Mit diesen 5 Aufsätzen hat sich Andreas Reckwitz aus meiner Sicht endgültig in die Reihe 1 der deutschen (und vielleicht nicht nur der deutschen) Soziologie eingeschrieben. Materialreich und dicht sowohl im theoretischen Absatz wie in den Schlussfolgerungen/ Wertungen bietet der Band überzeugende Orientierungshilfen, wenn es darum geht zu verstehen, was heute um uns herum abläuft. Ausgehend von seiner Unterscheidung der Kulturalisierung I (=globale Kultur als Reservoir der Vermarktung) und Kulturalisierung II (=Kulturessentialismus im Sinne von "Identität") untersucht Reckwitz die Konflikte, die sich entlang dieser Bruchlinien ergeben. Dabei sieht er in der Schwäche eines auf die Diversität von "Lebensstilgruppen" abhebenden postindustriellen Kapitalismus, der unfähig sei, "etwas kollektiv geteiltes Wertvolles und Erstrebenswertes für alle verbindlich zu machen" (S. 54), den Grund für die Attraktivität einer Essentialisierung von "Kultur", "Identität", "Hautfarbe", "Nationalität" usw. Indirekt wird also auch hier die „Lifestyle- Linke“ (Wagenknecht) für den Aufstieg von AfD, Front National, Orban usw. verantwortlich gemacht.
Allerdings sieht Reckwitz darin nicht das letzte Wort des aus seiner Sicht anstehenden Paradigmenwechsels des Politischen. Vielmehr ginge es um eine Rückeroberung universeller kultureller Werte, wie sie exemplarisch in der deutschen Klassik (Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen) entwickelt worden seien. Mithin geht es darum herauszufinden, was „kulturell für alle gilt und gelten sollte“ (S. 57). Interessant angesichts der aktuellen Diskussion um die Rückgabe von kolonialer Raubkunst ist die Verortung dieser Aushandlung z.B. in Museen. Wäre es da nicht besser, anderen Ländern europäische kulturelle Werte zur Verfügung zu stellen, als ihnen das Eigene (was ist das nach 200 Jahren?) zurück (wem?) zu geben? Jedenfalls sieht Reckwitz in dem Kampf um die also „Kulturalisierung III“ genannten Auseinandersetzungen um das wirklich Universale der Kultur vor allem das Bildungswesen gefordert. Ok, das kann man einen frommen Wunsch nennen, dass es ums aufgeklärt Universale gehen müsste, steht m.E. dennoch außer Frage.
Kritik an seinem Singularitäten- Buch aufnehmend, arbeitet Reckwitz in dem zweiten Aufsatz heraus, dass – entgegen anderslautender Behauptungen – „die kulturellen Lebensformen nicht gleichberechtigt“ seien, sondern sich aufgrund nicht zuletzt der „ungleichen Ressourcenverteilung“ hinsichtlich ihrer „Lebenschancen, Lebensgefühle und ihres gesellschaftlichen Prestiges erheblich voneinander [unterscheiden]“ (S. 67). Hier kommen Überlegungen zum Klassismus ins Spiel, indem für die spätmodernen Gesellschaften des Westens eine Oberklasse (lebt von der Kapitalrente) von einer neuen und alten Mittelschicht und der prekären Unterschicht (kann nur das kurzfristige Überleben planen) unterschieden werden. Obwohl Reckwitz allen gesellschaftlichen Gruppierungen Aufmerksamkeit widmet und vielfältige (hier nicht darstellbare) Differenzierungen herausarbeitet, liegt sein Hauptaugenmerk doch auf der „neuen Mittelschicht“ der hochgebildeten urbanen Intelligenz, die er als Träger sowohl der kulturellen als auch der ökonomischen Prozesse im postindustriellen Kapitalismus beschreibt. Besonders in der Mittelschicht würden Muster „symbolischer Auf- und Abwertung“ (S.89) sichtbar, was die Ängste der abstiegsbedrohten und auf jeden Fall unter dem Verlust an Sozialprestige leidenden alte Mittelklasse (kleine Angestellte, Fach- Arbeiter, Handwerker usw.) motiviert, für die in Deutschland die AfD das Auffangbecken bildet. Einleuchtender ist mir noch nicht vorgeführt worden, woher der Zulauf für die AfD gerade in den zu urbanen Zentren peripher liegenden Klein- und Mittelstädte kommt.
Spannend mit Blick auf die Diskussionen um das Wagenknecht- Buch „Die Selbstgerechten“ ist der von Reckwitz gut begründete Versuch, anstelle des Rechts- Links- Schemas die darunter liegenden paradigmatischen Gegensätze offener und deregulierter (kosmopolitisch- entgrenzter) Dynamisierungsgesellschaften und solcher eher geschlossener und auf Ordnung und Begrenzung bedachter kommunitarischer Formationen herauszuarbeiten. Hier finden sich die klassische CDU/ CSU mit der SPD, der SED und Roosveld in einem ordoliberalen Feld, wohingegen die Grünen, Teile der Linken und die FDP zum linksliberalen Feld tendieren. Sichtbar wird, dass Wagenknecht als Anhängerin eines zumindest zu regulierenden und damit national wieder einzuhegenden Kapitalismus aus der Perspektive von Globalisierern und traditionellen (?) Internationalisten als „rechts“ gelten kann, was die Allianz von Teilen der Linken mit dem grünen bürgerlich- liberalen Mainstream offenlegt. Wagenknecht würde Reckwitz beipflichten, der zusammenfasst: „Der linksliberale Kosmopolitismus der neuen Mittelklasse steht der neuen Unterklasse dabei lebensweltlich wie politisch denkbar fern.“ (S. 107) Daher fehlt auf Seiten sowohl von Teilen der Grünen als auch der Linken der Blick für die soziologische Tatsache einer „Segregation zwischen Einheimischen und Migranten“, die oft die „Form von Statuskonkurrenz“ annimmt, da „Einheimische und migrantische Angehörige dieser Klasse […] um die gleichen einfachen Arbeitsplätze sowie um staatliche Leistungen, Sozialwohnungen und ganz allgemein um ‚Respekt‘ angesichts der eigenen prekären Situation [konkurrieren].“ (S. 117)
Der dritte Aufsatz behandelt Probleme des Strukturwandels vom industriellen zum postindustriellen Kapitalismus und arbeitet heraus, wie die „Selbstverwirklichungsrevolution“ (S. 151) der Nach- 68er- Jahre im Zusammenspiel mit der Sättigungskrise zur (erfolgreichen) Suche nach neuen Produkten und Märkten führte. Indem die allumfassende „Kulturalisierung“ zu einer Valorisierung (In- Wert- Setzung) von allem und jedem (Liebe= Attraktivitätsmarkt auf Tinder & Co.; Wissen=Traditionsuniversität mit Spitzenranking; Wohnen=Städte und Stadtviertel mit Erlebniswert etc. pp.) führte, konnten Märkte für Kulturprodukte entstehen, deren Preise jenseits der klassischen Wert- Theorien kein Maß in der Aufwendung an Arbeitszeit oder Material, sondern am immateriellen „Prestige“ (Marken, Erlebniswert, Ästhetik usw.) finden. Dafür ist ein ständig steigendes Maß an Kreativität erforderlich, das entsprechende Berufe, die dem „kognitiv- kulturellen Kapitalismus“ (S.157) zugeordnet werden können, im Prestige und der Entlohnung steigen lässt. Umgekehrt bedarf die Entfaltung dieser Potentiale eines dahinterstehenden Dienstleistungsproletariats, das die „Kreativen“ von den Alltagssorgen (Pflege, Essen, Reinigung usw.) entlastet, also zwar notwendig, der geringen bildungsmäßigen Anforderungen wegen aber wenig geachtet und daher schlecht bezahlt ist. Entlang dieser Bruchlinie verläuft also eine Konfliktlinie (Gelbwesten!), während eine andere eher global zu verorten ist: „Der neue kognitiv- kulturelle Kapitalismus des Westens und der neue Industriekapitalismus des globalen Südens sind also komplementäre Phänomene.“ (S. 163) Diese Einsicht zielt auf den Selbstbetrug der europäischen Grünen, die in ihrer Lebensweise ein immer größeres ökologisches Potential ausmachen, das sofort verpufft, wenn man es in Relation zu dem bloß ausgelagerten (und also unsichtbar gemachten) Rohstoff- und Umweltverschleiß in anderen Ländern setzt. Der vorrangige Konsum von kulturellen Prestige- Gütern, zu deren „Wert“ auch ihre Singularität, Rarität und Exklusivität gehören, täuscht daher nur vordergründig über die oft verdrängte Tatsache hinweg, dass die neue Mittelschicht wie die alte extensive Trägerin eines enthemmten Konsumkapitalismus ist.
Im vierten Aufsatz widmet sich Reckwitz unter dem Stichwort „Erschöpfte Selbstverwirklichung“ der Frage, woher trotz aller positiver Lebenslügen die vielen Symptome psychischer Überforderung kommen. Ein Grund ist die permanent im Hintergrund der eigentlichen Arbeit ablaufende „Statusarbeit“ (S.216), also das Bemühen und Sichtbarkeit und Singularität (Instagram, TikTok usw.). Damit hat die Wettbewerbsstruktur der ökonomischen Sphäre endgültig den Bereich des Privaten und Intimen erreicht. Bei dem notwendigen Spagat zwischen Kreativität und Selbstverwirklichung (Künstler) und Erfolg und Status (Bürger) sind Abstürze und enttäuschte Hoffnungen vorprogrammiert, da die neuen Märkte „Winner-take-it-all-Märkte“ sind, d.h. erfolgreich sind immer nur die zuerst Erfolgreichen und niemals die, die nur hinterher kommen. Damit ist das Kreativitäts- Paradigma auch in eine zeitliche Dimension eingebunden, volkstümlich gesagt bringt der Zeitmangel Zeitverdichtung und also Stress und Überforderung hervor. Das Ganze wird übrigens psychologisch einsichtig motiviert- erstaunlich für einen Soziologen sind die Fingerzeige auf Potentiale einer auf Selbsterkenntnis gerichteten Psychoanalyse im Gegensatz zur positiven Psychologie amerikanischer Prägung, die – wie Reckwitz beiläufig bemerkt - als notwendiges Korrektiv eines europäisch- westlich missverstandenen Buddhismus, der Yoga- Techniken usw. als Einübung in eine Art Stoizismus des Aushaltens bedarf.
So weit so schlecht. Im fünften Aufsatz widmet sich der Autor möglichen Lösungen und Perspektiven und geht dabei von der historischen Gewissheit aus, dass Krisen, Gewalt und andere Erschütterungen nur einen neuen politischen Paradigmenwechsel ankündigen. Sein Beispiel ist der Übergang vom Ordnungs- zum Dynamisierungsparadigma in den 60er/ 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, der neben den Studentenunruhen immerhin bis zum deutschen und italienischen Terrorismus geführt hat. Was steht heute an? „Es ist zu vermuten, dass die auf dieses Paradigma folgende Regierungsweise erneut ein Regulierungsparadigma sein wird, das aber – angesichts der seitdem grundsätzlich gewandelten Gesellschaftsstrukturen – sicherlich nicht mehr die Form des alten Sozial- Korporatismus annehmen wird.“ (S. 250) Die politischen Ansichten von Andreas Reckwitz und Sahra Wagenknecht unterscheiden sich also nicht in der Analyse, aber in den Folgerungen. Während Wagenknechts Überlegungen zumindest ein Zurück zu einem gewerkschaftlich eingehegten Kapitalismus der Sozialpartnerschaft und letztlich der Sozialdemokratie nahelegen, sieht Reckwitz darin keinen Ausweg. Stattdessen schlägt er einen „einbettenden Liberalismus“ vor, in dessen Zentrum erstens wieder die „soziale Ordnungsbildung“ (S. 285) stehen sollte. Zweitens müsse es erneut darum gehen, die sozialen, aber auch die neuen kulturellen Fragen so zu regulieren, dass die Klassenunterschiede mit Blick auf Einkommen und Lebenschancen einander wieder angenähert würden. Und drittens ginge es darum, die „Dynamik der Globalisierung“ nicht zu eliminieren, sondern sie „in neu zu schaffende Rahmenbedingungen ein[zubetten].“ (S. 286) Als Ausblick werden dann noch einige Punkte benannt, die unbedingt einer Lösung zuzuführen wären: Die neue Gesellschaft müsste „jenseits des Meritokratismus“ (S. 293) funktionieren, hätte die „Stadt-Land-Differenz“ (S.295) aufzuheben, müsste die „Grundversorgung der Infrastruktur“ (S.296) garantieren und sich auf die „Suche nach Grundregeln“ (S.298), also nach universellen kulturellen Grundwerten machen. Das so umrissene Programm harrt seiner weiteren Bearbeitung und es ist dem Autor nicht vorzuwerfen, dass er es hier nicht erschöpfend im Sinne einer Strategie ausarbeitet, denn: „Wir wissen nicht, wie künftige Entwicklungen und Herausforderungen aussehen werden, können aber feststellen, dass sich gegenwärtig tatsächlich ein Dynamisierungsparadigma erschöpft hat und neue Formen der Regulierung die Antwort sein müssen.“ (S. 286)
Allen, die in diesem Sinne um Erkenntnisse bereichert werden oder an dem vorgeschlagenen Programm mitarbeiten wollen, sei das Buch wärmstens empfohlen. Alle anderen, denen der Autor mit seinen präzisen Analysen auf den ökologischen oder identitären Schlips tritt, sollten es auch lesen. Immerhin ist die Hoffnung, dass die neue Mittelklasse sich aus ihrer sozilogisch begrenzten Position zu einer die eigene soziale Stellung übergreifenden Einsicht durchringen kann, nicht ganz von der Hand zu weisen. Die neue Elite ist doch eine Bildungselite und als solche der Aufklärung vielleicht zugänglich. Andernfalls hätte ich mich in dem Buch auch nicht wiederfinden können.