Die Hölle, das sind die anderen: Widerständigkeitserwachen
Inhalt: 4/5 Sterne (großbürgerliche Scheinwelten entlarvt)
Form: 3/5 Sterne (klassische, aber langweilige Diktion)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (glaubwürdiger Innen-Außen-Reflektor)
Komposition: 5/5 Sterne (Erwachungsprozess aus dem Driften)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (intensiver Höllenritt, etwas kurz)
Beauvoirs letzter Roman, erschienen 1966, markiert auch das Ende der existentialistischen Literatur der primären Gruppe rund um Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir selbst. Die Welt der schönen Bilder biegt ihre Philosophie zurück auf das Bildungsbürgertum und erforscht den Effekt, den die existentialistischen Fragen auf das Bewusstsein der handelnden Figuren hat, hier allen voran auf die Reflektor-Figur, die Werbetexterin Laurence, selbst:
Catherine zögert einen Augenblick; das Lächeln ihrer Mutter bringt sie zum Sprechen: «Mama, warum ist man auf der Welt?» […]
Laurence hat eine Eingebung: «Die Menschen sind da, um einander glücklich zu machen», sagt sie voller Schwung. Sie ist sehr stolz auf ihre Antwort.
Verschlossenen Gesichts denkt Catherine weiter nach; oder vielmehr, sie sucht nach Worten: «Aber die Menschen, die nicht glücklich sind, warum sind die da?»
Catherine, Laurences Tochter, zwölf Jahre alt, beginnt anspruchsvolle Fragen zu stellen, vor allem durch ihre neue Freundin, eine Jüdin, namens Brigitte. Laurence muss sich mit diesen von ihr seit langem verdrängten Fragen konfrontieren und beginnt einen Bewusstwerdungsprozess, der ein neues Licht auf ihre Ehe, Affäre, ihre Eltern und ihr weiteres Leben wirft. Sie fühlt sich leer und sieht verschiedene Formen in ihrem Umfeld, mit dieser Leere umzugehen: ihre Mutter wirft sich an einen sie nicht liebenden Ferrari-fahrenden Lebemann; ihr Vater verkriecht sich in klassisch-nostalgische Bildung; ihre Schwester wird religiös; und ihr Ehemann Jean Charles tröstet sich mit dem technologischen Fortschritt und dem baldigen technokratischen Paradies auf Erden. Nur für Laurence scheint keine geeignete Strategie probat:
Jetzt hat sie nicht einmal diese Sehnsucht mehr. Warum hatte sie sich entschlossen, eine Leere in ihrem Leben zu schaffen, ihre Zeit, ihre Kräfte, ihr Herz zu schonen, obwohl sie eigentlich gar nicht weiß, was sie mit ihrer Zeit, ihren Kräften, ihrem Herzen anfangen soll? Ein allzu ausgefülltes Leben? Ein zu leeres Leben? Ausgefüllt mit leeren Dingen, welche Schande!
Eindringlich, glaubwürdig, präsentisch erzählt lässt Simone de Beauvoir eine Figur entstehen, die sich nicht mehr mit Konsum, Sex und Eitelkeit zu betäuben versteht. Sie lässt Laurence bis zu diesem Punkt schreiten, ab dem die Selbstkontrolle und Freiheit beginnen, bis also an die Schwelle, ab der sie für sich neue Ziele zu setzen vermag und nicht mehr mit ihrem Umfeld lediglich den Tod entgegendriftet. Die großbürgerliche Welt befriedigt sie sich nicht mehr. Sie erscheint als eine „nature morte“:
Langsam gleiten die Auslagen vorüber. Schals, Clips, Armbänder, Schmuck für Millionäre – ein Brillanthalsband mit Rubinverzierung, eine lange schwarze Perlenkette, Saphire, Smaragde, Armbänder aus Gold und Edelsteinen – bescheidener Modeschmuck, Jade, Rheinkiesel, gläserne Kugeln, in denen das Spiel des Lichts glänzende Bänder flimmern lässt, ein Spiegel inmitten einer Sonne aus vergoldetem Stroh, Flaschen aus geblasenem Glas, dicke Kristallvasen für eine einzelne Rose, Krüge aus weißem und blauem Milchglas, Flakons aus Porzellan, Puderdosen aus Gold […]
Pastellartig, diaphan, impressionistisch begleitet der leichte, unbeschwerte Erzählton das problematische Erkennen und die schmerzhafte Bewusstwerdungsphase der Protagonistin. Es ist ein kurzes, aber intensives, durch und durch wohlkomponiertes, auf den Punkt konzentriertes Buch, das nicht nur zeitlich, sondern auch substanziell, das existentialistische Projekt beschließt und dessen Substanz preisgibt und für die Nachwelt erhält.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: 4 Kapitel, mit Laurence als Protagonisten, in 3. Person erzählt, mit Zugang zu ihren Gedanken. Es gibt drei Problemstränge:
1.) Laurences ältere Tochter Catherine beginnt sich Sorgen über den Sinn und die Welt zu machen, insbesondere durch ihre etwas ältere jüdische Klassenkameradin, Brigitte;
2.) die Affäre von Laurences Mutter mit einem Firmenleiter, namens Gilbert, der sich in die 19jährige Tochter seiner Ex-Geliebten verliebt, und wie die Mutter, Dominique, mit dem Verlust umgeht;
3.) die Affäre von Laurence selbst und wie sie sie beendet, und wie Lucien, ihr Arbeitskollege damit umgeht; und
4.) der Unfall von Laurence, bei dem sie einem unvorsichtigen Radfahrer ausweicht und ein Auto zu Schrott fährt.
Die Handlung verläuft sehr einfach: das Buch startet im 1. Kapitel direkt mit einer Salonsituation, mit Dominique als Gastgeberin, wahrscheinlich im Haus von Feuverolles. Laurence und ihr Ehemann kehren zurück nach Paris, beide zu ihrer Arbeit und mit beschäftigt mit ihren beiden Töchter, Catherine und Louise. Catherine hat Probleme zu schlafen und weint. Laurences Affäre Lucien will mehr Zeit mit ihr verbringen und bricht einen Streit vom Zaun. Laurence besucht ihren Vater, dessen Zufriedenheit sie beruhigend findet. Im 2. Kapitel gesteht Gilbert Laurence sein Vorhaben, sich von Dominique zu trennen. Sie soll ihre Mutter vorbereiten, weigert sich aber. Er vollzieht die Trennung. Sie besucht ihre Mutter, die völlig von der Rolle ist, sich aber noch Hoffnungen macht, weil er ihr seine neue Freundin nicht genannt hat. Laurence kennt die neue Partnerin, verheimlicht es ihr aber. Laurence verbringt einen Abend mit Lucien, bleibt aber nicht über Nacht. Sie streiten sich. Mona, ihre Arbeitskollegin, Kommunistin, besucht sie, um mit ihr letzte Entwürfe für eine Werbekampagne zu prüfen. Martha, ihre Schwester, will Catherine zum Kommunionsunterricht geschickt sehen. Sie führt Catherines Traurigkeit auf die Gottlosigkeit von Laurences zurück. Laurence lernt die Freundin von Catherine, Brigitte kennen. 3. Kapitel: Jean-Charles ist unzufrieden mit seinem Job und bewirbt sich beim Konkurrenten. Sie besuchen ihre Mutter in Feuverolles, wo auch Gilbert weilt, der den Urlaub mit Dominique absagt, nochmals Laurence um Hilfe bittet. Auf dem Rückweg nach Paris baut Laurence einen Unfall, als sie einem unvorsichtigen Radfahrer ausweicht. Das Auto erleidet einen Totalschaden. Jean-Charles unzufrieden mit ihr, da die Versicherung gezahlt hätte, hätte sie den Radfahrer umgefahren. Dominique ist fertig mit der Welt, weil sie befürchtet, eine verlassene Frau zu bleiben. Catherines Zeugnis fällt schlecht aus, und es wird beschlossen, sie zu einem Psychiater zu schicken. Jean-Charles macht Dominique wegen des Autounfalls Vorwürfe, schickt ihr aber Blumen, um sich zu entschuldigen, und kauft ihr ein Collier. Auf der Silvesterfeier mit einigen Freunden und Verwandten fragt Laurences Vater, ob sie ihm auf der Griechenlandreise begleiten will. 4. Kapitel: Die Griechenlandreise desillusioniert Laurences. Ihr Vater ist nicht weise, sondern ignorant. Er will die Armut Griechenlands nicht sehen. Er bleibt distanziert zum Weltgeschehen und unterstützt sie auch nicht darin, dass Catherine eine normale Phase der Welterkenntnis durchläuft. Nach der Ankunft kommen Dominique und ihr Vater wieder zusammen, als arrivierte Eheleute. Laurence verfällt in eine Depression, verweigert das Essen und beschließt, Catherine zu schützen. Sie soll die Welt erleben, wie sie ist, und verlangt, dass Catherine mit ihrer Freundin in den Urlaub fahren darf.
… typische Großbürgeratmosphäre, wie bei Marcel Proust, oder auch Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray, oder Heinrich Manns Der Untertan, auch Anleihen aus Stendhals Rot und Schwarz. Nie langweilig. Die Konflikte werden klar herausgearbeitet, sehr stringent vorwärts geschrieben, verdichtet, interessant, alles wird ständig in Relation gesetzt. Etwas kurz. --> 4 Sterne
Form: Malerisches Schreiben, teilweise nur Ein-Wort-Sätze, äußerst verkürzter Stil, aber flüssig, harmonisch ineinander übergehende Sätze, viele Aufzählungen, angelehnt an den anekdotischen Stil von Journalen, an Idealbildern, aber dann vereinzelt verdichtet durch Adjektive. Kaum Metaphern, keine Neologismen, kaum Kreativität in der Diktion, jedoch die bestehende Sprache genutzt. --> 3 Sterne
Erzählstimme: Klare, durchgängig aufrechterhaltende Erzählperspektive: Laurence als Reflektor, die von innen und außen betrachtet wird, deren Gedanken, Träume, Wünsche zugänglich sind, aber nicht die der anderen Figuren. Dieses Innen und Außen belebt die Welt, lässt Laurence vielschichtig erscheinen, gibt den Eindrücken vorübergehenden und bleibenden Charakter zugleich. Sehr erlebnisnah, glaubwürdig und konsistent. --> 5 Sterne
Komposition:Gelungener Übergang vom impressionistischen Erzählen, im Präsens, getrieben von Umständen. Laurence driftet, aber versucht sich gegen das Driften zu wehren. Hier passt die Reflektorstimme, das Außen. Eine Ich-Perspektive wäre konstruiert gewesen. Sie sieht sich von innen und außen, und so sieht es das Publikum auch. Im Bildungsgang erwacht Laurence, und plötzlich berichtet sie im vierten Kapitel im Rückblick über die Griechenlandreise, d.h. ein Reflexionsvorgang der zweiten Stufe beginnt, und der führt zu dem Entschluss, ihre Töchter nicht aufzugeben, sie nicht in Watte einzupacken, sie mit der harten Realität zu konfrontieren. Das von außen wird retrospektiv gewendet und gibt der Figur sehr viel Glaubwürdigkeit. Sie wird selbstbewusst. Sie erwacht, und das spiegelt sich kompositorisch-narrativ eindeutig wider. --> 5 Sterne