Elija ist die älteste der Schwestern, ihre Augen, von einer großen Lidfalte beschützt, blicken auf das Schöne in der Welt. Sie liebt das Theater, wenn sie die Hagar spielt, die in die Wüste geschickt wird, allein mit einem Kind im Bauch. Auf der Bühne kann Elija Mutter sein, in echt kann sie das nicht. Noa jobbt in einer Kantine. Jeden Tag hofft sie auf Akim, der hoch oben in dem Glasturm mit Elbblick arbeitet. Sie können über vieles sprechen, die Exmatrikulation, ihre Ostasienreisen, nur nicht darüber, wohin sie geht, wenn ihre Schicht in der Kantine vorbei ist. Loth, die Jüngste, ist schön wie eine Statue. Und sie ist wütend. Bei Demos wird sie als Nazi beschimpft, sie selbst hält die Linken für Meinungsfaschisten. Sie ist in die patriotische Hausgemeinschaft in Halle gezogen, um zu kämpfen. Die Wanderung war Loths Idee. Die Idee, noch einmal Schwestern zu sein. Das Moor zu durchqueren und auf dem Berg das Lied zu singen, das ihr Vater für sie gedichtet hat. Doch wie die Schwestern ist auch das Moor nicht mehr dasselbe. Einen Tag verbringen sie zusammen, allein mit sich und den Erinnerungen, die selbst das Moor nicht schlucken kann, mit all dem Morast und Torf, und es gibt nichts, was Halt verspricht.
Amanda Lasker-Berlin beherrscht die Kunst der Verdichtung, das Spurenlegen, das Erzeugen von stärker werdenden Schwingungen bis hin zum Paukenschlag. Ihre fließende, konzentrierte Sprache, ihr Vertrauen auf die Kraft ihrer Figuren sowie die Empathie und Unaufgeregtheit, mit der sie brisante gesellschaftliche Themen mit individuellen Schicksalen engführt, zeugen von dem großen Talent der Debütautorin.
Ein Buch, dass mich mit schalem Geschmack im Mund zurück lässt..
Loth, Noa und Elija sind Schwestern. Und unterschiedlicher als die drei kann man Schwestern nicht erfinden! Die drei begeben sich auf eine Wanderung und wollen die alte Vertrautheit aus der Kindheit wieder aufleben lassen. Auf der Wanderung springt der Leser in die Köpfe der jeweiligen Erzählerin und wie man im wahren Leben manchmal die Gedanken schweifen lässt, so driftet man beim literarischen Mitwandern auch hier ab in die Leben der einzelnen Schwestern. Warum ist Loth so dürr und hegt so wütende und düstere Gedanken? Warum ist Noa glücklich verliebt und kann trotzdem keine Nähe zulassen? Wohin geht sie nach Feierabend während ihr Freund auf sie wartet? Und was ist mit Elija, die Traumtänzerin, die die Bühne liebt? Warum ist sie so völlig anders als die Schwestern? Schnell wird klar, dass sie Trisomie 21 hat und die Welt aus völlig anderen Augen sieht. Ein Buch, dass sehr viel Spielraum für eigene Gedanken lässt, sprachlich manchmal sperrig daher kommt, trotz oft kurzer klarer Sätze und mit Themen spielt wie Behinderung, Prostitution oder Nationalsozialismus. Dieses Buch hat mich sehr zum Nachdenken und literarisch an meine Grenzen gebracht.
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Die erwachsenen Schwestern Elija, Noa und Loth könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie haben kaum noch Kontakt, doch nun hat Loth sie gebeten, noch einmal eine gemeinsame Wanderung zu unternehmen, auf einem Weg, den sie schon als Kinder gegangen sind. In ihrem Alltag haben sie fast keine Berührungspunkte. Elija, die mit Down-Syndrom geboren wurde, lebt in Berlin als Schauspielerin, Noa ist Kantinenkraft und Sexualbegleiterin in Hamburg und Loth lebt in einem patriotischen Wohnprojekt in Halle. Obwohl reichlich Potenzial für Konflikte vorhanden wäre, werden diese während der Wanderung nicht ausgelebt. "Elijas Lied" ist ein sehr sinnlich geschriebener Roman, in dem die Körperlichkeit der Protagonistinnen eine große Rolle spielt. Auch die Sexualität behinderter und pflegebedürftiger Menschen spielt eine große Rolle, sowohl bei Elija als auch bei Noas Tätigkeit als Sexualbegleiterin. Mit Loths offen rechtsradikaler Einstellung kommt ein weiteres großes Thema in den Roman. Stellenweise wirkt der Text dadurch fast überladen und keinem der Themen kann ausreichend Rechnung getragen werden. Auch deckt sich die Charakterisierung der Schwestern auf der Wanderung nicht immer mit den Beschreibungen ihres Alltags. Besonders Elija macht zu Hause einen sehr selbstständigen und fähigen Eindruck, während sie auf der Wanderung mehr wirkt wie ein überfordertes und trotziges Kind. "Elijas Lied" ist ein engagierter Roman, der sich große Themen vornimmt, am Ende sein eigenes Gewicht aber kaum tragen kann.
Elija, Noa und Loth sind als Schwestern untrennbar miteinander verbunden, aber ihre Leben und Werte könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf einer Wanderung, die an vergangene Kindheitstage erinnern soll, tritt deutlich zutage, dass man zwar zusammen aufwachsen, aber nicht zusammen erwachsen sein kann.
Der Roman hat mich nachhaltig beeindruckt - und das, obwohl Schwestern-Geschichten mich eher wenig interessieren und der Inhalt mich auf den ersten Blick nicht so sehr angesprochen hat. Amanda Lasker-Berlin ist jedoch ein wirklich bemerkenswerter Roman gelungen, der vor allem erzähltechnisch und sprachlich sehr überzeugt. Sie versteht es, mit wenigen - oft sehr schönen - Worten sehr viel Gefühl und tiefe Emotion unterschiedlichster Färbung zu transportieren. So kann man Noas Leere und Ohnmacht ebenso greifen wie Elijas Nichtverstehen und ihren Wunsch nach Zuneigung oder Loths Wut. Diese Gefühlsebenen werden durch die Erzählperspektive zwar auch durch die Gedanken der Figuren, aber häufiger durch Handeln oder Unterlassen der Figuren illustriert. Der Schreibstil ist für mich besonders deshalb so eindrucksvoll, weil er keine Scheu hat, Dinge auszuformulieren, aber es dennoch oftmals auch dem Leser überlässt, sich einen eigenen Reim auf das Erzählte zu machen.
Das Berückende an der Handlung ist, dass die Wanderung die Rahmenhandlung für die Annäherung des Lesers an die drei Schwestern bildet. So erfährt man Stück für Stück, Fragment für Fragment, immer mehr über jede einzelne der Frauen. Die Art wie dies vonstatten geht, erinnert an menschliche Denkprozesse: erst ist man im hier und jetzt bei der Wanderung und schon driftet die Gedankenwelt in die Vergangenheit oder zu ungelösten Problemen. Das ist schon sehr, sehr gut überlegt und umgesetzt.
Die Figuren sind sehr komplex und damit sehr authentisch und auch hier hat sich die Autorin einer recht schwierigen Herausforderung gestellt. Ihr gelingt es, die Gefühlslage Elijas, die durch ihr Down-Syndrom die Welt anders wahrnimmt, ebenso nachvollziehbar einzufangen, wie die Loths, die vollkommen der rechten Gesinnung verfallen ist - beide sind keine einfachen Charaktere.
Auch wenn der Roman auf subtile Weise distanziert wirkt, so ist man doch emotional berührt - die Geschichte und die Schwestern entfalten eine Sogwirkung. Elijas Lied ist ein sehr lesenswerter Roman mit viel Interpretationspotential. Sehr gelungen!
Drei Schwestern (trotz zweier Männernamen) um die Dreißig auf einer Wanderung, die in ihren unterschiedlichen Eigenschaften so extrem gewählt sind, dass der Roman allein deswegen in Erinnerung bleiben wird. Die Älteste, Elija, ist Schauspielerin, lebt mit ihrem Freund Mio zusammen und hat Trisomie 21. Noa kümmert sich auf der Wanderung um ihre ältere "kleine" Schwester, arbeitet sonst als Kantinenhilfe und Sexualbegleiterin, was die Beziehung zu ihrem Freund Akim verkompliziert. Und schließlich Loth, die Jüngste, magersüchtig und von extrem links nach rechts abgedriftet, weil sie dort die langersehnte Zugehörigkeit zu finden glaubt. Themen sind reichlich drin in diesem Roman, weniger wäre mehr gewesen. Sprachlich fallen zwischen den eher einfachen Sätzen, die nah an den Figuren sind, einige "poetische" Beschreibungen auf, die nicht immer ganz gelungen sind. Alles in allem ein durchaus lesenswertes Debüt.
Wunderbar wie die mongoloide elija die Welt wahrnimmt. Auch die sinnliche Beschreibung der Gemeinsamen Wanderung der drei Schwestern hat mich angerührt.
Drei Schwestern begeben sich auf eine Wanderung, um ihre Verbundenheit in der Kindheit wiederzufinden. Noa und Loth scheinen in ihrem Leben vom rechten Weg abgekommen zu sein. Elija, die mit Trisomie 21 geboren wurde, geht voll in der Schauspielerei auf.
Die Geschichte beginnt spannend und hat durchaus Potenzial. Amanda Lasker-Berlins Schreibstil macht das Lesen allerdings schwer. Zum einen verzichtet sie auf die Kennzeichnung direkte Rede, zum anderen finden Zeitsprünge, sowie der Wechsel der Erzählperspektive teilweise sogar mitten im Absatz statt. In Maßen eingesetzt, sind solche Spielereien mit der Sprache interessant, hier wird allerdings der Lesefluss unheimlich gestört.
Ich konnte leider keine Nähe zu den Protagonistinnen herstellen, am ehesten ist das noch zu Elija gelungen, während vor allem Noa sehr diffus bleibt. Aus meiner Sicht sind die Charaktere nicht richtig herausgearbeitet. Aber auch die Geschichte ist aus meiner Sicht nicht auserzählt und so bleibe ich mit gemischten Gefühlen zurück.