"Er konnte ein ums andere Mal auswerfen, es sah so mühelos aus, so sanft und millimetergenau, er ließ den Blinker haargenau dort landen, wo er hin sollte, unmittelbar hinter einem üppig wuchernden Tangbusch oder in der Kuhle neben einem aus dem Wasser ragenden Stein." (S. 294)
Wenn Sie die Beobachtungsgabe eines Naturforschers mit der Gedächtnisstärke eines professionellen Märchenerzählers verbinden und einen Stapel Notizpapier für eine lange Liste ungewöhlich treffender Formulierungen vorbereitet haben, kann dieses Buch Ihr Monats-Highlight werden. Handlungsorte sind Helsingfors (Schwedisch für Helsinki) und Raberga, ein Dorf in der Region Österbotten/Ostbottnien, einem Teil Finnlands östlich des Bottnischen Meerbusens. Den Ostbottniern sagt man nach, sie seien langsamer und jähzorniger als die übrigen Finnen. In der Gegend wird Schwedisch und Finnisch gesprochen, Zweisprachigkeit taucht im Roman (der aus dem Finnlandschwedischen übersetzt ist) mehrfach auf.
Erzählt wird die Geschichte in versetzten Rückblenden von Wiktor Skrake, genant Viki. Er arbeitet sich durch drei Generationen seiner Familiengeschichte, um am Ende festzustellen, wie stark sein Großvater, seine Großonkel, sein Vater und er sich darin ähneln, sich selbst das Leben zu vermasseln. Mit Siebzehn lebt der Erzähler zu Beginn des Romans allein als Haussitter in der Stadtwohnung seiner Tante Mary (Schwester des Vaters) und geht in der Stadt zur Schule. In späteren Szenen hat Viki seine Stelle bei der Zeitung bereits gekündigt und ist in das Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt, auf der Suche, ob "in seiner Seele noch die Sprache wohnt". Vater Werner lebte damals ein unzeitgemäßes Leben als Schul-Hausmeister. Er trainiert verbissen Hammerwerfen, um seine persönliche magische Grenze von 60m zu übertreffen, fischt und schreibt Kurzgeschichten über das Fischen. 1952, als zu den Olympischen Spielen in Helsinki die Markteinführung von Coca Cola bevorsteht, gelingt es Werner mit dem ersten von zwei peinlichen Ereignissen in die Geschichte des Ortes Raberga einzugehen. Wer sich in Finnland blamiert hat, kann nicht einfach wegziehen, und Werners Blamage wird Wiktors Leben überschatten. Während der Vater Hammerwerfen trainiert, läuft Wiktor regelmäßig. Eine besondere Vater-Sohn-Beziehung entsteht auf dem Sportplatz, die die Peinlichkeiten aus Wiktors Leben kurzfristig zum Verschwinden bringen kann. Wiktor war beim Laufen ein schwebendes Kind, sein Idol Sillitoes Langstreckenläufer.
Mit den Elebnissen von Großvater Bruno und seinen Brüdern Leo und Otto (der den Krieg nicht überlebte) dringen wir weiter in die Geschichte der Skrakes und Finnlands ein. Leo erzählt Viki, mit dem ihn eine besondere Seelenverwandtschaft verbindet, die Geschichte von Johannes Mattson, der sich die Insel Skra schwer erarbeitete, nach der die Familie heute heisst. 1978, als Leos Lebenszeit schon fast abgelaufen ist, verbringt er eine sehr innige Zeit mit Viki und erzählt ihm in seinen letzten Lebenstagen noch so viel wie möglich. Leo erlebte den Ersten Weltkrieg als Kind und erinnert sich daran, dass im Krieg eigene Regeln galten. Die Antworten, die Leo von seinem Bruder Bruno damals über den Krieg nicht erhielt, suchte er, indem er Lesen zu seinem Lebensinhalt machte. Um die Kriegserlebnisse einordnen zu können, ist es nützlich, sich unter Karelien, dem finnischen Bürgerkrieg 1917 und dem "Winterkrieg" zwischen Russland und Finnland von 1939 um Karelien etwas vorstellen zu können. Die Familienerinnerungen der Skrakes verdeutlichen, warum so genau unterschieden wurde, welche Vorfahren zu den "Roten" oder den "Weißen" gehörten. In der Erzähtradition der Familie werden schwarze Schafe, Exzentriker und auch ewige Kinder unter den Verwandten aufs Korn genommen. Erzählen, Vorlesen, Erinnern, Sehnsüchte und Träume spielen im Leben der Skrakes eine wichtige Rolle. Irgendwann muss es einen Umschwung im Leben von Wiktor, Werner und Mutter Vera gegeben haben, auf den die Handlung unaufhaltsam zusteuert.
Wiktor bringt seine Vorfahren zum Sprechen, saugt ihre Geschichten andächtig auf und nimmt die Rolle des Chronisten ein. Die Ereignisse werden an markanten historischen Ereignissen festgezurrt (zeitlicher Abstand zum Atombombenabwurf, Gagarins Raumflug, Ermordung Kings 1968) und enden mit der Jahrtausendwende. In Nebenrollen die Nachbarn von Werners Familie mit ihren Kindern Janina und Björn und kurz vor Schluss des Romans Vikis russischstämmige Großmutter Maggie, die ebenfalls allerlei zu erzählen hat.
Lange hat mich kein Familienroman mehr so gefessselt wie die Erlebnisse der Skrakes. Die außergewöhnliche Beobachtungsgabe des Autors hat mir ein Gefühl von Urlaub am Meer vermittelt. Die kleinen der Küste vorgelagerten Inseln, auf die Viki blickt, habe ich vor meinen Augen gesehen, Werners Maschinengewehr-Salven auf der mechanischen Schreibmaschine gehört und gespannt dem Ende der Geschichte entgegengefiebert. Als klar war, wer mit wem verwandt ist, ließ die Spannung im zweiten Drittel leicht nach, um dann wieder anzuziehen. Wer keine Abneigung gegen Angler-Erlebnisse hat, sollte die Skrakes unbedingt ins Urlaubsgepäck packen.