Ich wollte doch wissen, ob die Schmutzkübel, die jetzt über Peter Handke ausgeschüttet werden, irgendwie zu rechtfertigen sind. Ist, was Handke über Serbien und den Krieg schreibt, "Restmüll", wie heute in SPON zu lesen war? Hatte eine Dame namens Stokowski das Recht, mir "räudigen Trotz" (SPON, 15.10.2019) zu unterstellen, wenn ich nicht einsehe, das Werk und Autor nicht zu trennen und also kein Nobelpreis an jemanden zu verleihen ist, der zu den Mordtaten "der Serben" (wem sonst?) geschwiegen hätte? Mal abgesehen von dem sprachlichen Missgriff und der damit einher gehenden Beleidigung eines Autors und seiner Leser (!) zeigt der ganze Artikel, dass die Frau von den Dingen, über die sie urteil bestimmt schon "mal was gehört" oder "woanders was gelesen" hat, was sie nun wiederkäut. Was für ein erbärmliches Armutszeugnis für den deutschen Journalismus! Der ganzen Einseitigkeit der damaligen Kriegsberichterstattung folgend, die von der BR Deutschland ohne Not (vor)eilig anerkannte Kroatenrepublik war nun mal (als alter faschistischer Verbündeter?) unser Liebling gegen die damals schon als russophil verdächtigten Serben, folgt nun der "zweite Aufguss" in Form von Autorenschelte. Dabei will Handke nur die "Geschichte der Zerschlagungskriege" (S.81) - welch treffende Bezeichnung (!) - schreiben, die sich schwer auf kaum noch zu rekonstruierende Fakten reduzieren lässt, weil längst hüben wie drüben die Legenden gestrickt sind. Aber darauf kommt es dem Autor auch gar nicht an. "Für den Frieden", merkt er an, "braucht es doch anderes" (S. 70). Was? Zuhören können und Verstehen wollen! Genau das, was der deutsche Schwarz- weiß- Journalismus nicht mehr fertig bringt, weil er es auch gar nicht will oder wollen darf. Die Rollen sind eben verteilt! Dagegen wendet sich Handke, der ausdrücklich einem Serben zustimmt, den er mit folgenden Worten zitiert: "Vor allem einer im Raum war es, aus dem es schließlich leibhaftig herausschrie, wie schuldig die serbischen Mächtigen am heutigen Elend ihres Volkes seien, von der Unterdrückung der Albaner im Kosove bis zu der leichtfertigen Zulassung der Krajina- Republik. Es war ein Aufschrei, keine Meinungsäußerung, keine bloß oppositionelle Stimme aus einem Kulturzirkel im Hinterzimmer. Und dieser Serbe sprach auch einzig über seine eigenen Oberen; die anderwärtigen Kriegshunde blieben ausgespart, so als schriee es von ihren Taten von alleine zum Himmel, oder sonstwohin." (S. 44) - Kurz: Ich habe gesucht und gesucht und ich habe keinen Satz über die Verheimlichung oder gar Verherrlichung serbischer Kriegsverbrechen gelesen. Was ich las, was aus jeder Zeile spricht, ist die Skepsis dem offiziellen Geschichtsbild gegenüber und die Achtung vor dem einfachen und gastfreundlichen serbischen Volk. Wenn schon das nicht mehr sein darf, für wie verkommen muss man dann das deutsche Feuilleton (bis auf wenige Ausnahmen) halten? - Davon ab: Die Handke eigene Berufung auf das Poetische habe ich zumindest in diesem Text als literarische Qualität nicht finden können. Eher ist der Text journalistisch zu nennen. Schnell hingeworfen und ohne "höhere" (literarische) Ambitionen - wie es scheint. Deshalb auch nur drei Sterne. Dafür hätte ich Handke den Preis auch nicht zugesprochen, aber um dieses Buch ging es ja auch nicht. Darum geht es nur, wenn man den Autor diskreditieren will. Ich empfehle dann, es selbst zu lesen. Ob Handke sich an anderer Stelle, etwa in Interviews, missverständlich oder sonstwie kritikwürdig ausgedrückt hat, kann ich nicht beurteilen. Auch deshalb nicht, weil die von mir durchgesehenen Artikel zum Thema mit Quellenangaben geizen. Warum wohl? Vielleicht, weil es schon 1914 hieß "Serbien muss sterbien" und auch heute jede Kontaktaufnahme zu Russland hübsch ins ALTE FEINDBILD PASST? In Sachen Nationalismus schenken sich jedenfalls alle Zerfallsprodukte Jugoslawiens nichts, auch wenn wir das (vielleicht wegen der schönen kroatischen Küsten?) nicht wahr haben wollen. Handke geht es um "Frieden", nicht nur um den auf dem Papier, sondern um den wirklichen, den ausgesöhnten, in dem beide Seite aufeinander zugehen und das Kriegsbeil begraben. Was ist eines Nobelpreisträgers würdiger?