Warum kommen viele Botschaften nicht an oder werden missverstanden? Wie führen wir Gespräche klar und mitfühlend, aber ohne Selbstzensur und falsche Rücksichtnahme? Welche Rolle spielt die Persönlichkeitsentwicklung in der Kommunikation?
Fischers Buch reflektiert zwei Jahrzehnte Praxiserfahrung mit der Gewaltfreien Kommunikation. Dabei zeigt es nicht nur die Schattenseiten und Missverständnisse von Rosenbergs Ansatz auf. Vielmehr liefert es einen auf nachhaltiger Persönlichkeitsentwicklung basierenden Ansatz einer neuen Gewaltfreien Kommunikation – ohne Selbstzensur und Dogmatik.
Es beleuchtet die Abgründe des Kommunikationstheaters und zeigt Möglichkeiten, wie sich gelingende Beziehungen in Berufs- und Privatleben gestalten lassen.
Ein lesenswertes Buch – für Kenner und Einsteiger der Gewaltfreien Kommunikation und alle, die Selbstreflexion und innere Entwicklung anstreben.
Ausgesucht habe ich dieses Buch einerseits als Empfehlung, andererseits, weil ich mich für Gewaltfreie Kommunikation (GFK) und Ich-Entwicklung interessiere, und beide Themen in diesem Werk berührt werden.
Leider ist die Geburtsstunde dieses Buches in der Irritation des Autors mit den Ich-Entwicklingsstufen begründet, die er über Spiral Dynamics (Don Beck) kennengelernt hat. Die Irritation zeigt sich in der Ausgestaltung der "Neuen Gewaltfreien Kommunikation" sehr deutlich, da der Autor sich selbst maximal auf der Entwicklungsstufe E6 (Gewissenhafte / Eigenbestimmte, aber noch konventionelle, Stufe) befindet, er auf dieser aber leider weder den Kern der Gewaltfreien Kommunikation begreifen, noch Ich-Entwicklung ausreichend verstehen kann. Zudem vermutet er sich selbst auf E9 (integral), was aber ein klarer Fehlschluss ist, da er alle postkonventionellen Stufen (E7+) fehlinterpretiert. Dass der Autor schon seit Jahrzehnten Trainer für Gewaltfreie Kommunikation ist, machte dieses Buch daher für mich zu einer Art Unfall – ich möchte wegsehen, kann es aber nicht.
Wie für E5-E6 üblich, beurteilt der Autor alles in einem sehr binären Weltbild, verteidigt dies hartnäckig und hält es außerdem für ein umfängliches Naturgesetz. So nimmt er die Kritik von Ken Wilber an E7 (Individualistische / Relativierende Stufe) als allumfassende Beschreibung dieser Stufe an. Wilber kritisiert, dass zu viel Verständnis für andere auf E7 zu einer großen Gleichmacherei von Positionen führt – was der Autor vorbehaltlos übernimmt. Dabei versteht er leider nicht, dass auf dieser Stufe erstmalig vollumfängliche und vorurteilsfreie Perspektivenübernahmen möglich sind, was den Kern der Gewaltfreien Kommunikation darstellt. Tragisch, dass er uns da verklickert, dass nicht-Urteilen nicht geht. Zudem erklärt er uns, warum die Gewaltfreie Kommunikation in ihrer alten Form "nicht funktioniert" und falsch verstanden würde. Dabei hält er die weit verbreitete Harmoniesucht in vielerlei Gruppierungen, in der GFK schief läuft, fälschlicherweise für die Ausprägung einer E7-Entwicklungsstufe, obwohl er dort eine konformistische E4-Einstellung beschreibt.
Der Autor basiert also seine Beobachtungen teilweise auf fehlinterpretierte Annahmen, die ihn zu ebenfalls verdrehten Aussagen führen. Er negiert infolgedessen, dass alle Menschen gleichen Wert haben – er hält kompetentere Menschen für wertvoller und hält eine kompetenzbasierte Hierarchie für uneingeschränkt sinnvoll. Auch dass Menschen prinzipiell immer die Beste für sie mögliche Entscheidung treffen, glaubt er nicht. Die sind halt faul oder nicht mutig genug, könnten sich aber trotzdem anders entscheiden? Kein Wunder, handelt es sich auch um eine Erkenntnis, die sich den meisten Menschen erst auf E8 (Systemische Stufe) erschließt, wenn sich ebenfalls herausstellt, dass wir als Systeme in Systemen und vor allem ohne freien Willen operieren. Nicht ohne Willen, aber dieser ist im Rahmen unserer jeweiligen Möglichkeiten eben keinesfalls frei. Das beispielsweise "widerlegt" der Autor mit dem Argument, dass er sich einen Determinismus nicht vorstellen kann – obwohl Determinismus nichts damit zu tun hat, dass wir uns immer nach besten Möglichkeiten entscheiden, denn wir sind Bewohner einer nicht-deterministischen Welt, soviel weiß die Physik heutzutage.
Dieses Buch war für mich trotzdem nicht ohne Erkenntnisgewinn. Ein paar Beschreibungen aus der Gewaltfreien Kommunikation fand ich ganz treffend, und mir wurde wieder einmal klar, dass die Ich-Entwicklungsmodelle immer mit Vorsicht zu genießen sind, weil man eben leider die Stufen, die man noch nicht erklommen hat, nur in sein aktuelles Mindset einordnen – und logischerweise die Denkarchitektur von höheren Stufen nicht verstehen – kann. Außerdem habe ich gelernt, dass man jedes beliebige Thema aus der Perspektive der Ich-Entwicklung kritisieren kann, und damit recht wenig zu dem eigentlichen Thema schreiben muss, weil man ja auch die Ich-Entwicklung wieder und wieder erklären muss.
Als Lesetipps, wenn man die Themen und dieses Buch für sich einordnen will:
- "Gewaltfreie Kommunikation - Eine Sprache des Lebens" von Marshall B. Rosenberg - Ich-Entwicklung habe ich zuerst kennengelernt (sehr gut beschrieben wie ich finde) bei "Das Agile Mindset" von Svenja Hofert - Die 'definitive Source' zu diesem Thema ist aber: "Ich-Entwicklung für effektives Beraten" von Thomas Binder - "A Theory of Everything" von Ken Wilber
Letztlich kann ich dieses Buch niemandem empfehlen. Die Ansätze und Schlüsse treffen nicht das, was Rosenberg sich unter Gewaltfreier Kommunikation vorgestellt hat, und die Kritik, die eine neue GFK notwendig machte, ist meiner Ansicht nach haltlos. Ich hätte noch viel mehr kritisieren können, aber jetzt reichts mit dem Aufwand für mich. Tipp: Lieber die Originale lesen.
Markus Fischer setzt die gewaltfreie Kommunikation in den Kontext der menschlichen Entwicklungsstufen im Modell der Spiral Dynamics (Graves). Er sieht zudem drei Lernphasen für die GfK: lernen, integrieren und leben. In diesem für mein Empfinden schlüssigen Konzept zeigt er Fehlentwicklungen auf, die die GfK in ihrer Verbreitung und Umsetzung seit ihrer "Erfindung" durch Marshall B. Rosenberg herausgebildet hat. Er macht deutlich, dass es sich bei der GfK vornehmlich in ein Werkzeug zur inneren Entwicklung handelt als um ein zwischenmenschliches Kommunikationsmodell. Mit mir hat der Inhalt sehr gut resoniert und kam genau zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben. Als Einstieg in die GfK halte ich das Buch weniger geeignet. Etwas psychologische Vorbildung schadet sicherlich auch nicht, ist aber kein Muss.
Ganz zufällig habe ich Markus Fischers Podcast entdeckt und so wieder zur Gewaltfreien Kommunikation gefunden. Tatsächlich finde ich mich in vielen Dingen wieder die er sowohl in seinem Podcast als auch in seinem Buch beschreibt und seine Anwendung der Gewaltfreien Kommunikation hat mir jetzt nochmal viele neue Impulse gegeben und mich jetzt schon einen großen Schritt weiter gebracht. Vor allem seine entspannte Herangehensweise und seine Ermutigung zur Persönlichkeitsentwicklung finde ich super und sehr motivierend. Sein Buch ist meiner Meinung nach ein guter Startpunkt für alle die sich für Gewaltfreie Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung interessieren.