Seit heute habe ich eine neue Leseregel: Wenn ein Buch ein Jahr lang in meiner Goodreads-Currently-Reading-Liste herumlungert, hat es ausgelungert. Dann muss ich es auslisten, wie es in der Verlagssprache so martialisch-euphemistisch heisst. «In der Schweiz» von Mark Twain ist so ein Buch. Begonnen: 10. April 2020. Zu Ende gelesen: nie. Stand bei Auslistung am 13. Mai 2021: Seite 140 von 298; elftes Kapitel von dreiundzwanzig.
Im Klappentext steht: «Wer in die Schweiz reist, sollte dieses Buch dabeihaben, auch wenn ihm beim Lesen vor Lachen die Tränen kommen.» Ich würde hier gerne zwei Korrekturvorschläge anbringen: «Wer in der Schweiz lebt (...)» funktioniert genauso. Das ist die grosse Stärke des Buchs. Ich wohne gerade in Luzern. Und Mark Twains Beschreibungen etwa des Schweizerhofquais, der heute offensichtlich noch genau gleich aussieht und dessen Besuchende auf den (gerade wieder geöffneten Restaurantterrassen) sich offensichtlich auch nicht gross verändert haben, sind beeindruckend.
Doch dann die zweite Korrektur. Sie betrifft den Satz mit den Lachtränen auf dem Backcover – getrost streichen! Mark Twain ist schon lustig. Aber eben nur, wenn mensch sich nach 1878 zurückversetzt. Was selbstverständlich Sexismus, Rassismus und noch ein paar andere gäbige Konzepte als primäre humoristische Werkzeuge impliziert.
Möglich, dass ich das Buch völlig falsch lese. Dass Mark Twain das alles ironisch meint, wenn er sich selbst und seinen von ihm ständig gegängelten Gehilfen durch die Schweizer Alpentäler jagt und sich über arme Bauernkinder amüsiert, die am Wegrand Obst verkaufen müssen, um zu überleben.
Möglich, dass ich mich hier völlig zu unrecht gelangweilt habe, weil ich irgendeine Genialität nicht verstanden habe. Doch Fakt ist: Ich habe es in einem Jahr nicht über Kapitel elf von dreiundzwanzig hinausgeschafft. Obwohl ich sehr an Lokal-, Gastronomie- und Tourismusgeschichte interessiert bin. Das ist für mich genug des Urteils.
Falls jemand interessiert ist: «In der Schweiz» steht ab morgen in der zum Bücherschrank umfunktionierten Telefonkabine vor dem Maihof-Schulhaus in Luzern. Zusammen mit ein paar anderen heute ausgelisteten Werken.