West-Papua, Indonesien, 1980. Sabines Eltern sind Sprachwissenschaftler und Missionare, die Mutter außerdem gelernte Krankenschwester. Als der Vater einen neuen Stamm ohne jeden Kontakt zur modernen Welt entdeckt, folgt der Rest der Familie, neben der Mutter Sabines ältere Schwester Judith und ihr jüngerer Bruder Christian, ihm in das Stammesgebiet der kriegerischen Fayu. Deren vier Stämme stecken in einem unendlichen Kreislauf der Gewalt, angetrieben vom Recht der Blutrache. Wie wird die Familie mit ihnen leben? Kann sie den Fayu Frieden bringen? Werden die Kinder im Dschungel bleiben, und wenn nicht, wie werden sie später mit den “Errungenschaften” der Zivilisation zurechtkommen?
Ich wollte Sabine Kueglers Autobiografie schon lange lesen, nachdem ich den gleichnamigen Film gesehen hatte. An Anfang meiner Lektüre stellte ich mir die Frage, die sich wohl jeder stellt: wie Sabines Eltern sich überwinden konnten, ihre Kinder im Umfeld eines vermeintlich so gefährlichen Stammes aufzuziehen. Sabine Kuegler beantwortet diese Frage damit, dass Kinder in der westlichen Welt doch ebenfalls vielen Gefahren ausgesetzt seien, in Form von Straßenverkehr, Kriminalität und sozialem Abstieg.
“Für mich birgt diese Zivilisation mehr Risiken als das Leben im Dschungel. Man ist so abhängig hier im Westen, abhängig von Umständen wie dem Arbeitsmarkt, vom Einkommen, der richtigen Altersvorsorge, um nur einige zu nennen. Man lebt so selbstverständlich in Zwängen, dass man es meistens für sich selbst gar nicht realisiert.” (Seite 51)
Zu Beginn des Buches stellt Sabine Kuegler dem Leser den Schauplatz West-Papua vor und legt die Umstände der Entdeckung des Volkes der Fayu durch ihren Vater dar. Deren Bräuche sind gelinde ausgedrückt für westliches Empfinden sehr gewöhnungsbedürftig, man muss als Leser also auf einiges gefasst sein, Kuegler betreibt jedoch keine Effekthascherei, die Ausführungen sind auf wenige Episoden beschränkt und nüchtern, stellenweise auch humorvoll abgefasst.
Der weitaus größte Teil des Buches befasst sich natürlich wie der Titel schon sagt mit Sabine Kueglers Kindheit bei den Fayu. Sie erzählt episodenhaft von “tierischen” Begegnungen, der Schulbildung per Korrespondenz, ihren vielen Freunden unter den Fayu und den gemeinsamen Erlebnissen, von Spielen und Gefahren wie der Malaria und den schrecklichen Auseinandersetzungen der Fayu-Stämme. Sabine ist ein absolut offenes Kind und kennt keine Scheu gegenüber den Fayu, ebenso ihr Bruder Christian, lediglich die etwas ältere Judith kommt nicht immer ganz so gut mit dem Dschungelalltag zurecht wie ihre Geschwister. Es sind lustige, aber auch dramatische Geschichten, liebevoll erzählt.
Im dritten Teil schließlich schildert Kuegler, wie es ihr nach ihrer Rückkehr nach Europa erging. Den fürchterlichen Kulturschock kann sich jeder vorstellen. Sie hat es nicht leicht in Europa, gibt aber nicht auf. Den Fayu und dem Dschungel von West-Papua wird sie immer verbunden bleiben. Ihre Kindheit im Dschungel betrachtet sie als Geschenk.
Der Text wird ergänzt durch zahlreiche Abbildungen und Fotos aus dem Dschungel, die Sabine Kueglers Geschichte umso lebendiger werden lassen. Der Schreibstil ist einfach, sehr gut zu lesen, wenn auch nicht stilistisch ausgereift. Darauf kommt es in diesem Buch aber auch nicht an.
Wichtig scheint mir auch zu betonen, dass die Familie Kuegler bei den Fayu wirklich sehr viel Gutes bewirkt und dazu beigetragen hat, den Teufelskreis der Blutrache zu durchbrechen. Ohne ihre behutsame Einflussnahme hätte das Volk sich wohl selbst ausgerottet. Ein solches Einschreiten halte ich für absolut vertretbar, es ging hier in keiner Weise um religiöse Missionierung oder die Eingliederung des Stammes in die moderne Welt, Bräuche und Künste bleiben erhalten, lediglich die Gewalt hat ein Ende gefunden.
Ein wirklich lesenswertes, spannendes Buch, das mich sehr gefesselt hat.