Sie kannten die Plätze, Kaiser und Pagoden aus den Nachrichten. Aber sie wollten alles sehen, hören und schmecken. Deshalb stehen sie nach einem langen Flug in Kirthan, vor ihnen der Reiseleiter, der Welterklärer. Er heißt Nime, ein junger Mann mit einer Stimme wie ein Märchenerzähler. Er wird ihnen den Tempel der ewigen Freundlichkeit zeigen, die schnurgeraden Prachtstraßen und das asiatische Essen. Doch plötzlich ist Nime nicht mehr da. Und es stellt sich die Frage nach seinem Verschwinden und der Wahrheit hinter dem, was ihre Blicke erfassen.
»Alles was Sie sehen ist neu« kommt im Gewand des romantischen Reiseromans daher und zeigt die Begegnung mit dem Leben unter totalitärer Herrschaft, wie es westliche Reisende nicht erwarten.
ETA: [Dieses Buch haben wir auch im Papierstau Podcast besprochen (Folge 107: Augen auf)] /ETA
Ein Buch, das so ganz anders war, als ich es erwartet hatte - was in diesem Fall aber nicht schlecht war. Zunächst war ich davon ausgegangen, dass das fiktive Land Kirthan, in dem diese Geschichte spielt, an Nordkorea angelehnt ist - tatsächlich stellte sich aber ziemlich schnell heraus, dass hier von einem "verkleideten China" die Rede ist. Außerdem dachte ich, dass die westliche Reisegruppe, die dieses Land erkundet, im Mittelpunkt des Geschehens steht - tatsächlich ist es aber der geheimnisvolle Reiseleiter Nime, anhand dessen Biographie der Weg Kirthans von einer eher dörflich geprägten Nation zu einem Handelspartner des Westens erzählt wird.
Nichtsdestotrotz beginnt die Geschichte mit den Touristen, geschildert von einer Frau, die jährlich große Urlaubsreisen mit ihrem alten Vater unternimmt. In Kirthan gibt es viel zu sehen, und Nime führt die bunt zusammen gewürfelte Gruppe an Orte, die sowohl traditionell als auch modern sind ("Alles, was Sie sehen, ist neu"). Die anderen Touris kommen nur am Rande vor, werden teilweise - wie die Erzählerin - nicht mal namentlich vorgestellt, doch Annette Pehnt verleiht ihnen mit geschickt gesetzten Charakterzügen und Beschreibungen genug Kontur. Der Westen erkundet also Kirthan, oder zumindest den Teil des Landes, den die Touristen sehen sollen. Nime hält die Gruppe nicht nur zusammen und liefert Informationen, er ist auch ein echter "Kümmerer", löst kleine und große Probleme, hat immer ein Lächeln parat und wenn er erst anfängt zu erzählen...
Dann, nach etwas einem Drittel, verlassen wir die Gruppe und die Gegenwart. Nun wird in mehreren Kapiteln die Geschichte von Nime erzählt, und zwar immer aus wechselnden Perspektiven (die ihm mal näher, mal ferner sind) und verschiedenen Zeiten. Das gibt nicht nur weitere spannende Einblicke in das Leben des enigmatischen Mannes, sondern auch in die Geschichte, die dem Aufschwung Kirthans zugrunde liegt. Ob Landflucht der "jungen Leute", die Zersplitterung von familiären Strukturen oder die Umsiedlung alter Dörfer für Bauprojekte ("Alles, was Sie sehen, ist neu"), die "schöne neue Welt" in Kirthan hat so einige Schattenseiten.
Eine interessante, spannende China-Parabel, schön geschrieben und klug konstruiert - leider hat mir am Ende dann doch irgendwas gefehlt, eine alles zusammen fassende Folgerung, ein noch stärkerer Zusammenhalt der Einzelteile. So verhält sich das Buch wie eine von Nimes Geschichten: Sie hört einfach so auf, und auf Nachfragen gibt es nur ein höfliches Lächeln.
Den Anfang vom Buch fand ich noch nicht so spannend dann hat es mich im Mittelteil sehr interessiert und das Ende hat mich ein bisschen unbefriedigt zurück gelassen.
Im ersten Abschnitt geht es um eine Erzählerin, die mit ihrem Vater und einer Reisegruppe Urlaub in Kirthan macht. Von den Beschreibungen ähnelt das Land China. Im nächsten Abschnitt war ich dann irritiert, da es scheinbar um ganz andere Personen und eine andere Zeiten geht. Eine bestimmte Person zieht sich durch alle Abschnitte durch. Manchmal kennt die Erzählerin / der Erzähler diese Person nur kurz und manchmal gehört diejenige/derjenige zum engeren Bekannten- oder Familienkreis. Man lernt den Protagonisten der Geschichte nur aus Erzählungen von anderen Menschen kennen. Eine interessante Erzählweise aber manchmal hätte ich mir mehr Details gewünscht.
Anfangs denkt man noch, dass dieser Roman von einer deutschen Reisegruppe handelt, die eine Kulturreise nach Asien (genauer: dem fiktiven Ort Kirthan) mit ihrem Reiseleiter, Nime, unternimmt. Denn die Autorin nimmt sich das erste Drittel des Romans viel Zeit die ersten beiden Reisetage der Gruppe ausführlich zu schildern. Dafür wählt sie als Erzählerin eine Frau aus der Gruppe, die gemeinsam mit ihrem Vater diese Reise unternimmt. Und kurz bevor der Wechsel der Erzählstimme stattfindet, scheinen Vater und Tochter diesen Wechsel nicht nur anzukündigen, sondern ebenso dessen Wirkung auf den Leser treffend zusammenzufassen: „Kirthan: undurchdringlich, wir werden es nicht begreifen.“ Denn die nächsten Kapitel bestehen aus 8 wechselnden Stimmen, die sieben verschiedene Handlungszeitpunkte über 29 Jahre hinweg abdecken. Und zwischendurch fragt man sich immer wieder, ob wir Leser "einen Erzähler (...) brauchen, (da wir) sonst (...) nichts verstehen“. Es wird einem zwar irgendwann klar, dass es eigentlich um den Reiseleiter der Gruppe, NIME, geht aber die Seiten ziiiiiehen sich enorm (trotz gutem Schreibstil) und am Ende frage ich mich, was mir die Autorin jetzt eigentlich mit der Geschichte sagen wollte...