Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Shoah galt lange als bundesdeutsche Erfolgsgeschichte. Dieses Image beginnt mit der zunehmenden Rechtsradikalisierung in Politik und Gesellschaft mehr und mehr zu bröckeln. Das vorliegende Buch zeigt, dass in diesem bundesdeutschen Selbstbild immer schon die Geschichte der Schuld- und Erinnerungsabwehr, der Täter-Opfer-Umkehr, der Selbststilisierung als Opfer und der antisemitischen Projektion ausgeblendet wurde. Eine (selbst-)kritische Aufarbeitung der Vergangenheit hat auch 75 Jahre nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus auf gesellschaftlicher Ebene kaum stattgefunden: durch die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern manifestiert sich vielmehr ein Selbstbild, das um den Mythos kollektiver Unschuld kreist.
Dieses Buch bricht das deutsche Selbstbild einer geläuterten Nation, die NS und Shoah aufgearbeitet hat. Deutschland wurde bzw. hat sich nie entnazifiziert. Dieses Buch sollte Pflichtlektüre sein für alle Deutschen mit Nazihintergrund* (inkl. derer die sich vormachen, keine Täterbiografie zu haben).
* danke an Moshtari Hilan und Sinthujan Varatharajah für die kluge Wortschöpfung
Gut recherchiert und interessante und wichtige Ansätze zum deutschen Erinnern und der deutschen Erinnerungskultur der Shoah. Das Einzige, das mir ein wenig gefehlt hat ist eine Definition des Begriffs Schuld. Da gerade im ersten TEil des Buches viel von Schuld die Rede ist hätte ich gerne eine für das Buch zutreffende Definition des Begriffes gehabt zur besseren Einordnung.
Salzborn trägt in seinem Essay zusammen, inwiefern die deutsche Politik und Gesellschaft zur kollektiven Schuldabwehr beigetragen haben, statt die Vergangenheit wirklich aufzuarbeiten. Dabei nutzt Salzborn verschiedene Erkenntnisse aus Kultur und Politik, die als Indikatoren für diese Abwehr zu verstehen sind. Die Deutschen haben die Shoah und den Nationalsozialismus enthistorisiert, entkontextualisiert und entpersonifiziert, sodass vor allem die Deutschen als Geschädigte und Opfer durch Vertreibungen übrig bleiben. Diese Täter-Opfer-Umkehr gepaart mit der psychologischen Schuld mündet letztlich in einem Schuldabwehr-Antisemitismus, in dem den Juden vorgehalten wird, Kapital aus der Shoah ziehen zu wollen, selbst an ihrer Vernichtung schuld gehabt zu haben und in dem sämtliche Verschwörungsphantasmen bedient werden.