Zeit im badischen Endingen leben und erfolgreich eine Schneiderei betreiben. Dennoch gehören sie nicht dazu, was ihnen immer wieder deutlich gemacht wird. Friedrich wird ein erfolgreicher Mathematikprofessor, doch als der Nationalsozialismus sich in Deutschland breit macht, muss er erkennen, dass er und seine Familie unerwünscht sind. Es zerstreut sie in alle Himmelsrichtungen, Friedrichs Kinder wenden sich voller Hingabe dem Kommunismus zu und wie durch ein Wunder finden sie sich alle nach Kriegsende wieder. Sie beginnen ein neues Leben in der DDR und haben dort ebenfalls Erfolg; doch der Krieg hat Spuren hinterlassen, mit denen nicht nur Friedrichs Kinder, sondern auch seine Enkel sehr zu kämpfen haben. Es ist unglaublich, was den einzelnen Mitgliedern dieser Familie widerfährt, vom moralischen Abgrund bis zu schwindelerregenden Höhen durchqueren sie praktisch jeden erdenklichen Punkt. Es gibt Demütigungen, Gewalt, sexuellen Missbrauch, aber auch die reine Lebensfreude, Ehrungen, Würdigungen, Luxus - die Familie lässt nichts aus. Eine Achterbahn von Erlebnissen und Gefühlen, die insbesondere die Generation Tamaras zeitlebens daran hindert, Glück zu empfinden. Doch ihre Eltern sind ebenfalls durch die Kriegserlebnisse schwer gezeichnet, wenn auch beide aus unterschiedlichen Gründen. Eigentlich eine grandiose Familiengeschichte, denn die Autorin hat zudem einen sehr eindringlichen Sprachstil: "Sie hatten jahrelang die Zähne zusammengebissen vor Angst, und die Angst hatte ihnen die Kieferknochen zermahlen."- "Offenbar bin ich in einem System groß geworden, das mit dem Erwachsenwerden seiner Kinder nicht gerechnet hat." Doch zwei Dinge lassen mich hadern mit diesem Roman. Zum einen ist es die Nichtreflektiertheit fast aller ProtagonistInnen, die sich weigern, sich mit ihrer Vergangenheit und den daraus resultierenden Verletzungen auseinanderzusetzen. Stattdessen wird auf Teufel komm raus gelebt, um Alles zu vergessen, auch wenn es den Kindern die größten Schmerzen zufügt. Bei der Kriegsgeneration ist dies vielleicht noch halbwegs nachzuvollziehen, aber bei deren Kindern? Insbesondere Tamara mit ihrer Wut und Aggression gegen alles und jeden wurde mir immer unsympathischer, auch wenn diese durch die Ursachen nachvollziehbar wurden. Zum andern habe ich so meine Schwierigkeiten mit der Erzählweise. Tamara erzählt chronologisch rückwärts ausgehend vom Tod ihrer Mutter, immer mit mehreren Jahren Abstand dazwischen. Zwischen ihren Abschnitten findet sich die Geschichte Friedrichs und seiner Söhne, diese aber chronologisch vorwärts, auch hier mit größeren Zeitabständen. Zum Verständnis hier der Aufbau der ersten 100 Seiten: 2011, 1889, 1996, 1903, 1991, 1918, 1989, 1932, 1986, 1933 usw. Ich mag diese Form des Erzählens nicht allzu sehr, da ich durch diese ständigen Wechsel sowohl zeitlich wie auch personell keine richtige Beziehung zu den Figuren aufbauen kann. Man springt hin und her und zumindest zu Beginn musste ich ständig den glücklicherweise auf der letzten Seite vorhandenen Stammbaum der Familie zu Hilfe nehmen. So bleiben letztendlich gemischte Gefühle.
In einer klaren, knappen Sprache wird das Leben einer Familie beschrieben, das inmitten deutscher Geschichte stattfindet und doch in seiner Tragik sehr persönlich ist. Im Mittelpunkt steht das Schicksal einer Generation, die nach dem Krieg geboren wurde, aber der Kriegsprägung ihrer Eltern nicht entkommen kann. Wie weitgehend es Milieus gab, in denen die hier geschilderte Normalisierung sexueller Gewalt gegen Mädchen tatsächlich stattfand, oder ob es sich bei der auf der Familiengeschichte der Autorin beruhenden Darstellung um eher singuläre Geschehnisse handelt, wäre interessant zu untersuchen. Die lakonische Art mit der hier Missbrauch durch Familienmitglieder geschildert wird, trägt jedenfalls hervorragend dazu bei, die Ausweglosigkeit der Situation für die Betroffenen erlebbar zu machen, eine Ausweglosigkeit, die zur Suche nach Ausbruchsmöglichkeiten wird, sowohl im konstruktiven wie im destruktiven Sinne. Ein beeindruckendes Buch, dessen Faszination sich auch aus der mehrschichtigen Perspektive speist.
«Es regnet. Ich erkenne, dass einige Steine sich verfärben, im Nasswerden Worte bilden, Sätze, einen Text. Ich muss rückwärts gehen, um ihn zu lesen. Der Text handelt von meinem Leben und davon, dass ich mich unvermeidbar in Staub auflösen werde, wenn ich weiter rückwärtsgehe. Die Straße wird irgendwann zu Ende sein.»
Das schreibt sie, die titelgebende Gewitterschwimmerin. Tamara. Theaterfrau. Die mit sich und der Welt nicht so recht zurecht kommt, aber immer noch deutlich besser als die meisten anderen in diesem Buch, das vor allem um Tamaras Familie kreist. Oder täuscht das und sie sind nicht anders als die meisten anderen Familien?
Franziska Hauser erzählt die Geschichte der Familie Hirsch vom goldenen Zeitalter Ende des 19 Jahrhunderts bis heute gleichzeitig vorwärts und rückwärts. Das ist der beste Kniff des Buches. So lernen wir jeweils die wirklich meist überaus verstörenden bis verabscheuenden Altersversionen der Hirschfamilie kennen - und wenige Kapitel später ihre unschuldige bis liebreizende Version der Jugend.
Als mir das erste Mal aufging, das der niedliche Junge und der übergriffige Onkel ein und die selbe Person sind, wurde mir gleich ganz anders. Und ganz anders wurde mir immer wieder beim Lesen dieses Romans. Nüchtern und scheinbar teilnahmslos beschreibt Hauser darin, wie sich die Familienmitglieder gequält haben - selbst und einander. Die Kette aus Herzlosigkeit, sexuellem Missbrauch und Totschweigen, die auf allen Seelen schwerwiegende Folgen hinterlässt, auf einer aber besonders. Dieser ständige Widerspruch der aufrichtigen jüdischen Kommunisten aus reichem Elternhaus, die im Widerstand den Zweiten Weltkrieg überleben, nur um dann in der DDR als Parteikader wieder zu der sehr kleinen Zahl reicher Kommunisten zu gehören. Die Brüche, die Schmerzen, die Herzlosigkeit, mit der alle Figuren in diesem Roman auskommen müssen und deren Wunden sie scheimbar teilnahmslos weitervererben, sind mitunter schwer zu ertragen. Stark ist das Buch vor allem, in dem es Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts mit Alltagsgeschichten erzählt.
Aber der Stil, der so gar nicht emotionalisiert daher kommt, vereinfacht es, verbessert es, macht aus der Gewitterschwimmerin ein gutes Buch. Genau wie die aufeinander zulaufenden Erzählperspektiven. Mitunter war mir da aber auch zu viel Wiederholung und wenig Stillstand - ganz so, als sei der Erzählform mitunter der Inhalt untergeordnet. Aber den Effekt erüllt dieses Aufeinanderzuerzählen. Je mehr Puzzleteile beim Lesen an ihren Platz wandern, desto mächtiger wird die Erschütterung, die von einigen geschilderten Ereignissen ausgehen. Von sehr vielen sogar.
„Die Wellen haben mich zurück zum Ufer getragen, haben mich ausgespuckt, wollen mein Leben nicht haben.“ (Zitat Seite 66)
Inhalt: 2011 erhält Tamara Hirsch die Nachricht vom überraschenden Tod ihrer Mutter Adele. Selbst Mutter von zwei Töchtern, Henriette und Maja, und auch schon Oma, blickt sie beim Entrümpeln und Umbau des geerbten Elternhauses auf ihr Leben zurück. Sie war immer das unangepasste Familienmitglied, geprägt durch die Mutter Adele, die am liebsten reiste, den Tod der jüngeren Schwester Dascha, die Erzählungen von Großvater Friedrich und Vater Alfred.
Thema und Genre: Dieser autobiografische Generationen- und Familienroman ist gleichzeitig ein politisches Bild Deutschlands zwischen Nationalsozialismus und DDR. Die Themen sind vielschichtig, es geht um politische Überzeugungen, Enttäuschungen und eine Männerwelt, in der Frauen manchmal gehorsame Kulisse zu sein hatten. Dazu kommen noch problematische Mutter-Tochter-Beziehungen. Die eigenwillige Tamara, geprägt durch ihre Erziehung, durch das Verhalten von Vater und Onkel, durch die ständigen Abwesenheiten ihrer Mutter, kann sich in die Grenzen des Alltags der DDR schwer einfügen.
Handlung und Schreibstil: Dieser Roman ist in viele Kapitel unterteilt, die eher willkürlich aneinander gereiht scheinen. Jede Kapitelüberschrift trägt eine Jahreszahl und der erste Satz beginnt oft mit dem Namen des Familienmitgliedes, das dann im Mittelpunkt steht. Dies ist eine gewisse Orientierung für den Leser. Die Geschichte der Familie wird von Tamara in der Ich-Form erzählt, soweit es die eigenen Erinnerungen und Rückblicke auf ihr Leben betrifft. Die Ereignisse im Leben der anderen Charaktere, die Tamara nicht wissen kann, werden von einem Erzähler in der dritten Person geschildert, sodass sich ein umfassendes Bild über drei Generationen ergibt. Die Sprache ist kraftvoll, lebhaft erzählend und beschreibend.
Fazit: Mein erstes Buch vom Stapel einer persönlichen Auswahl aus den Titeln der Longlist, hat mich dieser Roman gefesselt, aber auf Grund der vielen Zeitsprünge nicht vollkommen überzeugen können. Der Leser erhält einen tiefen Einblick in die Interna der Familie Hauser, im Roman die Familie Hirsch und einen realen Eindruck vom Alltag in der DDR. Für dieses Buch sollten man sich Zeit nehmen und diese möglichst ohne allzu große Pausen, denn die sich gleichsam im Rösselsprung und vor und zurück durch die Generationen und Personen bewegende Geschichte wird sonst wirklich unübersichtlich und zeigt dadurch Längen.
Selten hat mich ein Buch so mitgenommen und so wütend gemacht wie „Die Gewitterschwimmerin“ von @hauser.franziska. Und das ist gut so. Denn dieses Buch ist eine der ehrlichsten Familiengeschichten, die ich je gelesen habe: so ehrlich, dass es weh tut. Die Geschichte der Familie Hirsch ist außergewöhnlich: Friedrich Hirsch flieht vor den Nazis nach England, während seine badische Familie im KZ von den Nazis ermordet wird. Während er als Professor dort unterrichten darf, engagieren sich seine Söhne Erwin und Alfred im Widerstand - und wie durch ein Wunder überleben alle und helfen tatkräftig als gute Kommunisten mit, die neu gegründete DDR aufzubauen. Aber wie kommunistisch ist man eigentlich, wenn man in fremden Schlössern residiert und keinen Finger krümmen muß, wenn man in alle Welt reist, während der Rest der Bevölkerung nichts von dieser Welt sehen darf? Und gehört es wirklich zum Konzept der freien Liebe, vor seinen eigenen Töchtern nicht Halt zu machen und diesen beizubringen, es wäre völlig in Ordnung, sich von allen „Onkeln“ begrapschen zu lassen und ihr Körper gehöre ihnen nicht alleine? Und was ist eigentlich mit den Müttern dieser angesehenen Familie los? Ist wirklich jeder Mensch, der traumatische Erfahrungen machen musste, dazu verdammt, seine eigenen Kinder zu traumatisieren?? Ich wollte jedenfalls ständig alle Familienmitglieder schütteln und fragen: spürt Ihr Euch eigentlich noch??? Und die Antwort wäre natürlich nein gewesen. Denn das ist, was passiert, wenn traumatisierte Menschen Kinder und Macht bekommen, ohne die eigenen Verletzungen anzuschauen und zu heilen: sie missbrauchen sie. Anschaulicher hätte Franziska Hauser das nicht beschreiben können: und fürchterlicher und schöner zugleich auch nicht. Und gleichzeitig ist „Die Gewitterschwimmerin“ ein ganz großer Roman über die deutsche Geschichte vom Zweiten Weltkrieg bis heute, den jede*r gelesen haben sollte. „Warum bin ich geworden, wie ich nicht sein will?“ - diese Frage steht über diesem Buch und wir bekommen von Tamara Hirsch, der widerständigsten und wunderbarsten Romanheldin, bittere Antworten. Lesebefehl!
Erscheinungsdatum: 23.2.2018 gelesen als ebook (Kindle) dank Netgalley im September 2018
Genre: Historischer Roman, Zeitgeschichte
Auf dieses Buch wurde ich aufmerksam über die Leseproben der Longlist des Deutschen Buchpreises. Die Leseprobe erschien mir griffig, das Thema Familiengeschichte im Dritten Reich, DDR bis heute hier, Mißbrauch, Künstler, Kommunisten erschien mir reizvoll, die Sprache der Leseprobe angenehm.
Doch durch dieses Buch musste ich mich die ersten 2/3 durchquälen. Die Autorin arbeitet mit Zeitsprüngen, springt scheinbar wahllos zwischen 1889 und am Ende 2017 hin und her. Genauer betrachtet sind es wohl 2 Zeitschienen, die, eine vorwärts und eine zurück, die Geschichte aufrollen. Eine Ich-Erzählerin in der Neuzeit und ihre Vorfahren, dazu Kinder und Enkel. Die Autorin schreibt, wie eine Familienrunde sich Dinge erzählt, fragmentarisch, kurze Eindrücke, Geschichte und Geschichtchen. Bis fast 2/3 des Buches komme ich mit den Personen ins Schwimmen, nur Tamara, die Ich-Erzählerin, hat Konturen und Substanz, alle anderen sind Holzschnitte, plakative Gestalten, die kaum an Tiefe gewinnen. Wer ist Vater, Großvater, Mutter, Schwester, welche Rolle hat die Frau mit dem Spitznamen und zu wem gehört der. Was ist an den Ecken geschehen, die dem Vorschlaghammer zum Opfer fallen. Wäre dieselbe Geschichte strukturierter erzählt worden, wären Personen mit Eigenschaften, guten und schlechten Strukturen, im Buch zu finden, ich hätte es mögen können. Doch so verschwimmt fast alles in Banalität, versinkt in Sinnlosigkeit und langweilt. Selbst die Tragödien der Geschichte geschehen nur nebenbei in einem Halbsatz und verlieren sich in der Wortwüste. Nicht einmal der Titel hat eine Bedeutung - sie schwimmt halt gern bei Gewitter, na und .... #DieGewitterschwimmerin #NetGalleyDE #FranziskaHauser #KathrinliebtLesen #Rezension
Ein schreckliches, gutes Buch. Schrecklich in seiner lakonischen Schilderung von Kindesmissbrauch und bedrückend in seiner Erkenntnis, dass die Opfer von einst oft später zu Tätern werden. Es fängt ein wenig schleppend an, weil man sich wundert, wie verzweifelt und zugleich trotzig die Hauptfigur Tamara ihr Leben lebt. Durch die zahlreichen Rückblenden kommt man langsam dahinter, dass in ihrer Kindheit eine Menge schief gelaufen ist. Was vor allem am Desinteresse ihrer Eltern an den beiden Kindern und an der andauernden sexuellen Übergriffigkeit liegt. Ja, die Eltern hatten es auch nicht leicht, aber entschuldigt das? Ich finde nein. Selten habe ich so unsympathische, egozentrische Eltern wie Alfred und Adele in einem Buch kennengelernt. Die dann auch noch aufgrund der Verfolgung des Vaters durch die Nazis eine Menge Vorrechte in der DDR-Gesellschaft beanspruchen. Das Buch bietet nebenher Einblicke in die DDR-Führungsebene, aber auch Erkenntnisse wie die, das es besser ist ein Kommunist und damit Kämper zu sein, als ein Jude und damit Opfer. Das Lesen war nicht vergnüglich, aber packend. Traurig macht mich, dass es auch Tamara nicht gelingt, eine gute Mutter zu werden. Stellt sich die Frage, ob man überhaupt eine Chance auf ein gelingendes Leben hat, wenn die eigene Kindheit derart verkorkst war.
"Die Gewitterschwimmerin" ist eine sehr gut geschriebene Familiengeschichte. Franziska Hausers Sprache ist wunderbar und sehr einnehmend. Auch das Konzept die Geschichte der Protagonistin rückwärts und die Geschichte ihrer Eltern vorwärts laufen zu lassen, sodass sich beide Geschichten irgendwann kreuzen ist ein besonderer Kniff. Manchmal führt es zu etwas Verwirrung, aber der Handlung ist trotzdem gut zu folgen. Der in dem Roman thematisierte sexuelle Missbrauch ist manchmal schwer auszuhalten, ist aber nie zu drastisch beschrieben. Warum nun also nur vier Sterne. Ein einfacher persönlicher Grund: ich mag keine Familiengeschichten. Sie sind immer etwas zu faserig, zu weit gefächert für mich. So interessant "Die Gewitterschwimmerin" auch ist, das Leben der Protagonistin mit einigen Rückblicken hätte mir gereicht. Wer Familiensagen hingegen mag, findet ihr eine exzellent und erfrischend lebendig geschriebene.
Auch bei diesem Buch war mir das “wieso” unklar - warum die Geschichte dieser Familie erzählen? Die Erklärung taucht nur schwerfällig und spät auf. Ja, es mag eine interessante Idee sein, aber absolut nichts Neues. Und was hat eigentlich die lineare Erzählung getan, dass die Autoren der Moderne sie so zu hassen scheinen? Wenn man diese Geschichte geradlinig erzählt hätte und vielleicht noch mehr in die pschologische Tiefe gegangen wäre (Gründe, Rache, PTSD, etc ...), hätte es ein gutes Buch sein können.
Was für ein Buch. "Die Gewitterschwimmerin" war wirklich harte Arbeit für mich, wirklich keine leichte Kost - und das machte es mir wirklich schwer, denn eigentlich kann ich mich aktuell kaum auf fordernde Lektüre einlassen, da mein Privatleben schon so fordernd ist. Und dennoch konnte ich nicht lassen, mich immer weiter "einzuarbeiten". Und letztendlich blicke ich stolz zurück und bereue es nicht, "Die Gewitterschwimmerin" gelesen zu haben.
Kurz: Das Buch machte es mir nicht leicht und doch habe ich es fasziniert gelesen. Das Buch ist definitiv eine Herausforderung, sowohl stilistisch als auch von den Themen her, und hinterlässt bei mir Leere, Ekel aber auch Stolz auf die Protagonistin, die trotz allem ihren Weg geht und das Trauma ihrer Familie nicht weiterträgt. Ja, sie - Tamara - ist ungemütlich, eckt an, sie ist oft ungerecht und macht es vielen schwer sie zu mögen. Aber wer bis zum Ende liest, wird dann hoffentlich verstehen, warum sie so wurde. Ein toller Roman, der aufwühlt und lange nachwirkt.
„Warum bin ich geworden, wie ich nicht sein will?“
Über ein Jahrhundert hinweg, von 1883 bis in die Gegenwart, platziert Franziska Hauser die Geschichte der Familie Hirsch. Ein Mehrgenerationenroman, der auf vielen Ebenen einer Theaterfassade gleicht. Alle scheinen fremde Rollen im Leben Anderer zu bekleiden, Rollen, die man eigentlich nicht spielen will. Man wandert zwischen den Zeiten und Zeilen voller Zuneigung und Grausamkeit, in denen die Opfer des Krieges bald selbst zu Tätern werden. Missbrauch schwelt in den eigenen vier Wänden. Hässliche Erinnerungen an das Elternhaus, belastet von den dunklen Zeiten des Antisemitismus, Nationalsozialismus und Widerstands, kriechen immer wieder aus den Löchern der Vergangenheit. Schnell wird deutlich: die Erinnerungen lassen sich nicht ausradieren und die Zwischenräume sind zu klein, um darin zu leben.
„Wissen Sie, […] ich habe mir lange gewünscht, ich wüsste nicht, was ich falsch gemacht habe. Aber ich muss es wissen. Es ist meine Aufgabe.“
Bei all der Farblosigkeit ist der Schreibstil lebhaft, lebendig und pur. Franziska Hauser schreit Gefühle durch Worte geradewegs heraus und lässt mit Leichtigkeit die fühlbaren Marotten der Charaktere in den Text einfließen ohne das Wesentliche zu entzerren.
Mit ein bisschen Abstand zum Gelesenen hätte ich mir eine andere Erzählform gewünscht. Wie zwei Zahnräder, die ineinandergreifen, aufeinander zurasen, wird der Roman in gekreuzter Chronologie erzählt. Zeitsprünge und Perspektivwechsel zwischen den einzelnen Erzählsträngen erschweren dabei den Einstieg in die Geschichte, sodass man die Orientierung und die Verknüpfung der einzelnen Charaktere untereinander nur schwer fassen kann. Die Komplexität des Aufbaus wird dem Roman hier meines Erachtens zum Verhängnis, denn dieser fordert beim Lesen durchgängig einen langen Atem. Das reinigende Gewitter bleibt am Ende aus und lässt lediglich ein beklemmendes Gefühl des Schweigens über die Vergangenheit zurück.
„Jetzt bist du sie endlich los. […] Es war der schwerste Satz in der Unverzeihlichkeitskiste. Alle Sätze, die sich darin sammelten, hatten die Eigenschaft, mit der Zeit schwerer zu werden.“
"Die Gewitterschwimmerin", das ist Tamara, deren Familie wir durch das 20. Jahrhundert bis in die heutige Zeit begleiten. Das geschieht episodenhaft mit Sprüngen durch die Zeiten und von einer Person zur anderen, so dass sich einem der Kopf dreht. Davon ist Tamaras Eigenart, bei Gewitter zu schwimmen ("Mein Übermut, mich mit den Elementen anzulegen, zittert in meinen erschöpften Knochen."), nur ein winziges Detail. Gleich zu Anfang werden wir gewarnt: "Wer sich mit uns einlässt, darf nicht empfindlich sein." und hätten die Warnung ernst nehmen sollen. Neben einer unglaublichen Offenheit, die Dinge beim Namen zu nennen ("Wenn ich meinen Körper nicht mehr hinkriege, soll wenigstens mein verfluchtes Haus perfekt aussehen."), werden auch unglaubliche Dinge, wie Kindesmissbrauch, hingenommen und als normal angesehen. Was die Familie nicht einfach akzeptiert, sind die politischen Umstände - vom Widerstand im Krieg bis zur Kritik am DDR-Regime spielen ihre Aktivitäten immer wieder eine Rolle. Eigentlich hat dieser Roman viele Elemente, die ich schätze - familiäre Umstände vor deutscher Geschichte mit ungewöhnlichem Verlauf. Was mich stört, ist aber, dass durch den sprunghaften Aufbau kaum ein Handlungsstrang zu Ende geführt wird, ich somit wenig bei einem Protagonisten bleiben und mit ihm mitfühlen konnte. Das ging leider zu Lasten meiner Begeisterung.
Das Buch hat mich lang nicht losgelassen. Es erzählt, wie Menschen Gewalt überleben können - indem sie sie abspalten und vielleicht auch verharmlosen, um nicht nur Opfer zu sein. Und sie damit weitergeben, weil sie weder eigene noch Gefühle von anderen nachvollziehen können. Ein Buch, das erzählt, wie Gewalt in der Vergangenheit auch in der Gegenwart Wirkmächtigkeit entfaltet. Kein angenehmes Buch, sicher nicht. Aber mutig und ungeheuer erhellend.