Entstanden 1873. Erstdruck in: »Westermanns Monatshefte«, April 1874.
Vollständige Neuausgabe mit einer Biographie des Autors. Herausgegeben von Karl-Maria Guth. Berlin 2015.
Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage unter Verwendung des Bildes: Vladimir Makovsky, Freunde der Nachtigall, 1873.
Gesetzt aus Minion Pro, 11 pt.
Über den Autor:
1831 in Eschershausen im Weserland als Sohn eines Juristen geboren, bricht Wilhelm Raabe die Schule erfolglos ab, beginnt eine ebenfalls bald wieder aufgegebene Buchhändlerlehre und widmet sich umfangreicher Romanlektüre. 1854 beginnt er die Arbeit an dem Roman »Die Chronik der Sperlingsgasse«, die er 1856 unter dem Pseudonym »Jakob Corvinus« veröffentlicht. Ab 1857 erscheinen seine historischen Erzählungen in »Westermanns Monatsheften«. Nach zahlreichen ausgedehnten Reisen durch Deutschland übersiedelt Raabe nach Stuttgart und tritt u.a. dem »Deutschen Nationalverein« und dem »Großen Klub« bei. 1866 ist er an der Gründung der liberalen »Deutschen Partei« beteiligt. 1897 erscheint eine erste Monographie über Raabe und zu seinem 70. Geburtstag 1901 erhält der inzwischen verehrte Dichter mehrere hundert Glückwunschschreiben. Mit den Ehrendoktorwürden der Universitäten Göttingen, Tübingen und Berlin und dem Königlich Preußischen Kronenorden ausgezeichnet, erkrankt Wilhelm Raabe 1909 schwer und stirbt 1910 als Ehrenmitglied der Deutschen Schiller-Stiftung in Braunschweig. Wilhelm Raabe ist neben Theodor Fontane einer der großen Vertreter des poetischen Realismus. Seine plastischen Darstellungen realistischer Bildlichkeit sind mit seiner Sympathie für Außenseiter humoristisch stimmungsvoll. »Die Figuren meiner Bücher sind sämtlich der Fantasie entnommen; nur selten ist das Landschaftliche nach der Natur gezeichnet. Das Volkstümliche fasse ich instinktiv auf.«
Zutiefst pessimistische um einen privilegierten Außenseiter, der sich komplett neu erfindet und seine finanziellen Mittel einem Bekannten zwecks Existenz- und Familiengründung zur Verfügung stellt. Als es über 30 Jahre später um die menschlichen Zinsen geht Bei der ersten Lektüre war ich ziemlich verstört, aber die Auflösung ist absolut schlüssig. Im wilden Mann ist Raabe konstant auf der Höhe und verpatzt nicht das Ende. Reclam kaufte die Erzählung zu Recht für das Jubiläumsheft 2000.
Leichter zu Lesen als „Stopfkuchen“, inhaltlich aber etwas mauer und vom guten Dunker herausgegeben (er hat es bis an die AU in Dänemark geschafft) PS sprachlich stößt mir Raabe manchmal sehr auf, nicht gut gealtert
Als großer Fan von Wilhelm Raabe fühle ich mich sprachgewaltigen Erzählstil Raabes sofort wohl und nehme auch seine typische Verspieltheit in der Erzählperspektive mit geradezu notwendigen Binnenerzählern wohlwollend zur Kenntnis. Nur leider mangelt es "Zum wilden Mann" etwas an einer schlüssigen Komposition: Das Treffen im Hinterzimmer einer Apotheke ist durch und durch skurril und die begleitenden Hintergrundgeschichten ganz besonders, aber mehr noch als eine Ahnung von Melancholie und später von der Verderbtheit des ganzen Menschengeschlechts, hinterlässt es eine nicht zu vernachlässigende Portion Ratlosigkeit. Zu dick sind die Geschichten von Augustin/Agostin aufgetragen, um mich als Leser wirklich zu überzeugen. Trotzdem kommt dabei - wie fast immer bei Raabe - eine angenehme Lektüre heraus.
Nachdem ich den ordentlichen Schinken Dekameron hinter mir hatte und dieses Jahr mir eine ganze Reihe angefangener und nach wenigen Seiten unzufrieden zugeschlagener Bücher serviert hatte, freute ich mich doch ein wenig auf die Zum Wilden Mann, da mir doch die deutschen Novellen des 19. Jahrhunderts sehr am Herzen liegen. „Zum wilden Mann“ stand nun auch schon seit zwei Jahren auf der Liste, seit ich bei meiner Harzreise an dem Haus vorüberkam, in dem die Novelle angeblich geschrieben wurde. Es beginnt, wie auch bei meinem geliebten Storm so oft mit Wetterbeschreibung und einer Story-Plattform, in der wir der nüchternen, protestantischen Rechtschaffenheit begegnen. Der Beginn auch nicht unoriginell: „Wir“ – also der Erzähler und der Leser – gehen durch den Regen und das Dorf, bis wir im Haus des Apothekers landen, eine Art Kamerafahrt. Das Innere des Hauses wird auch ausführlich beschrieben, gut, ich nehme es hin. Aber bis dann der Apotheker endlich seine Geschichte erzählt, muss man sich noch dreizehn der nur 71 Seiten gedulden, in denen der Alte immer nur bedeutungsschwer vor sich hin jammert. Überhaupt wird immer wieder gejammert: „Mein Bruder, o, mein Bruder!“ „Meine Johanne, ach, meine liebe Johanne.“ „Mein lieber, lieber Freund, o, mein Freund.“ Die Story des Apothekers endet recht bald, um sich schon dann mit der Rahmenhandlung zu vermengen. Die Redundanzen der Erzählung sind eigentlich unerträglich. Immer wieder benennt Raabe den Effekt, den er durch sein Erzählen (oder besser: sein Zeigen) selber Herstellen müsste. Gepflegte Langeweile.
"Zum wilden Mann", das ist der Name einer Apotheke, die Herrn Philipp Kristeller gehört. Bei gemütlicher Kaminatmosphäre und stürmischem Herbstwetter gibt dieser zum dreißigjährigen Jubiläum des Geschäfts eine Geschichte zum besten: Sein verschollener Jugendbekannter August und ein unerwartetes Geldgeschenk spielen die tragenden Rollen in der nostalgischen Erzählung, mit der Kristeller nicht nur den Besitz seiner Apotheke, sondern auch die Beziehung zu seiner inzwischen verstorbenen Frau begründet. Je später der Abend, desto unerwarteter die Gäste. Frisch aus Brasilien eingetroffen beehrt Oberst Dom Agostin Agonista die heimelige Kamingesellschaft mit seiner Anwesenheit und entpuppt sich kurzerhand als Kristellers abgängiger Freund August. Dieser bringt aus Südamerika nicht nur schädlichen Geschäftssinn, sondern auch eine Geschichte mit, die Kristellers Erzählung vom unverhofften Glück in ein anderes Licht rückt. Ein kleiner gemeiner Text über brüchige Idyllen, Kapitalismus und Kolonialismus, dem ein bitterböses Menschenbild zugrunde liegt.
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"Nicht wahr Doktor, wer noch keinen Menschen umgebracht hat, der wird sich nur schwer in die Gefühle eines, der's bereits fertig brachte, hineinfinden. Erschrecken Sie nur nicht zu arg, meine Herrschaften; ich habe mich allmählich hineingefunden; — es lernt sich alles in der Welt und wird zur Gewohnheit, das Hängen und Erschießen wie — das Köpfen."