So habe ich das Erwachsenwerden erlebt: Man verletzt die, die man liebt. Und die, die einen lieben sollten, tun es auf die falsche Weise oder gar nicht oder nicht mehr. - S. 51
Dieses schmale Büchlein ist wie ein Autounfall - und das ausnahmsweise nicht aus der Trashsparte der preisreduzierten Groschenromane. Eher ist es das Zeugnis eines schwer traumatisierten Menschen, der noch heute nicht alles Erlebte verarbeitet hat, und aus diesem Grund den ein oder anderen Leser enorm anekeln wird.
Nele Hoffmann schrieb mithilfe der Journalistin Manuela Ausserhoffer diese kurze Biographie, in der sie von ihrem sexuellem, psychischen und körperlichen Missbrauch geprägtes Leben berichtet. Vieles davon verübt durch ihren Vater, und das bereits im Kleinkindalter. Auf die rar gesäten schönen Seiten ihrer Kindheit oder ihres Lebens allgemein konzentriert sie sich kaum; eher kotzt sie alles aus, was sie über zwanzig Jahre ihres Lebens täglich verletzt und gedemütigt hat. Auf den ein oder anderen könnte es sogar wie Torture Porn wirken, wenn man nicht wüsste, dass die Betroffene selbst hier zu Wort kommt.
Allerdings ist es auch das, was diese Biografie so anders macht als viele andere: Sie beschönigt nichts, sie zeigt das gesamte Leid und entblößt das Trauma einer jungen Frau, die ihr Leben lang von den falschen Personen umgeben war und selbst nicht reflektiert und selbstbestimmt genug, um sich davon zu entfernen. Es fühlt sich regelrecht so an, als wäre es therapeutisch für Hoffmann, so offen und detailreich darüber schreiben zu können. Besonders hervorstechend ist dabei das Gefühl des Zwiespalts eines Kindes geschrieben, das seinen Vater über alles liebt und ihm gefallen will, zugleich aber im wachsenden Alter das Gefühl bekommt, es wäre daran etwas falsch. Da die meisten Opfer von Vergewaltigung von ihnen nahestehenden Personen missbraucht werden, nehmen auch nicht alle Opfer diese Taten als solche wahr. Wie auch Hoffmann aus der Liebe zu ihrem Vater immer wieder behauptet, er sei nie gewaltsam gewesen, nie gemein, sondern stets liebevoll. Diese Diskrepanz zwischen dem, wie eine Vergewaltigung auszusehen hat und wie komplex sie sich für ein Opfer anfühlen kann, ist daher wundervoll beschrieben und könnte den ein oder anderen aufklären, ebenso wie über die Angewohnheit, sich unbewusst als Erwachsener ebenso Personen zu suchen, die einen misshandeln.
Der Schreibstil ist recht schnörkellos, nüchtern und plump, ähnlich wie man sich das Tagebuch eines Teenagers vorstellen würde. Das lässt das Beschriebene umso grausamer wirken und den Leser teilweise wirklich das Gesicht verziehen, egal für wie abgehärtet man sich hält. Das zeigt noch sehr deutlich, wie tief die Betroffene sich durch ihr Trauma definiert und wenig abseits dessen in ihrem Leben kennenlernen durfte, was sie erfüllt und ausmacht. Für manch einen Leser vielleicht sogar zu viel, da in einigen Rezensionen der böse Vorwurf fiel, es handle sich hierbei um nichts Autobiografisches, sondern um reine Fetischliteratur für Menschen aus der tiefsten BDSM-Szene. Wahrscheinlich von Menschen, die selbst nicht zu dieser Szene gehören, da sie sonst wüssten, dass BDSM nichts mit Kinderpornografie oder nicht einvernehmlichen Geschlechtsverkehr zu tun hat. Wahr ist eben allerdings, dass es bis auf Grausamkeiten kaum etwas anderes zu lesen ist - wer sich also eine hoffnungsvolle oder wenigstens schön geschriebene Geschichte erwartet, wird bitter enttäuscht und vermutlich auch leicht brechen müssen.
Leider hat das Buch ein recht abruptes Ende und bietet einem kaum Überblick darüber, wie es mit Hoffmann weitergegangen ist und wie (und ob) sie diesen Teufelskreis jemals gebrochen hat. In einer Therapie ist sie leider laut eigener Aussage nicht. Aber wer weiß, vielleicht bietet dieses Buch einen ersten Schritt dazu.
Insgesamt ein recht schwer zu bewertendes Buch. Für die Perspektive eines Opfers, das sich lange Zeit nicht wie eines fühlte und ein Leben lang in ungesunden Beziehungen zu ihren Mitmenschen gefangen war, verdient dieses Buch auf jeden Fall Aufmerksamkeit. Unterstrichen durch die sehr grobe Wortwahl bleiben einem die gewalttätigen Szenen sehr im Gedächtnis und sorgen dafür, dass man kaum aufhören kann, diesem Unfall zu folgen. Wer allerdings mehr von der Geschichte einer Überlebenden braucht als die Beschreibungen dessen, was er überlebt hat, und auch einen Hoffnungschimmer am Horizont, der wird diesem Buch kaum etwas abgewinnen können. Literarischer und umfassender hätte es allerdings auch für hartgesottene und an der Psychologie des Themas interessierte Leser sein können.
Gesamtwertung: 3,5/5 Punkten