Henni ist das älteste Kind der Schönings und lebt mit ihren Eltern und den drei jüngeren Geschwistern in Velda, einem Dorf nahe der Stadt Monschau in der Eifel. Der Vater wurde in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs als Bombenentschärfer eingesetzt, was das Leben in den Jahren nach der Kapitulation trotz seiner Rückkehr nicht besser macht. Als Jugendliche muss Henni daher früh mit anpacken und ihrer Mutter helfen, die Familie über Wasser zu halten...
Aufgrund der Nähe zur belgischen Grenze ergibt sich schon bald eine Gelegenheit, die die gradlinige wie mutige Henni nach einem weiteren heftigen Schicksalsschlag nicht ausschlagen kann: 10 bis 15 kg Kaffeebohnen bringen den Wochenlohn eines Arbeiters ein und so macht sich die Vierzehnjährige gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern auf den beschwerlichen nächtlichen Weg durch das Hohe Venn hinüber zu einem belgischen Bauernhof.
Als der Schmuggel auch Banden anlockt und durch das anschließende Aufrüsten des Zolls immer gefährlicher wird, geschieht schließlich ein Unglück. Dieses wiegt so schwer, dass Henni ihre Familie nicht mehr zusammenhalten kann...
Während Mechtild Borrmann immer wieder von den Ereignissen der Nachkriegsjahre erzählt und dabei vor allem Henni im Mittelpunkt steht, gibt es noch weitere Ebenen, die ihren Teil zum Roman beitragen: zum einen ist die Schilderung von Elsa, einer früheren Nachbarin und Hennis bester Freundin, ganz entscheidend, zum anderen die bruchstückhaften Erinnerungen von Thomas, einem Mann, der inzwischen in Lüttich lebt. Die Autorin schafft mit diesen unterschiedlichen Perspektiven eine in sich verwobene Geschichte, die gleichzeitig zeigt, dass Geschehnisse von verschiedenen Menschen völlig unterschiedlich gesehen und bewertet werden können.
Als Henni in den 70ern in Aachen der Prozess gemacht wird, haben beispielsweise viele Bewohner Veldas ihre ganz eigene Meinung - die häufig das eigene Handeln in der Nachkriegszeit völlig außer Acht lässt.
Über die Geschichte selbst will ich nicht zu viel verraten - nur, dass sie sehr spannend ist, weil sie die Ereignisse nur nach und nach offenlegt und man lange im Unklaren ist, was zur Anklage gegen die mittlerweile achtunddreißigjährige Henni geführt hat. Allerdings muss ich auch gestehen, dass die Lektüre ganz und gar keine einfache ist, denn die Erlebnisse von Henni und ihren Geschwistern sind mitunter nur schwer zu ertragen. Dennoch finde ich, dass die Heimerziehung der 50er und 60er Jahre diese Aufmerksamkeit dringend benötigt, hat sie doch für reichlich traumatisierte Menschen gesorgt, die noch heute mit dem Erlebten kämpfen und irgendwie fertig werden müssen. Mechtild Borrmann verleiht diesen Menschen mit ihren fiktiven Romanfiguren eine Stimme und - das ist für mich mit der bedeutsamste Aspekt - erzählt mit einer sehr verdichteten, wunderschön literarischen Sprache eine Geschichte, die mich des Öfteren kopfschüttelnd über dem Buch verharren hat lassen.
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"Ihr Lachen ist im Gedächtnis geblieben. Ein Lachen, so voll und satt, dass es jeden Raum ausfüllte und das die Lehrerin gleich im ersten Schuljahr schmutzig nannte, weil es immer ein wenig abfällig klang. Aber das war es nicht.
Jahre später, als das Gehör empfindsam für Nuancen war, konnten die, die sie gut kannten, es heraushören: die Verzweiflung und den gleichzeitigen Lebenshunger. Diese beiden Gewichte in ihr, die sie ihr Leben lang mit der Präzision einer Apothekerwaage austarieren und halten musste.
Lange hat die Balance gehalten, indem sie jedem Gramm Lebensfreude das doppelte Gewicht zusprach. Zum Schluss hat auch das nicht gereicht."
(aus dem Prolog)
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Ein beeindruckender Roman, der mich aufgewühlt hat und der noch lange in mir nachhallen wird.
Volle Punktzahl und eine unbedingte Leseempfehlung!