6/10 Konservativer Erziehungsratgeber, der teils eine erfrischende Perspektive hat(Nonverbale Erziehung, Verzicht, Distanz/Nähe) und teils irritiert (Rasse, Weißsein etc.)
Besonders Merkenswert: -Lob sollte natürlich eingesetzt werden: Überschwengliches Lob ohne Ansehen der konkreten Taten verzieht die Kinder und entwertet überdies das Lob. Wenn alles "suuupertoll gemacht" wurde, ist nichts mehr wirklich wertvoll. Doch ein "Du hast eine blaue Figur gezeichnet. Ich sehe auch eine Wolke. Und viel grüne Farbe" ist pädagogisches Distanzierungstheater ohne Fleisch und Blut
-Nonverbale Erziehung ist die höchste Kunst: Die Begriffe zu verschmähen und an ihre Stelle einen Blick, einen Druck der Hand oder ein zupackendes Herumdrehen des Kindes an den Schultern in die richtige Richtung und beim kleineren Störenfried auch ein Hochheben und Wegtragen, wenn Worte nichts ausrichten können - das ist nonverbale Erziehung
-Wilde Kräfte müssen erst einmal da sein dürfen, als Zuviel, als Grenzüberschreitung. Es muß im Leben eines, sagen wir zehnjährigen Kindes, manches passiert sein: Die Kinder müssen die Fensterscheibe zerschmissen und den Freund verkloppt haben oder ihrerseits Prügel bezogen haben, müssen erfahren haben, wie schnell aus Spaß Ernst geworden ist. ausgeschlossen worden sein aus der Clique, müssen jemand Geliebtem wehgetan haben gerade um lernen zu können, daß das nicht gut gewesen ist. (Raufen, Sich-Wehrun, Schleppen. Schuften, Kilometerzurücklegen, Frieren diese Erfahrungen sind alle mit Zorn und Überwindungslust verbunden)
Merkenswert: -Später faßt dies Theodor Wilhelm in ein schönes Bild: "Die Farben der Selbsttätigkeit, des Sichausle bens, des Wachstums und des Schöpferischen müs. sen durch andere Pinselstriche wie Stillehalten, Geführtwerden, Sichanstrengen, Aufgabenmeistern usw. bereichert werden. Die Eigenwelt des Kindes wird durch diese Erweiterung nicht gesprengt, sondern erst eigentlich vollendet. Das gilt nicht zuletzt auch für das Verhältnis Erzieher-Schüler. Das Kind erwartet nicht, daß der Erwachsene sein eigenes Gesicht aufgibt und sich zum Kameraden des Kindes verniedlicht."
-Zuerst erscheint ein Paradox: Freiheit und niemanden zwingen, den man für frei hält, und deszwingt man ihn, ist er unfrei. Aber Freiheit ist nicht ohne Zwang möglich, denn wäre sie total, würde sie sich selbst aufheben, sagt Kant - sie hätte dann einfach keine Grenze mehr
-Kant findet eine geniale Lösung: Verzeitlichung. Ein Paradox kann man auflösen, wenn man die beiden unvereinbaren Teile in einem zeitlichen Nach-einander anordnet. Zuerst das eine, dann das andere. In diesem Falle: Das kleine Kind muß gerade des-halb diszipliniert, gegängelt und geführt werden, um später frei sein zu können.
-Er muß früh den unvermeidlichen Widerstand der Gesellschaft fühlen, um die Schwierigkeit, sich selbst zu erhalten, zu entbehren, und zu erwerben, um unabhängig zu sein, kennen lernen.
-Ich für meinen Teil erziehe mein Kind nicht nur höchstpersönlich, sondern darüber hinaus auch kon-sequent situativ bezogen. Eine Situation erfordert Au-torität, eine andere, vielleicht nur ein paar Sekunden später, das Gegenteil. Das kann so weit gehen, daß ich sogar in ein und demselben Moment zugleich autori-tär und antiautoritär bin. Ich mache beispielsweise oft mit dem Kind ausgiebigen Schabernack, aber baue in diesen Schabernack zugleich deutliche Signale der Strenge ein. Nehme für mich in Anspruch, daß auch das eine Art von Führung ist<«, schrieb ein Vater in ei-nem Kommentar auf Sezession im Netz. Ein anderer Vater kommentierte:
-Gehorchenkönnen ist die für Führung notwendige Richtung nach oben, ins Geistige hinein. Doch es gibt auch eine genauso notwendige Richtung nach unten, ins Leibliche hinein. Ich bin der felsenfesten Über-zeugung, daß nur gut gekuschelte Kinder überhaupt führbar und empfänglich für erwachsene Ordnungs-impulse sind. Sie lesen richtig - kuscheln muß man sie: festhalten, tragen, streicheln, berühren, umarmen, umhüllen.
-Ein respektloses Kind ist deshalb respektlos, schreibt sie in Kinder sind anders (1936), weil es keinem ehrfurchtgebietenden Erwachsenen gegenübersteht, nicht, weil es gern so frei sein will. Es vermißt schmerzlich die gebotene Distanz
-Führen ohne viele Worte Steiner, Montessori und Petersen hielten alle drei große Stücke auf das, was die anthroposophische Kinderärztin Michaela Glöckler "nonverbale Erziehung" nennt. "Die Belehrung durch das Wort spielt daher bei uns keine überragende Rolle": Verständnis, das weniger auf intellektueller Klarheit ruht, als erlebt und gefühlt wird ohne Worte, eben darum Begriffe verschmäht und an ihre Stelle den Blick des Auges, den Druck einer Hand vor allem die stets bereite Tat der Hilfe und des Beistandes setzt.
-Vergessen Sie übrigens alle Kinderbücher über »Unsere Religionen", in denen christliche, jüdische, hinduistische und mohammedanische Kinder ihre bunte Welt ausbreiten. Es geht darum, das eine eigene Volk und die eine eigene Religion lieben zu lehren. Kinder können daraus erst die Fähigkeit entwickeln, die fremden Glaubensformen zu achten. Andere Religionen kennenzulernen, und zwar als Religionen, nicht als Kuriositätenkabinette, ist nur auf dem gesicherten Boden einer gelebten eigenen möglich.
-Meinethalben ist der berühmte Satz von Maria Montessori >>Hilf mir, es selbst zu tun!<< geeignet: Als Mutter schaue ich mein Kind unter dieser Maßgabe an, halte mich zu-rück beim Bemuttern und Bedienen und überlege, ob meine Hilfe dem Kind wirklich hilft und welche Art Erwachsener ich sein will. So eine zweite Ebene, eine Beobachtung zweiter Ordnung, ist eben nicht ver-wechselbar mit den Blicken der anderen. Ich denke mir also nicht: "Was würden die Nachbarn denken?"
-Wem etwas versagt worden ist, der kann sich später selbst etwas versagen, und wer sich selbst etwas ver-sagen kann, der kann seinen Kindern etwas versagen.
-Bei Kleinkindern kann man mit einem Test, der sogenannten "Fremden Situation", die Bindungsqualität bzw. das Bindungsmuster ermitteln. Ein spielendes Kleinkind wird kurz von der Mutter verlassen, sie geht aus dem Zimmer. Sicher gebundene Kinder bemerken den Verlust, weinen und hören auf zu spielen. Kehrt die Mutter zurück, begrüßt das Kind sie freudig und beginnt unverzüglich wieder zu spielen - der sichere Anker in der Welt ist wieder da.
-->>Unsicher-vermeidend<< oder >>ambivalent<< gebundene Kinder, wie sie von Bindungsforschern beschrieben werden, reagieren auf den zeitweiligen Verlust völlig anders: Für die einen bricht die Welt zusammen, sie sind kaum mehr zu beruhigen, auch wenn die Mutter wiederkommt -der Verzicht ist kein relativer Verzicht, sondern ein absoluter. Die anderen spielen ungerührt weiter, bemerken kaum den Verlust der Mutter. Kehrt sie zu-rück, vermeidet das Kind Blick- und Körperkontakt und bleibt den Spielsachen zugewandt. Bei solchen Kindern kommt es überhaupt nicht zu einem Verzichtsmoment - daß sie sich nicht auf die Mutter verlassen können, ist für sie bereits geronnene Lebens-erfahrung
-der wichtige Zusammenhang: Es ist überhaupt askesefähig, weil es sicher gebunden ist.
-Die Manipulation in Kita, Schule und Medien sen-det heute die genau entgegengesetzten Botschaften aus wie in den 80er Jahren. Die Kinder werden nicht in Pessimismus, sondern in Optimismus eingelullt. Heute wird wieder >>heile Welt<< gespielt, aber auf ei ner anderen Ebene: das bunte und vielfältige, offene und tolerante Miteinander, Liebe gegen Haß, "Tanz die Toleranz", Regenbögen gegen Dunkeldeutschland und Singen mit Flüchtlingen. Die "Bösen" Hauptzutat jeder Manipulation - sind nicht mehr die Kapitalisten, die Fabrikbesitzer und die waffenverkaufenden Amerikaner, sondern die "Nazis", die Dunkeldeutschen und die "Populisten" (darunter immer noch ein Amerikaner).
-Ansonsten reagiere man auf all die propagandistischen Zumutungen genauso wie das Mädchen, das beharrlich nach der AfD fragte, oder ein Gleichaltriger, der sich darüber wunderte, warum in der Werbung für die neue »Nintendo-Switch<-Konsole immer der schwarze Junge oder das braune Mädchen das Spiel gewinnen und nie der weiße Junge. Immer interessiert nachfragen, die Toleranten auf ihre Intoleranz hinweisen. Und vorsichtig sein. Diese Lektion ist die härteste für aufrichtige Eltern: dem Kind klar-machen zu müssen, wann es sich politisch in Schwierigkeiten bringt und wann es mutig sein kann. Der Erfahrungsvorsprung der Eltern kann hier sehr nötig sein: Lebensklugheit besteht darin, zu wissen, wann die Wahrheit angebracht und wann sie zu äußern töricht ist. Désinvolture bedeutet: Takt.
Resilienz -Hier kommt die Resilienzforschung zu Erkenntnissen, die sich geradezu erheiternd mit denen decken, die ich in diesem Buch umkreise. Es sind dies:
-Eltern und ältere Geschwister zu haben, die Bildung für einen Selbstzweck halten und viel vorlesen
-Eltern zu haben, die in Gemeinschaften leben und in ihnen mittun
-ihnen nahe Großeltern zu haben
-selber in eigene Gemeinschaften eingebunden zu sein
-resiliente Kinder haben ihre Impulse eher unter Kontrolle als nicht resiliente Kinder und sind disziplinierter, sie sind eher in der Lage zum Belohnungsaufschub als nichtresiliente Kinder
-sie sind leichter zu lenken und versuchen, den Er-wartungen Erwachsener gerecht zu werden
-sie sind nicht zäh im Sinne des stummen Schluk-kens von Unglück, sondern imstande, darüber zu sprechen, sich Hilfe zu holen und sich anderen zu-zuwenden
-sie sind selten in Ein-Eltern-Familien zu finden
-Kirchgang und gelebte Religiosität sind ganz große Resilienzfaktoren
-überbehütete, privilegierte Mittelschichtskinder sind seltener resilient
-geringerer Wohlstand (nicht bittere Armut) trägt zu Resilienz positiv bei
-Meine Schwester erzählte mir, sie verstehe wie jeder Deutschmuttersprachler den Begriff »Demut", nur verbinde sie damit nichts. Mir ging es mit "Mut" und "Sünde" ähnlich, mit "Maßhalten" und mit "Manipulation". Ich verstand diese Wörter kognitiv, aber nicht existentiell. Erst durch eigene, jedesmal durch-aus schmerzvolle Erfahrung, brannte sich mir die Bedeutung ein. Etwas passierte mir, und ich bezog die-ses Wort auf diese einzelne Erfahrung. Das ist eine Wirkung des Geistigen. Etwas Allgemeines rührt an mir, wird konkret, inkarniert sich und: bleibt. Fortan kann ich davon zehren, mich erinnern, es ist mehr als ein Wissen. Dieses Erlebnis hat mich durchdrungen.
-Nicht der Lehrer oder die lästige Mutter verteilen portionierte Aufgaben und überwachen ihre Erledigung, sondern eine Sache selbst fordert Engagement. Anstrengungsbereitschaft entwickelt sich, wenn Kinder die "nützliche Erfahrung, nützlich zu sein"
Dies ist das zweite Buch dieser Verfasserin, das ich gelesen habe. Wie der Titel vermuten lässt, geht es fast ausschließlich um Erziehung. Der Inhalt selbst ist in 10 Grundsätze gegliedert, aber das Buch wirkt sehr einheitlich, fast so, als wäre diese Einteilung nachträglich hinzugefügt worden. Jeder Grundsatz ist in sich interessant und sehr offensichtlich wichtig, aber ich fand, daß von aller Kapiteln die Einführung (fast) am interessantesten war.
Die konkreten Beispiele, Erfahrungen, und Vorschläge der Verfasserin waren, zumindest für mich, am nützlichsten. Die Verfasserin legt sehr viel Wert auf Rudolf Steiner und Kollegen und ich bleibe noch etwas misstrauisch und vorsichtig bzgl. solcher Leute (nach dem Kennenlernen einiger Waldorfschullehrer ist es mir kaum zu verstehen, daß man seine Kinder zu so einer Schule schicken würde). Sie hat auch die Angewohnheit ein bißchen zu tief in ihrer eigenen Philisophinsein zu stecken. Ich verstehe, daß das ihr Hintergrund ist, aber manchmal hatte ich das Gfühl, daß etwas zu viel von Steiner, Herder und Montesorri zu finden war. Viel besser wäre mehr konkrete Gedanken, Vorschläge und Beispiele - aber wenn sie diese gab, waren sie überwiegend äußerst wertvoll.
Alles in allem ist dieses Buch für neue und werdende Eltern sehr zu empfehlen.
Nach all den leicht und schnell durchgelesenen Büchern zum Thema Kindererziehung, die ich in der letzten Zeit in den Händen hielt, war dieses Buch grundsätzlich anders. Dieses Buch gibt Anregungen zum Nachdenken, liefert tiefe philosophische Einblicke und es fällt alles in seinen Platz: wie es Maria Montessori, J. H. Pestalozzi oder Jesper Juul gemeint haben, wie es unsere Eltern (falls gläubig und konservativ, ja rechts orientiert) gemeint haben, wie erzieht man sein(e) Kind(er), wenn man keinen leichten Weg gehen will... Ganz viele "aha" Momente, ganz viel Ermutigung nicht nachzugeben, Anregung zum Nachdenken über eigene Prinzipien, viele Tipps zur konservativen Erziehung in modernen Zeiten... Die Autorin schreibt für Sezzesion im Netz, wo schon im Schild steht, dass da nicht in die Breite gegriffen wird, sondern in die Spitze. Es ist ein äußerst gut argumentierter Gegenpol zur überwiegenden linken Pädagogik und zum liberalen Gesellschaftsklima.