Wenn ein Buch „Interpretationen: Liebesgedichte der Gegenwart“ betitelt wird, dann müsste das eigentlich etwas meinen, z.B. daß das Buch repräsentativ ist. Wenn das so ist, dann gibt es eigentlich keine Liebesgedichte mehr. "Du bist wie eine Blume," oder Ähnliches, ist hier nicht zu finden. Die Gedichte sind alle sehr gut, die Interpretationen auf der höchsten Stufe der Deutschen Sprache geschrieben, aber von wirklicher, rücksichtsloser, ekstatischer Liebe ist nicht die Rede. Sie erscheint als gefährliche Chimäre, als unheilvolle Fiktion (S. 105), als nur noch ein herkömmliches, längst fragwürdiges, entleertes Wort, für etwas Ungewisses, Wandelbares, Veränderliches, etwas das offen ist für Täuschungen (S. 115-6), man sieht sie von Anfang an ohne Illusionen, gibt sich als unangreifbar schnodderig und überlegen: „Alles Quatsch,“ (S. 137), und die Liebe ist auf der Strecke geblieben (S. 141).
Das Buch war für mich sehr traurig, anscheinend ausgezeichnet von der „Neuen Subjektivität,“ und der „Neuen Sensibilität,“ (S. 151), die mit dem 20sten Jahrhundert einsetzen musste. Ich war ja selbst ein Produkt dieses Jahrhunderts (1938), und weiß, daß alles im Buch die bittere Wahrheit ist. Aber trotzdem! Es gibt in jedem Leben Momente die unvergesslich bleiben, Momente wirklicher, rücksichtsloser, ekstatischer Liebe! Und in etlichen Gedichten will dieses Zugeständnis durchschimmern, aber nirgends ist es das Hauptthema. Schade!