Wer einmal auf Twitter war weiß, dass sich die Grenze des Sagbaren unglaublich schnell verschieben kann. Wer einmal in die DruKos mancher Beitrage geschaut hat, wird wissen, dass Hass und Hetze im Internet salonfähig geworden sind.
Wer kennt es nicht, man sitzt in einer gemütlichen Runde und hört plötzlich populistische Parolen, Vorurteile oder gar Verschwörungstheorien. Mal beißt man sich auf die Zunge, um nicht die „nette“ Atmosphäre zu zerstören, mal fühlt man sich gar nicht erst in der Pflicht darauf einzugehen, mal wird man von der eigenen Sprachlosigkeit überrascht und findet erst im Nachhinein die schlagfertige Antwort und manchmal wägt man ab, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt. Können wir das erdulden? Gegebenenfalls dadurch normalisieren? Also, wie soll das laufen mit dem Widerspruch? Franzi von Kempis hat mit „Anleitung zum Widerspruch“ einen Spickzettel gegen Intoleranz geschrieben. Unterteilt in sechs Themenkomplexe -Klimawandel, Antisemitismus, Verschwörungstheorien, Islamfeindlichkeit, Sexismus und Hetze gegen Geflüchtete- gibt die Autorin klare Antworten, stichfeste (Gegen-)Argumente und Hinweise gegen die Sprachlosigkeit, immer auch mit dem Auftrag einen konstruktiven Diskurs zu ermöglichen. Weil „auch die besten Argumente noch keine Garantie für ein gelungenes Gespräch sind“. Die Aufmachung ist dabei besonders gut gelungen. In Fließtexten werden altbekannte Aussagen in Kontext gebracht, analysiert und letztendlich wissenschaftlich belegbar widerlegt. Die knackigsten Gegenargumente finden sich am Ende nochmals zusammengefasst in Infokästchen - super für den Lerneffekt und als Nachschlagewerk nutzbar. Auch Hinweise zur Kunst des konstruktiven Diskutierens tauchen immer wieder zwischen den Kapiteln in Schaukästchen auf und zeigen verschiedene strategische rhetorische Manöver, die es zu durchschauen gilt- man muss es also nur noch anwenden.
Dem Leser wird aber nicht nur massig Wissen mit an die Hand gegeben, sondern auch ein Lesevergnügen. Von Kempis schreibt flüssig, schlüssig und klar, sodass man regelrecht durch die Seiten fliegt, Spaß hat und gleichzeitig einen unglaublichen Mehrwert davon hat. Die wichtigste Erkenntnis dabei ist, dass es manchmal auch schon reicht eine klare Grenze zu ziehen, ein „Stop“ auszusprechen und Einhalt zu gebieten. An der einen oder anderen Stelle hätte man, wenn es nach mir ginge, noch ausführlicher und tiefer in die Thematik eintauchen können, weswegen ich „Anleitung zum Widerspruch“ als exzellentes Buch für den Einstieg in die verschiedenen Debatten empfinde. Eine Empfehlung, um sich nicht mehr mit der Frage „Hätte ich was sagen sollen?“ zu beschäftigen und sich zu ermutigen in der durch Meinungsvielfalt geprägten Demokratie Haltung zu zeigen.