Ich bin auf Hartmut Rosa über die YouTube Academy aufmerksam geworden. Einige Interviews mit ihm und ein paar Vorlesungen gesehen. Finde seine Resonanztheorie relevant und spannend und mit "Unverfügbarkeit" habe ich jetzt das erste Buch von ihm gelesen. Folgende Thesen sind bei mir auf Resonanz gestoßen bzw. habe ich als wichtig für mich herausgeschrieben.
-Die Welt als Aggressionspunkt, die es zu beherrschen gilt. Dabei geht es oft nicht darum, Dinge überhaupt erreichbar zu machen, sondern sie schneller, leichter, effizienter, billiger, widerstandsloser, sicherer verfügbar zu haben.
- 4 Dimensionen des Verfügbarmachens: sichtbar machen, erreichbar machen, beherrschbar machen, nutzbar machen
Paradoxe Nebeneffekte entstehen: Entfremdung statt Anverwandlung (Marx), Entzauberung statt Beseelung (Weber), Weltverlust statt Weltgewinn (Arendt), Verdinglichung statt Verlebendigung (Adorno, Lukacs). Äußert sich in einer Blasiertheit, leichten Aversion, einer Beziehungslosigkeit im Sinne existenzieller Unverbundenheit zu anderen Menschen, zur sozialen Gemeinschaft und damit zur Welt überhaupt.
- Resonanz als Beziehungsmodus, der durch vier Merkmale definiert werden kann:
1) Moment der Berührung (Affizierung), man wird von jemandem oder etwas berührt oder erreicht
2) Moment der Selbstwirksamkeit (Antwort), erst wenn wir aktiv antworten, kann von Resonanz gesprochen werden
3) Moment der Anverwandlung (Transformation), wann immer wir mit der Welt in Resonanz treten, bleiben wir nicht dieselben. Resonanzerfahrungen verwandeln uns.
4) Moment der Unverfügbarkeit, Resonanz lässt sich weder erzwingen, noch garantiert verhindern und ist konstitutiv ergebnisoffen und steht deshalb in einem Spannungsverhältnis zur sozialen Logik der unablässigen Steigerung und Optimierung
- Dinge über die wir vollständig, das heißt in allen vier Dimensionen verfügen, verlieren ihre Resonanzqualität.
- Der Grundkonflikt von Verfügbarmachen oder Geschehenlassen wird anhand von 6 Stationen des Lebens aufgezeigt. Anhand der Geburt (zB Verhütung, Social Freezing, Fruchtwasseruntersuchung), Erziehung und Bildung (Kompetenzfokussierung, Optimierungswahn), Beziehung und Beruf (Die Frage an Kinder "was willst du mal werden?", Tinder, Ehe), Digitalisierung (Google, Amazon, WhatsApp, im Sinne von Welt und Kommunikation verfügbar machen), Alter und Pflege und anhand vom Tod, wo gerade das Thema der Sterbehilfe ein spannendes, neues Thema des Verfügbarmachens ist.
- Dann gibt es strukturelle Dimensionen des Grundkonflikts:
Outputorientiertheit, der Output muss stimmen, und er muss zeitlich und inhaltlich berechenbar und beherrschbar sein.
Das Gebot der Bürokratie, der Gerechtigkeit. Der Zwang zur Gleichbehandlung schafft immer aufs Neue manifeste Ungerechtigkeit, weil sich das Leben nicht verfügbar machen lässt
Ich habe dafür bezahlt, das steht mir zu. Implikation von Rechtsanspruch auf Verfügbarkeit
- Unverfügbarkeit des Begehrens und das Begehren des Unverfügbaren.
Begehren erlischt, wenn es am oder mit dem Gegenüber nichts mehr zu entdecken gibt, wenn wir es in allen Eigenschaften beherrschen und kontrollieren, wenn wir vollständig über es verfügen.
- Ein Grundfehler der modernen Kultur besteht darin, dass sie die Sehnsucht nach Erreichbarkeit der Welt in das Verlangen nach Verfügbarkeit transformiert. Fundamentales Beziehungsbegehren setzt sich so in ein Objektbegehren um, weil sich Objekte sicher und umfassend verfügbar machen lassen.
- Abschlussbeispiel der Atombombe. Anverwandlung ist hier tödlich. Unverfügbarkeit, die aus Prozessen der Verfügbarmachung hervorgegangen ist, erzeugt radikale Entfremdung.