Wilhelm Tell ist kein Freiheitskämpfer. Er ist auch kein Gründervater, Attentäter oder Revolutionär. Er ist die griffige Hauptfigur einer guten Geschichte. Ein Agent, ständig unterwegs, in wechselnden Verkleidungen – im Auftrag derjenigen, die seine Geschichte erzählen. Michael Blatter und Valentin Groebner folgen dem Mann mit der Armbrust auf seinen Streifzügen, von Sarnen und Luzern bis nach Paris, Boston und Manila. Sie berichten von Tells Auftraggebern, die seine Geschichte für ihre Zwecke immer wieder neu und anders präsentiert, umgeschrieben und nachgespielt haben; und sie zeichnen nach, wie der Rebell kritisiert, in Erz gegossen, totgeschwiegen und verbrannt wurde. Ein historischer Essay mit überraschenden Bezügen zur Gegenwart – und ohne den bitteren Ernst, der Geschichten nationaler Gründerfiguren so oft eigen ist.
Die Geschichte vom Freiheitshelden Wilhelm Tell ist ein Schweizer Sackmesser mit vielen Funktionen: wem sie gerade dient, der kann sie für sich in Anspruch nehmen. Die anderen sind immer Gessler, fremde Vögte, illegitime Richter. Und auf Tell und die Freiheit berufen sich Tyrannenmörder und Rebellen in allen Zeiten und Sprachräumen. Das Buch ordnet die Verwandlung und Umknetung der Erzählung über die Generationen hübsch ein, in packender Sprache. So ist der Aufsatz selber eine lesenswerte Heldengeschichte für aufgeklärte Zeitgenossen.