Das Vermächtnis der Eszter als politische Parabel – Versuch einer alternativen Lesart.
Mein dritter Sandor Marai und so weit das Buch mit dem geringsten Lesevergnügen. Ich habe keine Probleme damit, erstens ist das Buch herzlich kurz und zweitens gibt es, gerade im Vergleich mit anderen Werken dieses Autors, einige nicht zu unterschätzende Erkenntnisse, auch wenn sich die eher einstellen, wenn sich das erste Missvergnügen über eine komplett enttäuschende Erzählerin gelegt hat, die zwar zu gewissen Einsichten, aber zu keinerlei nennenswertem Widerstand fähig ist.
Ein Hauptgrund für die Auswahl des im absinkenden Bürgertum angesiedelten Glut-Vorgängers, war eine andere Perspektive und vielleicht einen ausgeglicheneren Schuld-Dialog zwischen einer Geschädigtem und dem Übeltäter, nach dem Quasi-Monolog des alten Grafen. Gerade nach dem Männerbuch und ein paar vereinzelten Referenzen auf eine Frau, die sich nicht mehr wehren kann, erschien die weibliche Perspektive ein zusätzlicher Bonus für den früher entstandenen Roman. In dieser Hinsicht wie in der Erwartung einer starke Frau, die dazu in der Lage ist Position zu beziehen, erweist sich schmale Bändchen als hoffnungsloser Fall. Die gute Eszter hat nicht allzu viel zu sagen, außer, dass sie das ganze Manöver von Anfang an durchschaut. Vielmehr handelt es sich um ein derart auswegloses Geschöpf, dass es auch die wortwörtliche Aufforderung zur eigenen Hinrichtung unterschrieben hätte. Sprich die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.
Umkehrung der Schuldfrage
Der Wanderzirkus eines Lajos und die mit dem Hochstapler verbundenen Existenzen und Verwandten setzen natürlich buntere Reize als der Graf und seine Amme, aber Marai komponiert auch hier auf einen Höhepunkt-Dialog hin, der sich schnell zum Monolog eines Mannes entwickelt, der sich als Opfer darstellt und dem Gegenüber die Last der Sühne aufdrückt. Beim Hallodri Lajos lässt sich dieses Schema zwar leichter durchschauen als beim Glut-Grafen oder dem spät auf den Knaben-Geschmack gekommenen Pfandleiher Zavas, der immerhin bereit ist, für die Befriedigung seiner Gelüste zu zahlen, auch wenn er seine Opfer erst in die alternativlose Situation gebracht hat. Im Hinblick auf Zavas Manipulationen bei den Jungen Rebellen erscheinen mir Evas Eröffnungen als Teil der Strategie, mit der eine zum Opfer bereite Frau weich geklopft werden soll.
Dass Eszter gerade auf das schwächste Argument anspringt, erscheint zwar besonders tragisch oder ärgerlich, ist aber zugleich charakteristisch für sie als Person wie für Frauen dieser Generation. Dass die Heldin seinen Wurm mit dem zu Ende bringen frisst, auch wenn es sich um den endgültigen Ruin handelt, entspricht wohl ihrem Temperament und ist vielleicht auch ein letztes Aufflackern der romantischen bzw. Fin-de-Siècle-Opfer-Liebestod-Haltung auf schäbigstem Niveau. Genügend Schmöker aus der Ära hat sie sich ja seinerzeit reingezogen und, im Gegensatz zu Lajos, auch gelesen*.
Politisch motivierte Abschweifung
Die Positionen des irrlichternden Hochstaplers Lajos sind natürlich für Außenstehende eine echte Zumutung, machen aber zugleich deutlich, dass dieser Parasit seine Luftnummern nur deshalb immer wieder durchziehen kann, weil ihm die Gesellschaft, wider besseres Wissen, die Gelegenheit zur nächsten Wiederholung einräumt.
Wahrscheinlich ist Das Vermächtnis der Eszter erst aus dem Rückblick des entsprechend vorbelasteten Lesers eine Parabel auf die Politik und gewisse Rattenfänger und nicht mehr als das Psychogramm einer Frau ohne Perspektive, die auf gewisse weltanschauliche Prägungen reagiert. Aber die Art und Weise wie Adolf Hitler das deutsche Wertesystem sowie das Geistesgut von Romantik bis Fin-de-Siècle wie die Wirtschaftsleistung für seine Zwecke plünderte legt auch einen politischen Subtext nahe, der dem früheren Berliner Korrespondenten der Frankfurter Zeitung, der gerade miterlebt, wie sich sein Land auf die Nazis einlässt, durchaus zuzutrauen ist.
Marai lebte zum Zeitpunkt der Niederschrift in der Horthy-Diktatur, die im Entstehungsjahr der Erzählung Jubelpostkarten mit dem Führer und Reichsverweser samt Gattin drucken ließ. Der Greise Admiral wurde später ja denn auch als Geisel genommen und in Schloss Kleßheim bei Salzburg festgehalten, als er aus dem ruinösen Bündnis mit Großdeutschland wieder raus wollte. Falls Das Vermächtnis der Eszster als verschlüsselte Warnung gemeint war, dann geht Eszter in der seltsamen Gemeinschaft düsteren Zeiten entgegen.
* Aus historischer Perspektive drängt sich in Sachen selektiver Lektüre und Leute, die es besser wissen müssten an der Nase herum führen oder ins Unrecht setzen, natürlich Hitler als politisches Gegenstück zu Lajos auf. Der GröFaz erschlug seine Generäle, wenn sie an der Logik seiner militärischen Entscheidungen zweifelten, mit Clausewitz-Zitaten, die er aus einem schmalen Auswahl-Bändchen bezog. Das konnte Marai noch nicht wissen, aber es gibt schon in Mein Kampf ziemlich entlarvende Passagen über die ziemlich selektive Lesewahrnehmung des Helden dieser Saga.
Fazit: In Sachen reines Lesevergnügen zweieinhalb Sterne, nehme mir aber ein Beispiel an der Titelheldin und runde auf drei auf, zumal das Buch, wenn man den Kontext der Entstehungszeit dazu addiert, schon seine Meriten hat.
Aus Powerfrauen-Feminismus-Perspektive ist Das Vermächtnis der Eszter eine glatte Enttäuschung, in Sachen leidenschaftliche Abrechnung gibt es auch nichts zur berichten.
Falls jemand wissen will, welche Partien mir rein literarisch besonders gut gefallen haben, dann würde ich die prophetische Unterhaltung mit der gnädigen Frau Olga, das Gespräch mit Eva und die erste Hälfte der Auseinandersetzung mit Lajos, sowie die Partie, in der sich der Opportunist seine Ausführungen über ihre Rolle als moralisch stärkerer Teil gleich wieder zurück nimmt. Dass am Ende mal wieder die Kerzen erlöschen müssen, nervt zwar, aber anscheinend kommt Marai ohne diese Symbolik nicht aus. Nach weiterer Auseinandersetzung mit Marais Werk haben sich die mehrstimmigen Wandlungen einer Ehe, in denen unterschiedliche Perspektiven und die Wertsetzungen von Betrogenen und Betrügern zu Wort kommen als das Wunschbuch oder Gegenentwurf zum Monolog des Grafen aus Glut erwiesen.