Die "Lyrische Novelle" von Annemarie Schwarzenbach kann ich schwierig mit Goodreads Sternenskala bewerten, weil ich sie ursprünglich nicht verstanden habe. Das Buch ist in meinen Händen gelandet, als ich irgendwo gehört habe, dass es ein Beispiel für deutschsprachige lesbische Literatur aus der Zeit der Weimarer Republik ist.
Mein Fehler war, dass ich ohne kulturhistorische Vorbereitung eingestiegen bin. Sofort hat mich das Geschlecht des Protagonisten verwirrt - allem Anschein nach ging es ja um einen Mann... oder? Ich habe gezielt angefangen, beim Lesen sämtliche Stellen zu markieren, an denen die Hauptperson, ihre Handlungen oder Aussehen beschrieben werden. Abgesehen davon, dass in den letzten Kapiteln von ihrer Beziehung mit Sybille als von einem Tabu gesprochen wird, hat der Erzähler zwar oft geweint, war dennoch ganz eindeutig ein Mann. Als Leserin des 21. Jahrhunderts konnte ich ihn nur als einen trans Mann interpretieren.
Trotzdem, da an einer Stelle die Hauptperson eine Frau als "einen verkleideten Mann" bezeichnet, hatte ich das Gefühl etwas zu verpassen. So las ich den Artikel "Inszenierungen von Geschlechtsidentitäten in der Lyrischen Novelle von Annemarie Schwarzenbach" von Karolina Rapp, veröffentlicht im Sammelband "Eros und Logos. Literarische Formen des sinnlichen Begehrens in der (deutschsprachigen) Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart" (Classen, Albrecht; Brylla, Wolfgang; Kotin, Andrey (Hrsg.)). Diese Lektüre kann ich auf jeden Fall empfehlen, denn sie schildert den kulturellen Kontext der 30-er Jahre und die Homoerotik der Novelle.
Dadurch wurde mir bewusst, dass der Titel des Werks - "Lyrische Novelle", darauf hindeutet, dass das Buch nicht wie Prosa, sondern wie Lyrik zu lesen ist.
All das gesagt, enthält "Lyrische Novelle" auch Elemente, die mir niemals gefallen könnten. Zum Einen bin ich milde gesagt kein Fan verwöhnter Kinder der Oberschicht, was der Protagonist eindeutig ist. Zum Anderen fällt es mir schwer nachzuvollziehen, wie ein Buch, das vollständig in Berlin spielt und ausschließlich weiße deutsche und schweizerische Personen darstellt, es geschafft hat, an mindestens zwei Stellen orientalistisch zu klingen. Dazu kommt natürlich die oben genannte Stelle, die aus meiner heutigen Perspektive transphobisch scheint.
"Lyrische Novelle" war zur Zeit ihrer Erscheinung sicher eine exklusive, befreiende Lektüre. Wie viele Werke aus der gleichen Epoche thematisiert sie eine große, wilde, verbotene Liebe, die die Hauptfigur hin zu depressiven Zuständen und Verzweiflung führt.