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Ein Mann seiner Klasse

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»Mochte mein Vater auch manchmal unser letztes Geld in irgendeiner Spelunke versoffen, mochte er auch mehrmals meine Mutter blutig geprügelt Ich wollte immer, dass er bleibt. Aber anders.«Kaiserslautern in den neunziger Christian Baron erzählt die Geschichte seiner Kindheit, seines prügelnden Vaters und seiner depressiven Mutter. Er beschreibt, was es bedeutet, in diesem reichen Land in Armut aufzuwachsen. Wie es sich anfühlt, als kleiner Junge männliche Gewalt zu erfahren. Was es heißt, als Jugendlicher zum Klassenflüchtling zu werden. Was von all den Erinnerungen bleibt. Und wie es ihm gelang, seinen eigenen Weg zu finden. Mit großer erzählerischer Kraft und Intensität zeigt Christian Baron Menschen in sozialer Schieflage und Perspektivlosigkeit. Ihre Lebensrealität findet in der Politik, in den Medien und in der Literatur kaum Gehör. Ein Mann seiner Klasse erklärt nichts und offenbart doch so vieles von dem, was in unserer Gesellschaft im Argen liegt. Christian Baron zu lesen ist schockierend, bereichernd und wichtig.

289 pages, Kindle Edition

First published January 31, 2020

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About the author

Christian Baron

17 books24 followers

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19 (1%)
1 star
7 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 53 reviews
Profile Image for miss.mesmerized mesmerized.
1,405 reviews42 followers
February 14, 2020
Kann man dem scheinbar unvermeidlichen Schicksal ein Schnippchen schlagen und sich auf einen anderen Weg machen als den, der vorgezeichnet scheint? Christian Baron berichtet von seiner Kindheit in Kaiserslautern, wo er mit seinem älteren Bruder und den beiden jüngeren Schwestern aufwuchs. Sie wohnten nicht im allerschlechtesten Stadtteil, zumindest die Adresse verriet nicht, was die Kinder zu Hause erlebten. Der Vater war entweder besoffenen oder gerade dabei, die Mutter zu prügeln, die dann auch früh schon an Krebs verstarb. Mit dem Einkommen als Möbelpacker waren die sechs Mäuler kaum zu stopfen und schon gar nicht, wenn sein Vater gerade mal wieder rausgeflogen war, weil seine Diebstähle aufgeflogen waren. Der Mann vom Jugendamt, der das Sorgerecht nach dem Tod der Mutter und dem Verschwinden des Vaters innehatte, war sich jedenfalls sicher: aus diesen Kindern kann nichts anderes werden als eine weitere Generation asoziale Sozialhilfeempfänger.

„Andere hätten ihre ganze Kindheit über gehofft, er würde verschwinden, dieser trinkende und prügelnde Vater. In meinem Fall war es anders. Mochte er auch gesoffen und geprügelt haben, ich wollte immer, dass er bleibt.“

Christian Baron verdeutlicht in seinem Bericht die Absurdität, die von Außenstehenden nur schwer zu begreifen ist. Obwohl von dem Vater nur wenig Positives kam – das Einkommen hat er in die Kneipe getragen, die Mutter schlug er wegen Nichtigkeiten, die Aufmerksamkeit gegenüber den Kindern war wohldosiert und überschaubar – war er doch der Vater, das Vorbild, an dem sich gerade die beiden Jungs stark orientierten. Sie wollten werden wie er, ein starker Möbelpacker, der sich bei den Kneipenschlägereien durchsetzen und den Rang unter Seinesgleichen behaupten konnte. Und gleichzeitig regierte immer auch die Angst vor seinem Jähzorn, seiner unkontrollierten Gewalt, die sich an der Familie entlud.

Zwar hat er dem Vater auf dem Sterbebett die Absolution verweigert, mit einem gewissen Abstand jedoch kann er ihn nun mit anderen Augen betrachten und ihn als das sehen, was er war: ein Mann seiner Klasse, der nicht nur nicht aus seiner Haut konnte, sondern schlichtweg das weitergelebt hat, was auch er schon als üblichen Lebenswandel vorgelebt bekam. Die Mutter hätte die Chance gehabt, dem Milieu, in das sie geboren wurde, zu entkommen. Eine zu frühe Schwangerschaft und jugendliche Liebesschwüre haben diese jedoch rasch zunichtegemacht.

Trotz all der Widrigkeiten gelingt dem Jungen der soziale und Bildungsaufstieg. Abitur an der Gesamtschule, später das Studium. Als Journalist öffnet er nun die Tür zu einer Welt, die in unserem reichen Land existiert, deren Existenz man jedoch gerne verdrängt. Kinder wachsen in hochprekären Situationen auf, nicht nur Gewalt und mangelnde Fürsorge, auch ganz profaner Hunger sind für sie Alltag. Benny und Christian erfahren erst im Grundschulalter, dass es auch andere Lebensmodelle gibt, die Familienstruktur sich anders gestalten kann. Die Scham bringt sie zum Schweigen und Wegducken, so dass niemand sieht, wie ihr Leben hinter der verschlossenen Wohnungstür ausschaut.

Édouard Louis hat vor einiger Zeit Aufsehen erregt mit seinen autobiografischen Romanen, die eine ähnliche Geschichte erzählen. Auch er wuchs in einem von Gewalt und Alkohol und vor allem einem toxischen Männlichkeitsbild geprägten Umfeld auf und hat dennoch den Sprung ins Bildungsbürgertum geschafft. Wo Louis distanzierter gegenüber seinem Herkunftsmilieu bleibt, versucht sich Baron gerade durch die Sprache wieder die Nähe herzustellen, der er lange zu entfliehen versuchte. Erfahrungen kann man nicht ganz ablegen und so macht Baron etwas Nützliches aus ihnen: einen Tatsachenbericht, der unter die Haut geht und erschreckt.
Profile Image for Theo Bender.
31 reviews
July 28, 2020
Ein guter Rat an Autoren lautet: Hüte dich vor Klischees. Christian Baron muss sich um Klischees nicht kümmern, denn sein Werk ist autobiographisch, und nicht fiktional. Er schreibt sich auf 280 Seiten seine Wut, seine Trauer, seinen Kampf von der Seele, so scheint es, und gleichzeitig ist das Buch von einer unaufgeregten Nüchternheit getragen. Die tut auch gut, denn eine stärkere Verdichtung hätte manche Passagen, die so schon härter Tobak sind, schwer erträglich gemacht. Der Mann seiner Klasse ist sein Vater, Arbeiter, Gelegenheitsdieb , Alkoholiker und Familienschläger. Da fliegt die Mutter schon mal durch den Raum mit dem Kopf an die Wand, da machen die Nachbarn das Radio lauter, wenn der Vater mal wieder die ganze Familie verprügelt. Zu allem anderen Übel stirbt die Mutter jung an Krebs.
Baron hat es geschafft, dennoch Abitur zu machen, zu studieren und heute als Redakteur sein Geld zu verdienen. Wie schwer es ist, aus einem bildungsfernen Haus, aus widrigsten Umständen, aus emotionalen Verwicklungen dennoch einen anderen Weg als Hartz4 und Minijobs einzuschlagen, wird hier eindrucksvoll beschrieben. Aber das ist eigentlich nur Nebenhandlung. Er hat seine Leidenschaft, das Schreiben, zu seinem Beruf gemacht, seine Geschwister nicht. Vielmehr geht es ihm um die vielen Gefühle, die Ängste, die Hoffnungen, auch die enttäuschten, die Zu- und Abneigungen, die in solch einem "dysfunktionalen" Familienumfeld aufkommen. Um die Liebe zu einem Menschen, der zu lieben und geliebt zu werden nie vermocht hat.
Profile Image for Marvin.
20 reviews2 followers
September 25, 2021
Dieses Buch ist ein geschlossenes Erlebnis, ein Augenöffner, ein politisches Mahnmal und gleichzeitig eine emotionale Tortur. Eines der ergreifendsten Bücher, die ich seit langem gelesen habe.
Profile Image for Hens Books.
146 reviews26 followers
January 9, 2025

Schonungslos schildert Christian Baron sein Aufwachsen im Arbeitermilieu Kaiserslauterns. Sein Vater, das magnetische Feld des Romans rundum die Hauptfigur Christian, ist alkoholkrank und impulsiv und ein Mann seiner Klasse. Stört er sich zwar am Verhalten seines Vaters, kann er sich doch nicht selbst erheben aus den vorgelebten Mustern der Schublade, in der er steckt. Die eigentlich begabte und feinsinnige Mutter wird an der Seite ihres gewalttätigen Mannes depressiv. Christian und seine drei Geschwister werden vernachlässigt und wachsen in sozialer und ökonomischer Armut auf. In dieser prekären Armut findet Christian aber immer wieder kulturelle Schätze, die ihn bilden. Sie bilden ihn dazu, sich endlich zu erheben, sich von seiner sozialen Herkunft zu befreien, aus seiner Klasse aufzusteigen.
Doch wie blickt man dann zurück auf seine Familie? Und wie blickt die Familie auf einen solchen „Klassenflüchtling“?

„Ein Mann seiner Klasse“ hat mich mit voller Breitseite erwischt. Authentische Geschichten aus der „Unterschicht“ voller physischer und psychischer Gewalt gibt es zu Genüge, und dieser autobiografische Roman reiht sich da ganz weit vorne ein. An Barons Text hat mir aber vor allem der Weitblick gefallen, das Reflexive, das Differenzierte. Kann man einem schlechten Vater verzeihen, weil er halt die Rolle seiner Klasse gespielt hat? Kann man seiner sozialen Herkunft je ganz entkommen?
Dieses Buch ist in einem Land, in dem die soziale Herkunft nahezu jede Biografie vorverurteilt, eine absolute Pflichtlektüre, weil sie schonungslos, echt und dabei konstruktiv und differenziert ist. Es ist stark und fein zugleich geschrieben. Ein Highlight, das mich noch lange beschäftigen wird!

Profile Image for Yannick.
3 reviews1 follower
July 9, 2023
"Heute weiß ich, dass Benny richtig gehandelt hat. Wofür ich komplizierte Bücher lesen musste, das spürte er von selbst: Unser Vater war ein Mann seiner Klasse. Ein Mann, der kaum eine Wahl hatte, weil er wegen seines gewalttätigen Vaters und einer ihn nicht auffangenden Gesellschaft zu dem werden musste, der er nun einmal war.

Das entschuldigt nichts, aber es erklärt alles."

Ein trauriger, aber wichtiger Einblick in das Leben von Menschen, die von der Gesellschaft, den Medien, der Literatur oder Politik sonst kein Gehör bekommen. Es wird nichts erklärt aber umso mehr offenbart.
Profile Image for Clemensoskar.
64 reviews4 followers
February 24, 2021
Ich empfand die Ausführungen und Erklärungen in RÜCKKEHR NACH REIMS von Didier Eribon vor einigen Jahren ungeheuer aufschlussreich. Christian Baron erklärt weniger, erzählt seine Lebensgeschichte in EIN MANN SEINER KLASSE dafür deutlich immersiver und emotionaler. Seit Jahren mal wieder geweint beim lesen!
Profile Image for Conny.
616 reviews86 followers
May 6, 2020
Es scheint ein Fluch unserer Gesellschaft zu sein: Armut und schlechte Bildung werden oft innerhalb der Familie weitergegeben. «Klasse» und damit zusammenhängende Stigmata prägen entscheidend den Lebensweg, den ein Mensch einschlagen kann.

Der deutsche Journalist Christian Baron erzählt in seinem autobiografischen Roman «Ein Mann seiner Klasse» aus seiner Kindheit. Prügel des besoffenen Vaters waren an der Tagesordnung, die Mutter hatte oft depressive Schübe. Das Einkommen reichte kaum aus, um die Familie zu ernähren. Ein kleines Wort wie «Hunger» konnte für die vier Kinder Dimensionen annehmen, die sich die meisten von uns nicht einmal vorstellen können.

Besonders eindrücklich fand ich Barons Beschreibungen, wie er später als Jugendlicher einen akademischen Bildungsweg einschlug und sich damit den sozialen Aufstieg ermöglichte – und wie das keineswegs nur Stolz in der eigenen Familie auslöste, sondern auch Neid und Missgunst schürte. Gerade das ist ja besonders schlimm: Dass nicht nur Aussenstehende, Vormunde und Lehrer die Ausweglosigkeit für gegeben halten, sondern auch die eigenen Eltern und Geschwister.

Christian Baron schreibt direkt und eindringlich über das Aufwachsen in einer abgehängten Gegend und unter prekären familiären Verhältnissen. Ich hoffe, dass dieses Buch all jenen die Augen öffnet, die nicht an soziale Unterschiede und Perspektivlosigkeit in unserer ach so fortschrittlichen Gesellschaft glauben wollen.
Profile Image for Veronika.
Author 1 book158 followers
August 19, 2024
DAS fand ich richtig gut.
Krass und ehrlich und brutal, aber auch richtig gut. Christian Baron kann nämlich saugut schreiben.
Das hier ist keine Analyse, kein Sachbuch, kein Erklärungsversuch eines breiteren gesellschaftlichen Kontextes - es ist ein sehr persönliches Einzelstück. Und trotzdem (oder deswegen?) bin ich rausgegangen mit dem Gefühl endlich Dinge besser zu verstehen, klarer zu sehen, die sich bisher meinem Verständnis entzogen haben.
(Ich bin nämlich ein privilegiertes Akademikerkind mit sehr liebevollen Eltern - allerdings habe ich auch Erfahrung mit dem frühen Verlust eines Elternteils und mit Alkoholikern im familiären Umfeld.)

Seine Kindheit ist nicht nur geprägt von Armut, einer sehr liebevollen, aber auch sehr kranken Mutter und dem Alkoholismus seines Vaters - sondern auch von der Sicht der Außenstehenden. Das Mitleid, die Abscheu, die Vorurteile, die er und seine Geschwister erfahren, und die weder helfen, noch ihnen und ihrem Leben gerecht werden.
Man erfährt fast nichts über den Vater, seinen Hintergrund, das Elternhaus, die Kindheit - und trotzdem, aus den Versatzstücken, die man über ihn geliefert bekommt, in den Spalten zwischen dem Gesagten kristallisiert sich zunehmend ein Bild heraus, von jemandem, der nur so und nicht anders hätte sein können. Der buchstäblich ein Gefangener seiner Umstände, ein "Mann seiner Klasse" ist und keinen anderen Weg hätte gehen können als diesen.
Hat mich nachhaltig beschäftigt.
Profile Image for Eva.
50 reviews
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June 11, 2021
I don't want to rate a person's life, but it was interesting
Profile Image for Jenny .
47 reviews2 followers
August 20, 2023
»Das entschuldigt nichts, aber es erklärt alles.«
Profile Image for Nicole.
1,232 reviews35 followers
June 4, 2021
Kurzmeinung / Hörerlebnis
Erwartungsgemäß für mich langweilig und völlig unnötig. Im Rahmen eines Lesekreises wurde für dieses Buch gestimmt. Ich hätte mir das Audible-Guthaben für was anderes sparen sollen. Diese Art von "Schlimme Einzelschicksal-Büchern" finde ich furchtbar uninteressant. Wenn ich schon prügelnder Vater und depressive Mutter lese langweile ich mich schon.
Ob das Buch für Leser, die gerne solche Schicksale lesen, als lesenswert zu bezeichnen ist, kann ich leider nicht beurteilen.
Profile Image for Nina.
39 reviews
March 21, 2023
18:05 Ich: Heule gerade in der Ubahn zu Ein Mann seiner Klasse 😅
18:05 Ich: Supa
18:05 Ich: richtiger Berlin Moment aber auch
18:06 M: All good, hab in der DB dazu geheult
18:06 Ich: da hat man wenigstens noch seinen eigenen Zweiersitz 😅
18:06 M: True!
Profile Image for Nina Be.
47 reviews
April 13, 2023
Quasi in einem Atemzug an einem Tag durchgelesen - ein Autobiografie, die mich daran erinnert wie behütet die Kindheit war. An den meisten Stellen empfand ich Gefühle wie Traurigkeit, Mitleid und manchmal auch Zorn.
Absolute Leseempfehlung.
Profile Image for Simon.
29 reviews2 followers
March 18, 2023
Lange habe ich kein Buch mehr so verschlungen wie dieses. Daher möchte ich hier keine große Zusammenfassung oder Interpretation geben sondern einfach eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen!
Profile Image for friedića.
13 reviews
August 2, 2025
mit zorn, glück, schmerz, überraschung, scham, stolz, angst, liebe, hass, hoffnung und zweifel erzählt christian baron von seiner kindheit. von der armut,von dem hunger, der scham, der scheu, von seinen geschwistern, seinen eltern, von der gewalt. seiner mutter, seinem vater. christian baron schreibt so gefühlsvoll und doch so schonungslos vom aufwachsen mit seinem vater im plattenbau, vom schlafen im etagenbett mit seinem bruder benny, den sanften worten seiner mutter. er beschreibt die situationen, ohne sie erklären zu müssen. er erzählt seine kindheit so weich und liebevoll, aber auch so detailreich und realistisch, dass man schlagartig von der gewalt, der aggression, der armut, der härte konfrontiert wird er erzählt, wie es ist arm in einem reichen leben aufzuwachsen. das gefühl des verrats durch seinen bildungsaufstieg, das gefühl des verlustes. die krankheit seiner mutter. der tod seiner mutter, wie er ihr nie seine gedichte vortragen konnte. er erzählt wie er als junge sah, wie sein vater seine mutter krankgemacht hat. oder wie seine mutter es so gut versteckt hat, dass er es doch als junge niemals begreifen konnte.
und schlussendlich erzählt das buch über alle 379 seiten auch, wie der alkohol seinen vater krankmachte. die krankheit seines vaters. die wut an seinem vater. die gewalt von seinem vater. die angst vor seinem vater. die unvorhersebarkeit seines vaters. der zorn seines vaters. und dann: die liebe seines vaters. die zuneigung zu seinem vater.
dieses buch zeigt auf, worum es im kern geht: um klasse.
sein vater ein mann seiner klasse. er, ein mann seiner klasse. sein vater ist nie gegangen. er blieb, aber nicht anders. nicht so wie er wollte.

dieses buch lässt mich nicht los. vielleicht lasse ich das buch auch nicht los.
135 reviews1 follower
August 25, 2021
Wer liest freiwillig Bücher, in denen der Autor erzählt, wie er als Kind vor lauter Hunger Schimmel von den Wänden gekratzt hat und regelmäßig von seinem alkoholkranken Vater verprügelt wurde? Personen, die ähnliches in ihrer Kindheit und Jugend erlebt haben, bestimmt nicht. Wer hat dann "Ein Mann seiner Klasse" zum Spiegel-Bestseller werden lassen? Dementsprechend fühlte ich mich während des Lesens des Buches teilweise wie ein Hobby-Polizist, der im allsonntäglichen Tatort den Mörder findet und im Anschluss den Fernseher wieder ausstellt. Was also mitnehmen aus der Lektüre dieses Buches? Während einige Literatur-Kritiker, Journalisten und andere vermeintliche Armuts-Experten in ihrer bildungsbürgerlichen Blase zwischen Mitleid und Kampf der politischen Ideologien hin und her wechseln, frage ich mich viel eher, was die große Beliebtheit des Buches über unsere Gesellschaft aussagt. Sind wir in unseren singulären Rosa-Ponyhof-Welten mittlerweile schon soweit fortgeschritten, dass wir nicht einmal mehr mitbekommen, unter welchen Bedingungen ein Teil unserer Gesellschaft aufwächst? Oder ist "Ein Mann seiner Klasse" einfach nur einer jener Gesellschaftsromane, wie sie von Fontane, Mann und andere schon zuhauf geschrieben haben? Unabhängig davon hat mich jedoch besonders gefreut, dass Christian Baron anhand seiner Lebensgeschichte deutlich gemacht hat, wie wichtig ein gutes Bildungssystem und vor allem Gesamtschulen für unsere Gesellschaft sind.
Profile Image for Suna Oz.
124 reviews10 followers
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March 30, 2023
Ein weiteres Buch, das ich mit dem Manulit-Buchclub gelesen und besprochen habe war “ein Mann seiner Klasse”, eine Autobiografie von Christian Baron. Das Buch handelt von Barons Kindheit in den 90er Jahren in Kaiserslautern, von Armut und Klasse, von Alkoholismus, Gewalt und Depression. Selten hat mich eine Geschichte derart erschüttert, immer wieder musste ich das Buch weglegen, da mir das Erzählte so nahe ging.

Barons Schreibweise und Erzählstruktur erfolgt nicht immer linear, immer wieder springt die Erzählung in der Zeit, man erinnert sich bröckchenweise zusammen mit dem Autor. Das kam mir beim Lesen manchmal verwirrend vor, im Nachhinein kann ich diesen Stil jedoch gut nachvollziehen. Die Erzählweise ist schonungslos ehrlich, manchmal war es mir auch zu viel, ich weiß nicht, ob wir heutzutage noch derart explizite rassistische und homophobe Sprache reproduzieren müssen, auch wenn es im Kontext eingeordnet ist. Ich hätte mir gewünscht, dass etwas mehr und expliziter auf das Thema der Klassengesellschaft eingegangen worden wäre, wobei ich mir bewusst bin, dass dieses Buch kein Sachbuch, sondern eine Biografie ist. Trotzdem hätte ich dann vielleicht mehr das Gefühl gehabt, etwas aus der Lektüre gezogen zu haben und nicht “nur” von ihrem Inhalt erschüttert worden zu sein.

Trotzdem wird mich dieses Buch noch lange begleiten, es hat mir einen Einblick in ein Leben gewährt, den ich vorher so nicht hatte. Ich denke, wem zum Beispiel “Streulicht” von Deniz Ohde gefallen hat, könnte hiermit ein neues Buch auf die Leseliste setzen.
Profile Image for hän.
16 reviews
December 16, 2025
„Mochte er mich auch einmal schwungvoll gegen die Wand geschleudert, mochte er auch manchmal unser letztes Geld in der letzten Spelunke versoffen, mochte er auch mehrmals meine Mutter blutig geprügelt haben, ich wollte immer, dass er bleibt. Aber anders."
Profile Image for juliazlr.
127 reviews8 followers
April 26, 2022
Dieses Buch hat mich so sehr mitgenommen, wie seit langem nicht mehr. Ein Buch voller Emotionen - negativer wie positiver. Persönlich und gleichzeitig politisch.
Profile Image for Jule.
345 reviews14 followers
September 29, 2024
Christian Baron schreibt autobiographisch über sein Aufwachsen, seine Familie und beleuchtet insbesondere die Beziehung zu seinem Vater beziehungsweise dessen Wirken. Einzelne Episoden werden collagenhaft miteinander verbunden. Die Selbstreflexionen und offenen Erkenntnisse des Autors haben mich sehr bewegt.
Profile Image for Laura.
1 review3 followers
March 9, 2020
Ein sehr gefühlsames und gleichzeitig analysiertes Buch über das Aufwachsen in Armut, unter der Kontrolle eines gewalttätigen alkoholkranken Vaters und auch der Aufstieg in neue sozialen Schichten.
Profile Image for Markus.
53 reviews
Read
March 2, 2025
16 Stellen aus dem Buch:

„Er drückte meine Hand, ganz fest, und zwar auf eine Art, die mir nicht weh-, sondern wohltat.“ (Baron 2022: 76)

„Meine Mama tippte auf das Buch und sagte: »Die größte Freude würdest du mir machen, wenn du Pony Peter liest und wir an meinem Geburtstag darüber reden, wie es dir gefällt.«“ (Baron 2022: 112)

„Irgendwann würde sie schon zu sich kommen. Ich stellte mir vor, dass sich ihr Geist auf Wanderschaft befindet. Auf einer Wanderschaft zur Seelentankstelle.“ (Baron 2022: 131)

„Wir bewegten uns langsam hin und her, ich beobachtete die Ölsockel auf der Wandfläche über der Badewanne, und irgendwann ergab ich mich, ließ es geschehen, legte meinen Kopf an Mamas warmen, weichen Körper und folgte den tapsigen, aber zärtlichen Bewegungen dieser Frau, die selten sang und niemals tanzte, außer mit mir, nur mit mir tanzte sie, denn nur bei mir fühlte sie sich sicher und geborgen, nur bei mir musste sie nicht fürchten, ausgelacht zu werden.“ (Baron 2022: 135)

„Seit Jahren habe ich unseren alten Wohnblock nicht mehr gesehen. Jetzt stehe ich davor, und ich spüre meine Kindheit in mir, sie arbeitet wie Holz, sie beglückt wie ein Magenbitter, sie schmerzt wie ein Geschwür, und sie heilt wie eine Wunde.“ (Baron 2022: 136)

„Da fiel mir auf, dass ich niemals gesehen hatte, dass meine Eltern sich küssten. War das normal? Küsste man sich nach ein paar Jahren Ehe nicht mehr? Dabei war es doch so schön, wie könnte ein Mensch freiwillig auf so was verzichten?“ (Baron 2022: 142)

„Zwei junge Männer trugen unsere Mutter auf einer Bahre hinaus, Benny senkte den Blick, er wollte es sich nicht ansehen, konnte nicht hinsehen, musste wegsehen, ich aber starrte, nickte, lächelte, und meine Mutter erwiderte den Blick, blieb aber sprachlos, ausdruckslos, auch hoffnungslos?“ (Baron 2022: 161)

„Wir stoßen an, trinken, niemand spricht, bis Tante Juli sagt: »Ich fürchte mich vor dem Moment, da eure Mutter länger tot ist, als sie gelebt hat.«“ (Baron 2022: 162)

„»Weißt du schon daß ich dich auch schon immer mal pflegen wollte, genauso wie du es immer für mich getan hast. Über 9 (Neun) Jahre machst du dir die Mühung, daß wir alle 4 (vier) etwas haben! Wenn ich einmal Erwachsen bin, bekommst du auch sehr viel Geld von mir! Ich suche mir eine Arbeit, und meine Familie bekommt Geld und du am meisten!!!
Dein Sohn Christian«.“ (Baron 2022: 169)

„Wie der Sarg hineingeschoben wurde. Wie der Pfarrer behauptete, dort drin liege unsere Mutter. Wie Benny den Kopf senkte und schluchzte. Wie ich erschrak und aufschrie. Wie elend wir aussahen, als wir vor der Grube standen, nachdem der Sarg hinuntergelassen worden war: als hätte man uns gefoltert.“ (Baron 2022: 197)

„Sie blickte mich ganz fest an, und ich sah es, ich sah es genau, sie hatte mich lieb, und sie konnte es mich spüren lassen, ohne auch nur mit der Wimper zucken zu müssen.“ (Baron 2022: 201)

„Ich suchte ihn im Stadtbild, irgendwo musste er ja sein, er gehörte doch in mein Leben wie die Erdbeersoße zum Spaghetti-Eis.“ (Baron 2022: 244)

„Um uns herum begann der Sommer, in uns breitete sich eine Wolkendecke aus.“ (Baron 2022: 245)

„Schluchzend drückte er seinen Kopf an meine Brust, mein Herz schlug so wild, dass es ihm wehtun musste.“ (Baron 2022: 255)

„Es war das Jahr 2011. Mein Studium an der Universität Trier hatte ich zu Ende gebracht. Mit einem Abschluss. Und mehr als fünfzehntausend Euro Schulden beim Staat. So prekär ich trotz meines teuer erkauften Bildungsaufstiegs und meines heiß ersehnten Ankommens in der Akademikerwelt auch leben mochte, in der Familie hätte doch der Hut herumgehen müssen, um unserem Vater eine letzte Ruhe in Würde zu schenken. Mit einem Kreuz. Und seinem Namen.“ (Baron 2022: 273)

„Weil meine Mutter acht Jahre vor meinem Vater gestorben ist, hatte er auch acht Jahre länger Zeit, sich in den Leerstellen in meinem Herzen einzurichten.“ (Baron 2022: 280)
Profile Image for Marie On.
Author 1 book2 followers
September 6, 2023
Kaiserslautern in den 90ern. Christian wächst mit seinem Bruder in einem Mietshaus auf. Sein Vater arbeitet mehr oder weniger als Möbelpacker, seine Mutter ist Hausfrau. Wenn sein Vater abends unter 10 Flaschen Bier nach Hause kommt ist seine Laune absehbar und die Hoffnung gegeben, dass er sich einfach nur vor den Fernseher setzt. Sollte die Stimmung kippen, wird er ihre Mutter im Schlafzimmer verprügeln, ihren Kopf immer wieder vor die Wand stoßen und sie wird schreien. Der Elvis von oben setzt dann seine Kopfhörer auf bevor er an ihrer Türe vorbeiläuft und die selbsternannte Hausmeisterin, die alles weiß, interessiert es nicht. Christian und sein Bruder liegen dann in ihren Etagenbetten, schwitzen und weinen in ihre Kissen und hoffen, dass es diesmal schnell vorbei geht.

Er warf ihr seinen bösen Blick zu. “Wir lesen sie halt”, sagte er. (Bildzeitung) “Auf Arbeit. Nur weil du dich für was besseres hälst, musste nicht so tun, als wär ich ein Klappspaten. Oder meint ihr, ein Klappspaten könnt seine Familie ernähren?” Er kübelte sein Bier in einem Zug, rülpste seine Alkoholfahne in die stickige Rau,luft und zog den Rotz hoch, so laut und so lange, dass jeder, der es zwischenzeitlich hätte vergessen können, sofort wieder wusste, wer hier der Boss war. S. 107

Heute ist ihre Mutter im Krankenhaus und sorgt damit für Verwirrung bei den Kindern. Es ist der Tag an dem ihrem Vater ein Super Mario Spiel in die Hände gefallen ist, jetzt zocken sie die ganze Nacht durch und brauchen nicht in die Schule.

Christians Mutter, hat zu ihrer Schulzeit Gedichte geschrieben, bis einer der Lehrer sie der Lächerlichkeit bloß gestellt hat, danach schrieb sie nur noch für Opa Willy, für ihn war sie alles. Mit sechzehn wurde sie schwanger und war einfach nur froh ihrem demütigenden Lehrer den Rücken zu kehren. Doch dann verlor sie das Kind nach einem Kaiserschnitt. Der Vater ihrer Tochter zog sich zurück und der Rotschopf fing an ihr den Hof zu machen, Christians Vater. Als er sie rum bekam war sie schon nicht mehr die Strahlefrau, die jeder bewundert hatte.

Fazit: Christian Baron erzählt seine schreckliche Geschichte absolut authentisch. Ich glaube ihm jedes Wort. Mit seinem großen Schreibtalent schildert er seine Eltern so, dass ich glaube, sie vor mir zu haben und dabei zu sein. Auch die wenigen Momente, die sein Vater durchscheinen ließ, nicht nur ein aggressives Ekel zu sein, lässt Baron nicht aus. Obwohl die Geschichte brutal ist, mag ich sie sehr. Sie plädiert für ein mehr an Miteinander, mehr Zivilcourage.
78 reviews4 followers
February 13, 2023
Ich kannte die Geschichte schon von einer brillianten Theater-Adaption, die sich eng am Text orientierte. Das macht die Bewertung etwas schwierig. Das Stück hat mich damals tief beeindruckt und ich kaufte mir bald danach das Buch dazu. Beim Lesen kam mir nun nicht nur das Erzählte, sondern auch die Sprache bekannt vor.

Wäre es denn einer, dann wohl ein Bildungsroman. Allerdings ist dieses Buch ein Genre-Grenzgänger: Für eine Autobiografie sind die Erinnerungen zu ausgeschmückt und die Komposition vielleicht auch zu kunstvoll, dazu kommen essayistisch-wütende Parts zum Klassismus sowie kurze, für meinen Geschmack weniger geglückte soziologische Milieu-Studien. In klarer und meist schnörkelloser Sprache blickt der Erzähler auf seine Jugend in Armut, seinen sozialen Aufstieg und vor allem auf seinen gewalttätigen Vater zurück. Diese Sprache ermöglicht bruchlos die häufigen Perspektivwechsel: Von der Kindersicht zur einordnenden und bewertenden Rückschau des Davongekommenen.

Der prügelnde Vater war ein Schwein, aber dennoch ist die Enttäuschung des Sohns nicht groß genug, um dem Wunsch nach väterlicher Anerkennung und Geborgenheit nicht auch kleine Fetzen von Resonanz zu geben, in denen sich zeigt, wer der Vater auch hätte sein können und warum der Erzähler ihn nicht einfach verdammen und vergessen kann. Er war ein Mann seiner Klasse, die im Text keine Gewalt entschuldet, aber doch mache Sprachlosigkeit und Ohnmacht erklärt. Auch der Sohn - und somit ist der Titel doppeldeutig - entkommt seiner Herkunft nicht vollständig. Stetig achtet er darauf, wem er sie wann und wie zeigt bzw. an welchen Merkmalen sie kenntlich wird.

Das Theaterstück hatte den Text reduziert, was ihm guttat. An machen, wenigen Stellen klingt die Sprache noch unausgereift, nicht immer sind die Sprachbilder für mich gelungen und manchmal wird auserzählt bzw. erläutert, was besser in der Schwebe bleibt.
Profile Image for Susan.
7 reviews1 follower
October 2, 2024
„Ein Mann seiner Klasse“ ist keine einfache Lektüre, aber das ist den Lesenden hoffentlich vorher klar. Und doch fand ich es eine „einfache“ Lektüre in dem Sinne, dass der Autor sehr nah an seinen persönlichen Erfahrungen bleibt, sehr emotional und bewegend schreit. Diese Erfahrungen sind krass und bitter und manchmal unfassbar schrecklich. Indem Baron diese Erfahrungen direkt mit uns teilt, macht er die Tür auf zu einem größerem Raum, ohne diesen aber wirklich zu betreten.

Klar, das Private ist politisch, es geht um Armut, um Gewalt, deren Auslöser vererbte Gewalterfahrungen sind und die sich in die nächste Generation überträgt, und es geht auch um die strukturelle Benachteiligung unterprivilegierter Kinder im Schulsystem, was sie letztlich am sozialen Aufstieg hindert. Aber was macht denn nun die „Klasse“ des Vaters aus, die ihn zu dem gemacht hat, der er ist? Gehört Gewalt zwingend zur Armutserfahrung? Wie bettet sich diese Familie ein in eine Umgebung, in der sie eine der wenigen unterprivilegierten zu sein scheint? Da fehlt es mir öfter an Kontext, haben Barons Schilderung manchmal zu wenig den Blick auf die Metabene, die seine persönliche Erfahrungen noch bereichern könnte.

Aber kann man diesen Blick von einer so persönlichen Geschichte verlangen, die auf eindrucksvolle Weise sehr viel mit uns teilt und vor allem die beinharten Konsequenzen aus den Strukturen an den Menschen spürbar macht? Es ist und bleibt eine sehr private und starke Geschichte, in die Baron seine Leser eintauschen lässt. Was man aber verlangen könnte ist, dass rassistische Begriffe nicht reproduziert werden, auch wenn sie in der zitierten Sprache vorkommen. Das hat mich an diesem sonst sehr eindrücklichen Buch stark gestört.
Profile Image for Kirsten.
3,118 reviews8 followers
December 7, 2024
Christian Baron hat mich mit seiner Autobiografie direkt in die 90er Jahre zurückversetzt. Vieles von dem, was er erzählt, klingt fast schon übertrieben, aber es war traurige Realität. Die Alkoholsucht seines Vaters bestimmte den Alltag seiner Familie. Seine Familie konnte sich nie sicher sein, welcher Mann nach Hause kam: der gewalttätige Trinker oder der liebevolle Familienvater. Obwohl das, was sie als liebevoll kannten, weit von der echten Bedeutung des Begriffes entfernt war: zocken an Konsolen, die vom Laster gefallen waren, der gemeinsame Besuch in der Kneipe, wo der kleine Christian dem Vater beim Trinken zusehen durfte, das waren die liebevollen Momente. Trotz allem hat der Sohn den Vater geliebt und wollte so sein wie er. Erst der Tod seiner Mutter lässt ihn den Vater mit anderen Augen sehen.

Ich habe nie verstanden, warum sich die Mutter für den Vater entschieden hat. Die beiden trennen Welten, auch wenn sie aus der gleichen Klasse kamen. Aber war genau diese Zugehörigkeit der Grund. Seiner Klasse kann man nicht entkommen, der Platz und die eigene Rolle sind von Anfang an festgelegt. Das muss auch Christian später erfahren, als er versucht, sich von seinem angestammten Platz wegzubewegen. Man traut ihm nichts zu, legt ihm Steine in den Weg und trotzdem schafft er den Schritt hinaus in eine andere Welt als die seiner Kindheit.

Christian Baron zeigt, wie die Familie das eigene Leben prägen kann. Aber er zeigt auch, dass man dieser Prägung entkommen kann.

Profile Image for Anna.
109 reviews30 followers
August 18, 2025
Christian Baron erzählt die Geschichte seiner Kindheit und die hatte es in sich. Als Zweites von vier Kindern wächst er in Armut auf, unter einem prügelnden, trinkenden Vater leidend, bei einer Mutter, die ihr Bestes gibt, ihren Kindern aber zu früh durch Krebs genommen wird. Es gab Stellen, die waren heftig. Etwa die, als er erzählt, wie er den Schimmel von der Wand isst, weil er solchen Hunger hat, wie er den Zorn seines Vaters lieber auf sich zieht, um seine Mutter zu schützen, oder wie oft die Menschen der vermeintlich feinen Gesellschaft auf ihn herabschauen und sein Elend als verdient betrachten, weil er eben aus einer asozialen Familie stammt. Er beschreibt den Kampf nach oben, gegen die Widerstände von dort und aus dem eigenen Umfeld. Zeigt, wie allein man als Kind ist, wenn man zu keiner Klasse richtig dazugehört und wie stark einen die eigene Herkunft prägt.
Inhaltlich ein sehr wichtiges Buch, dessen Bedeutung, Botschaft oder die Geschichte dahinter ich nicht bewerte.
Allerdings entsprechen die wechselnden Zeitsprünge nicht meinem Geschmack und das Einbinden der Lieder fand ich in Fleisch ist mein Gemüse besser gelungen. Deswegen drei Sterne, aber eine klare Empfehlung für alle, die Biografien mögen.
15 reviews
August 23, 2025
9/10 *
Bücher über wahre Lebensgeschichten faszinieren mich sowieso - und dieses war ein Volltreffer für mich. Der Autor gewährt Einblicke in das Leben seiner Familie am Rande unserer Gesellschaft, zwischen Alkohol, Armut, Gewalt, Hoffnungslosigkeit und der Sehnsucht nach einer Normalität, die für mich... nunja, normal ist. Eine Lebensrealität, die mir ebenso fern ist wie die Leute mir nah sind, in der gleichen Stadt, im gleichen Discounter einkaufend, aber unerkannt und übersehen.

Irgendwann während des Lesens habe ich realisiert, dass die abgedruckten Gedichte nicht vom Autor erdacht wurden um die Geschichte abzurunden, sondern tatsächlich Werke der verstorbenen Mutter des Autors, oft im Heimlichen auf alten Schmierzetteln verfasst aber sorgsam aufbewahrt. Ich habe verstanden, dass dieser oft verzweifelte kleine Junge, voller Liebe für seine Mutter und der Sehnsucht aus seinem Leben auszubrechen, und gleichzeitig von den Seinen akzeptiert zu werden, dieses Buch geschrieben hat. Diese Kombination aus der Erzählung und der Realität, dieses Buch in Händen zu halten und die Gedichte zu lesen, hat mich tief berührt und die Erzählung auf eine besondere Art zum Leben erweckt.

Dem Autor ist in meinen Augen ein wundervolles Werk gelungen!
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