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Kachelbads Erbe

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Los Angeles, Mitte der 1980er Jahre. Der deutsche Auswanderer H.G. Kachelbad friert für das kryonische Unternehmen Exit U.S. Menschen ein, die in ihrer Gegenwart nicht mehr leben können. Bald scharen sich ein abgehalftertes Schriftstellergenie, eine ukrainische Wissenschaftlerin, ein vietnamesischer Auftragskiller und andere skurrile Gestalten um Kachelbad. So unterschiedlich ihre Motivationen auch sind, alle »kalten Mieter« hegen die Hoffnung, eines Tages wieder auf getaut werden zu können.

Vom jüdischen Wien der Jahrhundertwende bis ins schwule New York der frühen 1980er Jahre nimmt uns Hendrik Otrembas zweiter Roman mit auf eine Reise in die Vergangenheit, um über die Zukunft nachzudenken. Kachelbads Erbe ist ein mitreißendes Gedankenspiel, ein Experiment mit Erzählinstanzen, ein sorgenvoller Blick in die Zukunft der menschlichen Zivilisation – und reflektiert zugleich die Möglichkeiten der Literatur, ins Jenseits zu reichen. Vor allem aber erzählt der Roman eine große Liebesgeschichte.

432 pages, Hardcover

Published August 5, 2019

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About the author

Hendrik Otremba

7 books8 followers
Hendrik Otremba wurde 1984 im Ruhrgebiet geboren und lebt heute in Berlin. Er ist Schriftsteller, bildender Künstler und Sänger der Gruppe Messer, außerdem arbeitet er als Dozent für kreatives Schreiben. 2017 erschien sein Debütroman Über uns der Schaum. Für die Arbeit an Kachelbads Erbe wurde Henrik Otremba 2018 durch das Arbeitsstipendium für Literatur des Berliner Senats gefördert.

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Displaying 1 - 7 of 7 reviews
Profile Image for Buchdoktor.
2,367 reviews190 followers
September 10, 2019
Ein Sprung in die 80er Jahre bedeutet für Leser von heute zunächst eine Umstellung. Figuren tippten damals ihre Texte geräuschvoll in Schreibmaschinen-Tastaturen; Strom und Telefon waren in den USA unzuverlässige Gesellen, die bei jedem mittleren Unwetter ausfallen konnten und es bis heute tun. In dieser Umgebung siedelt Hendrik Otremba seinen Roman um das Kryonik-Unternehmen Exit U. S. an. Das Einfrieren Verstorbener in flüssigem Stickstoff bei -196°C war zur Zeit der Handlung in Kalifornien legal; allerdings nicht das Drumherum mit gefälschten Totenscheinen. H. G. Kachelbad und sein koreanischer Chef Lee Won-Hong haben also gute Gründe, mit Leichentransporten zu ihrer Lagerhalle kein Aufsehen zu erregen. Sie können jedoch nicht vermeiden, dass sie erpressbar werden.

Der Roman setzt sich aus 7 großen Kapiteln zusammen; 5 davon sind Lebensläufe von Kunden, die sich bei Lee und Kachelbad einfrieren lassen, eins wird von der Assistentin Rosary aus der Ichperspektive erzählt, ein anderes berichtet durch einen personalen Erzähler über Kachelbad. Den beteiligten Figuren ist gemeinsam, dass sie sich bewusst unsichtbar machen und Leute mit dieser Begabung intuitiv erkennen können. Motive der „Kalten Mieter“, ihr Vermögen Exit U. S. zu überschreiben, sich mittels Sterbehilfe töten und dann einfrieren zu lassen, gibt es viele. Sie reichen von der Hoffnung, Jahre später von einer Krankheit geheilt zu werden, für die es in den 80ern noch keine Behandlungsmöglichkeiten gibt, bis zu dem Wunsch, auf einer anderen Zeitebene Menschen zu treffen, von denen man durch Krieg oder Emigration getrennt wurde. Die Ähnlichkeit zwischen dem Verschwinden durch Einfrieren und dem Unsichtbarwerden fand ich dabei höchst gelungen.

Als faszinierende Figur tritt Hô Thi Kim auf, der in Vietnam als Auftragskiller arbeitet, um mit dem Gewinn seine Hormonbehandlung zur Geschlechtsangleichung zu finanzieren. Bei seinen Taten ist Hô Van Kim ganz der Alte, im Privatleben ist sie Hô Thi Kim, die gefragt wird, wo ihr Bruder geblieben ist. Auch Hô kann sich unsichtbar machen, je nach dem Umfeld, indem er/sie gerade unterwegs ist. Julia aus der Ukraine will sich einfrieren lassen in der Hoffnung, dass ihre Strahlenerkrankung durch den Reaktorunfall in der Zukunft zu behandeln sein wird. Im Laufe der biografischen Kapitel stellt sich die Frage, wo im System Exit U. S. ein Schwachpunkt sein könnte; denn Kachelbad wirkt bereits sehr betagt. Dass die Kryonik damals von der Voraussetzung ausging, menschliches Personal würde immer unbeschränkt zur Verfügung stehen, können wir erst mit dem Wissen der Gegenwart als Denkfehler ausmachen. Ein Erdbeben in der Region Los Angeles wird Kachelbad & Co zeigen, wie verletzbar menschengemachte Systeme sein können.

Die Konstruktion um die Firma Exit U. S. herum und die Gefahr, die für das Projekt von nicht Vorhersehbarem und von menschlichen Schwächen ausgeht, fand ich ausgesprochen amüsant. Der Plot ist in Fragmenten angelegt, was nicht jedem gefallen wird, der beim Lesen die Verbindungen selbst herstellen muss. Dass ich als Leser praktisch zum Wissensstand der 80er zurück reisen muss, sorgt m. A. für einige Längen. Wir wissen heute von und über HIV, Otrembas Protagonisten dagegen wussten es noch nicht. Stilistisch wirkt der Roman nicht herausragend; in der Branche der „Kalten Mieter“ darf man offenbar nicht zu anspruchsvoll sein.
Profile Image for miss.mesmerized mesmerized.
1,405 reviews42 followers
October 4, 2019
Wer war H.G. Kachelbad? In den 1980ern tauchte er in Los Angeles auf, arbeitete offenbar im Bereich der Kryonik, aber so wie er aus dem Nichts plötzlich da war, ist er auch wieder verschwunden. Menschen erinnern sich an ihn und berichten von diesem. Die junge Rosary, die er in die USA holte, um bei den Suspensionen zu helfen, ein Liebhaber, der mit ihm den Ausbruch der Aids Epidemie erlebte, der Autor Shabbatz Krekov, dem ein zweites Leben geschenkt wurde. Alle glaubten sie an den Traum vom ewigen Leben dank der Kryonik. Doch ist die Zeit dafür schon gekommen?

Hendrik Otremba ist künstlerisch in vielen Bereichen unterwegs, ebenso sein Roman, der sich von verschiedenen Seiten her an seinen Protagonisten annähert, ohne ihn jedoch wirklich greifen zu können. Auch die Themen sind breit aufgestellt, von Zukunftssträumen der Technik über Medizin bis zu ganz persönlichen zwischenmenschlichen Aspekten und Ängsten touchiert der Roman die Bandbreite des Lebens.

„ich sehe, dass sich zeit meines Lebens nichts getan hat, nichts zum Guten gewandt hat, dass die Menschen wider besseres Wissen, trotz der Erfahrung, trotz der ganzen verdammten Geschichte, weiter und weiter auf den Abgrund zurast. (...)Es müsste etwas Drastisches passieren, dann vielleicht gäbe es noch eine Chance. Aber so? Gib es doch zu, Kachelbad, wir sind verloren.“

Krekov hat die Nazis in Europa gesehen, den Kalten Krieg und den Ausbruch von Aids. Er kann nur zu dem zitierten Urteil über die Menschheit kommen. Dies überschattet auch die Atmosphäre des Romans. Trotz des Fortschritts, das dem onimösen Chinesen gelungen ist, der mit seiner Firma Menschen für ein Leben in einer besseren Zeit konserviert, überlagert die düstere und fatale Stimmung alles. Die wenigsten der erzählenden Figuren waren in ihrem Leben bis dato vom Glück verfolgt, immerhin gibt das Zusammentreffen mit Kachelbad ihnen wieder ein Funken Hoffnung und seine Zuneigung, obwohl diese mit viel Reserviertheit wohldosiert ist, lässt sie am Leben festhalten.

Die Handlung ist schwer zu greifen, die achronologische und multiperspektivische Erzählweise stehen diesem zu sehr im Wege. Die Figurenzeichnung wiederum ist Otremba fantastisch gelungen, die Erzähler offenbaren sich in ihren Notizen, von Kachelbad werden ganz unterschiedliche Seiten aufgezeigt, eben genau jene, die die einzelnen von ihm zu sehen bekommen. Erzählerisch überzeugt mich der Autor, man versinkt direkt in der Geschichte und kann diese nicht mehr loslassen. In vielerlei Hinsicht ein beachtenswerter Roman.
Profile Image for Electric.
627 reviews1 follower
February 11, 2020
Formal recht ambitioniert, sprachlich schlicht. Durchaus mit emotionalen Höhepunkten v.a. in den einzelnen Geschichten der "Kalten Mieter", durchzogen von einer nebligen Melancholie, die manchmal in Lethargie umschlägt. Das Ende versickert leider ohne klare Richtung, was mich auch zur Frage bringt: wozu das Ganze? Diese Frage will Otremba nicht beantworten, dafür reicht mir dann aber das rein formale Erlebnis nicht als Ersatz. 3,5 Punkte.
Profile Image for Meike.
Author 1 book5,073 followers
April 14, 2025
Formal und ästhetisch ambitioniert: Verschiedene Textformen, Spiele mit Zeitebenen, Perspektivwechsel, Infodumps, etc. pp. - hier wird das große experimentelle Instrumentarium in Anschlag gebracht. Was fehlt ist der Punch, die Emotion, die die Ideen organisch in einem Erzählfluss verbindet. So scheint immer das Gerüst durch, und als Leser*in bewundert man die Ideen, kann das wenig immersive Buch aber nicht lieben.
Profile Image for Helena.
125 reviews
August 30, 2019
"Die Welt ist aus den Fugen"

Ich mag etwas schräge, geheimnisvolle und philosophische Geschichten und hier kam ich ganz auf meine Kosten.

Los Angeles, Anfang der 80er Jahre. Kachelbad, ein weit im Alter fortgeschrittener deutscher Einwanderer ist in einer Firma tätig, die Leute einfriert. Eine seiner Aufgaben ist es, das Leben derjenigen aufzuschreiben, die bald als "kalte Mieter" im "postmortalen Kälteschlaf" in einem der Stickstofftanks kopfüber aufbewahrt werden, in der Hoffnung, dass irgendwann die Wissenschaft einen Weg findet, sie wieder aufzuwecken. Es sind ganz unterschiedliche Menschen aus allen Teilen der Welt: Schriftsteller, Wissenschaftler, Verrückte, Heroinabhängige und Auftragskiller.
Als nun der Geschäftsführer der Firma überraschend verstirbt, muss Kachelbad die Alleinverantwortung übernehmen, Gelder für die Firma auftreiben und sogar die Folgen eines Erdbebens abfedern.

Der Roman beleuchtet verschiedene Zeitebenen und ist aus den verschiedensten Perspektiven erzählt, wobei sich je nach Protagonist der Schreibstil etwas ändert. Die meisten Figuren gelangen sehr eindrücklich, nur einige wenige überzeugten mich nicht so sehr. Kachelbad, Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte, wurde eigen und rätselhaft, aber sehr sympathisch, verantwortungsbewußt und einfühlsam den Menschen gegenüber gezeichnet.
Der Schreibstil ist sehr bildhaft, manchmal etwas zu geschwätzig. Die Geschichte fesselte mich dennoch sehr. Die Dramatik nahm stetig zu und immer wieder, besonders zum Ende hin, gab es sehr berührende Momente (Kachelbads Liebesgeschichte zu einem jungen Mann ist sehr schön erzählt). Gleichzeitig liest es sich schelmisch, humorvoll und satirisch. Mystische Elemente nehmen ebenfalls Raum ein. Trauminhalte, Gedanken und Wirklichkeit verschwimmen manchmal ineinander. Es wird auch nicht alles erklärt, einiges bleibt für den Leser geheimnisvoll und im Dunkeln.

Die Kryonik wird interessant und realistisch dargestellt und durchaus kritisch beleuchtet.
Die Geschichte ist eingebettet in einige Katastrophen der 80er Jahre, wie Tschernobyl, die Entdeckung des Aidsvirus und schwere Erdbeben. Jeder der Protagonisten hofft hier auf ein bessere Zukunft, aber es wird konstatiert, die Menschheit befinde sich "inmitten einer irreversiblen Katastrophe". Ethische Fragen werden diesbezüglich aufgeworfen, wie nutzt man Macht, wie nutzt man seine Gaben? Und natürlich auch Fragen nach dem Tod, dem Sterben und angesichts dessen auch die Frage nach der Wichtigkeit im Leben und was Bestand hat nach dem Tod. Einige der Protagonisten schreiben, so wird immer wieder über Sprache und das Schriftstellerdasein reflektiert.
Der Roman ist voller spannender Themen, hier wäre jedoch vielleicht weniger etwas mehr gewesen.

Fazit: Ein origineller, schräger, philosophischer und gesellschaftskritischer Roman, mit einer eher pessimistischen, düsteren Prognose für die Menschheit.
Profile Image for Christina Widmann.
Author 1 book12 followers
September 19, 2019
Langatmig, langweilig. Die ersten hundert Seiten nur vorgekaute Gedanken und Alpträume der scheinbaren Hauptfigur. Dann sehen wir sie nie wieder. Stattdessen ein paar einzelne Lebensgeschichten, auch sie überladen mit ausschweifenden Vergleichen. Ein dritter Abschnitt mit etwas Handlung. Ein vierter besteht aus Tagebucheinträgen. Hier erzählt Otremba eine Liebesgeschichte. Dann ein Gedicht und ein Epilog.
Ausführliche Rezension auf meinem Blog: https://nouw.com/cwidmann/hendrik-otr...
Displaying 1 - 7 of 7 reviews

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