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304 pages, Paperback
Published November 17, 2020
Die Grundidee von Work and Worship finde ich stark: Die Trennung zwischen Sonntag und Montag wird nicht allein durch eine bessere „Theologie der Arbeit“ überwunden. Vielmehr lässt sich die Praxis des Gottesdienstes selbst als theologia prima verstehen. Die Arbeitswirklichkeit der Gemeinde braucht einen Platz in Gebeten, Liedern, Predigten, Gaben, Abendmahl und Segen. Denn Theologie ist nicht zuerst eine abstrakte Theorie, sondern nimmt in der gemeinschaftlichen Praxis der Kirche Gestalt an.
Besonders überzeugend fand ich die Kapitel zur frühen Kirche. Im frühchristlichen Offertorium wurden die konkreten Früchte menschlicher Arbeit tatsächlich in die gottesdienstliche Versammlung eingebracht, geprüft und geteilt. Diese materielle Darbringung konnte zugleich für die Hingabe des ganzen Lebens als „lebendiges und Gott wohlgefälliges Opfer“ stehen (Röm 12,1–2). Brot und Wein wurden im Herrenmahl als Gaben Gottes empfangen; andere Gaben dienten der Versorgung der Armen und der Gemeinde. Arbeit und Gottesdienst waren damit nicht nur gedanklich, sondern materiell, sozial und ökonomisch miteinander verbunden.
Gerade deshalb fallen viele moderne Praxisvorschläge des Buches für mich etwas ab. Am Ende geht es häufig um Gebete für Berufsgruppen, Fotos von Arbeitsplätzen, Karten mit den Arbeitsorten der Gemeindeglieder oder besondere Berufssegnungen. Das ist sinnvoll, bleibt gegenüber den historischen Beispielen aber ziemlich immateriell. Die Vorschläge machen Arbeit sichtbar und betonen die Sendung zurück in die Welt, gewinnen jedoch die materielle Darbringung und gemeinschaftliche Verwendung ihrer Früchte nur begrenzt zurück. Das Buch kritisiert eine entmaterialisierte Liturgie, bleibt praktisch aber häufig selbst bei Worten, Bildern und Symbolen.
Mein größter theologischer Kritikpunkt betrifft das prophetische Moment. Das Buch möchte Arbeit in den Gottesdienst hineinnehmen, dort heilen und anschließend neu in die Welt senden.
Aber nicht jede Arbeit kann geheiligt werden. Manche Tätigkeiten, Produkte oder institutionellen Rollen müssen kritisiert, verweigert oder beendet werden. Der Gottesdienst sammelt und sendet nicht nur – er richtet auch und ruft zur Umkehr.
Der Gottesdienst darf außerdem nicht zum Handlanger der Arbeit werden. Er ist nicht einfach ein Trainingsprogramm für den Montag, sondern zunächst Unterbrechung der Welt und ihrer Betriebsamkeit. In manchen modernen Beispielen wirkt es jedoch fast so, als würde die bestehende Arbeitswelt liturgisch sichtbar gemacht, christlich gedeutet und anschließend gesegnet zurückgegeben. Das ist mir stellenweise zu sehr eine „Taufe“ des Bestehenden und zu wenig seine Unterbrechung.
Auch der sabbatische Charakter des Gottesdienstes bleibt unterbestimmt. Der Gottesdienst unterbricht die Ökonomie der Welt und lässt die Gemeinde in die Ruhe Gottes eintreten – oder anders gesagt: in das Schauen und Staunen über das eine, alles entscheidende Werk Gottes in Christus. Sabbat bedeutet, von den eigenen Werken abzulassen und auf Gottes Werk zu schauen. Erst von hier aus kann der Gottesdienst die Arbeit zugleich würdigen und begrenzen: als Bejahung der materiellen Welt und als Kritik am Totalanspruch von Arbeit, Leistung und materiellem Erfolg. Diese Spannung hätte das Buch stärker entfalten müssen.
Sprachlich fand ich das Buch oft anstrengend. Die Autoren relativieren sich ständig: Sie wollen keine allgemeingültige Lösung anbieten, kein „How-to“-Buch schreiben und nicht für alle Kirchen sprechen – und werden nicht müde, das immer wieder zu betonen. Gleichzeitig heißt es dauernd: „Pastors must …“, „churches must …“, „workers must …“. Das Buch wirkt dadurch wie eine etwas unglückliche Mischung aus akademischer Monographie und pastoralem Praxisbuch. Aber vielleicht bin ich an dieser Stelle auch einfach sehr deutsch.
Trotzdem bleibt Work and Worship wichtig und lesenswert. Es stellt die richtige Frage, erschließt viele starke historische Beispiele und wird meine pastorale Praxis sicher prägen. Gerade von den konkreten Vorschlägen, wie Arbeit und Gottesdienst heute neu aufeinander bezogen werden können, hatte ich mir jedoch deutlich mehr erhofft.