Frauenkörper sind anders als Männerkörper. Kein Wunder, dass sie entsprechend oft andere Krankheiten (z.B. Rheuma oder Osteoporose) entwickeln als Männer. Aber selbst bei gleicher Krankheit sind Risikofaktoren, Symptome und das Ansprechen auf Medikamente nicht immer identisch. Warum ist das so? Welche medizinischen Unterschiede lassen sich eindeutig belegen? Die renommierten Autorinnen erklären anschaulich, warum eine geschlechtersensible Medizin vor allem für Frauen lebenswichtig sein kann. Diese relativ neue Fachdisziplin "Gendermedizin" stellt schon jetzt das bisherige Vorgehen und Denken der Schulmedizin infrage. Damit Prävention wirken kann und Diagnostik sowie Therapie tatsächlich gesund machen, müssen biologische Unterschiede, aber auch Lebensphasen und Lebenswirklichkeiten beider Geschlechter, mitgedacht und einbezogen werden. Bislang orientieren sich aber Medizin und Forschung vor allem am männlichen Patienten. Deshalb sind Frauen bis heute oft nicht angemessen oder sogar falsch behandelt worden. Damit Frauen das Wissen der Gendermedizin aktiv einfordern und praktisch nutzen können, geben die beiden Autorinnen mit diesem Buch erstmals praktische Tipps und Informationen.
Ein paar spannende Fakten mit dabei, aber einfach super binär und essenzialistisch und die Praxis"tipps" wiederholen. sich. immer. wieder. Das gleiche Buch hätte auch in 100 Seiten gefasst werden können.
Ich war heute zufällig auf dieses Buch gestoßen und fand, dass es sehr interessant klang, weshalb ich mir direkt das Sample der Kindle Edition auf Amazon durchgelesen habe. Dabei sind mir jedoch zwei Dinge aufgefallen, die mich etwas stutzig gemacht haben:
Zum einen war das der folgende Abschnitt:
"Höhere embryonale Testosteronspiegel fördern außerdem die männliche Gehirnentwicklung und stehen möglicherweise im Zusammenhang mit dem späteren Verhalten von Jungen und Männern. Hohes Testosteron führt demnach zu weniger kommunikativen und sozialen Persönlichkeitsmerkmalen, manchmal sogar zu autistischen Zügen und einem risikofreudigen Verhalten - getestet wurde unter anderem die finanzielle Risikobereitschaft. Beim weiblichen Embryo bewirkt der niedrige Testosteron- und der gleichzeitig höhere Östrogenspiegel eine etwas andere Gehirnentwicklung. Nachgewiesen wurden etwa der größere Wortschatz von Mädchen und ihr Einfühlungsvermögen, beides offenbar Folgen der niedrigeren Testosteronkonzentration im Mutterleib."
Aus entwicklungspsychologischer Sicht sträuben sich da bei mir schon die einen oder anderen Härchen. Dafür, dass der Rest des Samples sich fast vollständig auf die Thematik der Epigenetik und des Zusammenspiels aus Anlage und Umwelt konzentriert, finde ich das doch eine fachlich erschreckend ungenaue und pauschalisierende Aussage.
Während die Hormonkonzentration sowohl im Mutterleib als auch im späteren Leben sicherlich einen Einfluss auf diese unterschiedlichen Eigenschaften und ihre jeweilige Ausprägung hat, wird hier der Einfluss der Umwelt vollkommen außer acht gelassen und insbesondere der letzte Satz erweckt den Anschein, dass es hier überhaupt keinen Umwelteinfluss gäbe. Tatsächlich muss man aber auch beachten, dass Persönlichkeitsunterschiede auch durch die Sozialisation und das Umfeld, in dem Kinder aufwachsen, zustande kommen - und dazu gehören auch die traditionellen Geschlechterrollen und -stereotypen, die immer noch in unserer Gesellschaft verankert sind. Haben Mädchen tatsächlich rein biologisch bedingt ein höheres Einfühlungsvermögen als Jungen oder entwickeln sie dieses dadurch, dass sie entsprechend erzogen werden, da man diese Eigenschaft besonders von Mädchen erwartet? Sind Jungen tatsächlich rein biologisch bedingt weniger sozial als Mädchen oder liegt es daran, dass sie dementsprechend erzogen werden - oder eben gerade nicht - da man derartiges Verhalten von Jungen eher erwartet ("boys will be boys")? Auch Unterschiede im Wortschatz oder (die hier nicht erwähnten, aber thematisch verwandten) Unterschiede bei mathematischen Leistungen, also Unterschiede im Hinblick auf schulische Fähigkeiten und Leistungen, können ein (Teil-)Produkt der Umwelt sein - beispielsweise dadurch, dass Lehrer*innen aufgrund von Geschlechterstereotypen gewisse Erwartungen bezüglich der Leistungen ihrer Schüler*innen in unterschiedlichen Fächern haben und sie dementsprechend - bewusst oder unbewusst - in den jeweiligen Fächern mehr oder weniger fördern und ermutigen.
Vielleicht sehe ich das hier alles etwas zu pingelig, und bei Büchern mit einem anderen Kernthema könnte man da vielleicht auch dadrüber hinweg sehen, aber in einem feministisch-orientierten Buch zum Thema Gendermedizin dürften gerade solche Ungenauigkeiten eigentlich nicht drin stehen, insbesondere wenn in dem Buch selbst das Zusammenspiel zwischen biologischen und psychosozialen Ursachen eigentlich sehr hervorgehoben wird.
Die andere Sache, die mich stutzig gemacht hat, war diese Aussage hier:
Transsexuell bedeutet etwas anderes [als Intersexualität], nämlich wenn jemand das eigene Geschlecht ablehnt. Die Gene sind hierbei eindeutig, die körperlichen Merkmale auch, aber die betroffene Person fühlt sich - anders als bei Transgender-Menschen - dauerhaft dem anderen Geschlecht zugehörig.
Offenbar ist die Autorin sehr schlecht über die Thematik und überhaupt die Definition von Transgender informiert, was ich bei einem Buch über geschlechtliche Unterschiede in der Medizin für ziemlich fragwürdig halte. Ich weiß natürlich nicht, ob und wie im Verlauf des Buches überhaupt auf medizinische Besonderheiten bei Trans-Personen (also beispielsweise durch Hormontherapien) eingegangen wird, aber ich finde, dass man zumindest über ein gewisses Grundwissen über Trans-Themen verfügen sollte, wenn man ein Buch mit dem Titel "Gendermedizin" schreibt und veröffentlicht.
Abschließend kann ich nur sagen, dass ich sehr froh bin, mir erstmal das Sample durchgelesen zu haben, bevor ich mir dieses Buch tatsächlich gekauft hätte. Wenn ich es mir mal irgendwo umsonst ausleihen kann, würde ich es vermutlich lesen, um zu sehen, ob im Rest des Buches noch weitere solcher Fragwürdigkeiten zu finden sind oder ob es einfach nur zwei unglückliche Ausrutscher im ersten Kapitel sind, aber mein erster Eindruck basierend auf dem Amazon Sample war hier leider sehr enttäuschend.
Gendermedizin: Warum Frauen eine andere Medizin brauchen ist ein relativ dünnes Buch mit sehr viel Inhalt. Mir war eine der beiden Autorinnen Prof. Dr. med. Dr. h.c. Vera Regitz-Zagrosek bereits aus Dokumentationen und Zeitungsartikeln bekannt. Sie ist eine Pionierin in Sachen Geschlechtermedizin. Da sie und ihr Forschungsgebiet bereits bekannt war, wusste ich auch grob welches große Problem es ist dass die meisten Kenntnisse der Medizin auf dem männlichen Körper beruhen. Beziehungsweise nur die männlichen Symptome & Co gelehrt werden. In diesem Buch wird aber nicht nur theoretisches Wissen leicht verständlich erklärt, sondern es gibt auch einige praktische Tipps wie man sich selber helfen kann. Es ist auch für Medizin-Neulinge verständlich, ohne zu sehr zu vereinfachen und liest sich nicht staub trocken. Insgesamt kann ich das Buch einfach nur uneingeschränkt empfehlen. Folgende Themen werden angesprochen: Was ist Gendermedizin, biologische Unterschiede von Frauen & Männern, psychosoziale Unterschiede, Präventionsmaßnahmen, Frauen & Medikamente, Was Frauen wissen müssen, wenn sie krank sind