Es ist eine Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland von Hitlers Kriegswirtschaft bis nach den Hartz-Gesetzen und der Finanzkrise. Ein gutes, lehrreiches, ein leicht verständliches Buch über komplexe Zusammenhänge. Allerdings auch das relativ glanzlose Brücken-Werk zwischen den Schmuckstücken der mittlerweile funk- und fernsehbekannten taz-Mitarbeiterin mit ihrer offenherzigen Selbstverortung als Kapitalismus-Befürworterin, Marx-Schülerin, Grüne mit ruhender Mitgliedschaft, unverbrüchlicher Keynesianerin.
Es hängt vom weltanschaulichen, politischen Standort, vom Menschenbild ab, wem man glauben möchte. Ich für meinen Teil sage: Den Hans-Werner Sinn könnt ihr in der Pfeife rauchen, vertraut dieser geistig regen Hamburgerin! (Bekanntlich Tochter eines Chemieingenieurs mit Reihenhaus, ausgebildete Bankkauffrau, abgeschlossene Historikerin, Pressesprecherin einer Hamburger Senatorin.) Ihre wahrscheinlich immer noch wichtigsten, für den Laien fruchtbringendsten Bücher hat sie mit „Der Sieg des Kapitals“ (2013) und „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ (2016), ihr bestverkauftes, von dem Medien eifrigst rezipiertes mit „Das Ende des Kapitalismus“ (2022) vorgelegt.
In ersteren zeichnet sie nach, wieso das, was sie unter Kapitalismus versteht – und was nicht so sehr mit der Kreditwirtschaft zu tun hat, als vielmehr mit dem Einsatz neuer Techniken der Energieumwandlung, kurz: Industrialisierung ist, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sich nur in einer begrenzten Ecke dieser Welt hat bilden können. Nämlich England. Es musste allgemeines Rationalitätsprinzip über Mythos, Religion und Tyrannis gesiegt haben. Musste die reich gewordene Adelsschicht, die verarmte Bauernschaft, das Handelsnetz um die Welt geben. Es musste das Land fast ohne Rohstoffe, aber mit gut bezahlten Arbeitern sein. Dass Hilfsarbeit billig zu haben war, hat das Römische Imperium, die Moguln, die chinesischen Kaiser, die Plantagenbesitzer der USA daran gehindert, ihren Kapitalismus zu erfinden. Er wäre ihnen zu teuer gekommen.
Hieran schließt sich an, dass Karl Marx im Wesentlichen so sehr Recht hatte wie sonst keiner damals. Durch Kapitalismus haben wir die tollsten Sachen bekommen, Schulen, Schutzimpfungen für alle, Autos. Aber er ist eben auch mörderisch. Es gehört dazu, dass er immer weiter wachsen muss, dass er alles in sich hineinfrisst, aus der Lächerlichkeit Geld einen Wert an sich gemacht hat.
Es waren menschheitsgeschichtliche Themen, die sie traktiert hat. Das hier ist weniger monumental. Das Umschlagbild mit dem VW Käfer ist nicht das ideale Key Visual. Die Lebemänner-Zusammenkunft von Zigarrenrauchern, Ludwig Erhard und Gerhard Schröder, träfe es vielleicht eher.
Vo, angeblichen Vater des „Wirtschaftswunders“ Ludwig Erhard hält Ulrike Herrmann nichts. (Der Schröder-Mannschaft der 2000-er Jahren hält sie „Wählerbetrug“, eine rational nicht herleitbare Missionshaltung, die Reichen müssten reicher, die kleinen Leute ärmer werden, vor.) Indem sie Erhards Leben ein langes Kapitel widmet, zuvor noch die dem Krieg entgegen arbeitende Hitler-Wirtschaft beschreibt, macht sie klar, dass zu Beginn der Dreißiger Deutschland keineswegs modern und reich wie Großbritannien oder die USA war, dass es am Kriegsende und nach den Bomben aber auch noch lange nicht ruiniert und ein Entwicklungsland war.
Erhard, der Mann, dessen Doktorarbeit die Kapazitäten nicht hatten haben wollen, der im Krieg in Saus und Braus lebte, weil, nie zugegeben, die Niederlage sich abzeichnete, Spione gemeldet hatten, wohin man Unternehmen am besten verlagerte, damit sie von den Westmächten kontrolliert würden, es dafür Konzepte der Umorganisation geben musste, dieser Ludwig Erhard sei fachlich immer ein Depp und kollegial immer ein eitler Träumer und Eigenbrötler gewesen. Allerdings guter Netzwerker und Selbst-Promoter. Geschickt hatte Erhard das Konklave zur Verabschiedung der Enteignungsbeschlüsse in der Bi-Zone geschwänzt. Der Hitlerstaat hatte sich mit dem Krieg übernommen, die Schulden (Volksanleihen, zu denen man die Leute genötigt hatte) konnten nie mehr zurückgezahlt werden. Schuldenschnitt und harte Währung mussten sein, das wusste Erhard auch. Aber wer sollte dafür büßen? Die Immobilienbesitzer, die Kleinsparer, die Unternehmer? Es wurden die Sparer. Zwar blieben die Löhne nominal gleich, aber wer Geld angelegt hatte, sah davon nur noch ein Zehntel wieder.
Der Franke war niemals sozial, sondern Marktradikaler. Es sei normal, dass die Leute eine Weile hungern müssten, sich weiterhin keine Schuhe kaufen könnten (was Milei in Argentinien gerade macht). Am Ende werde aber alles rosig. Darum unterband Erhard als Wirtschaftsminister nun auch die weitere Rationierung und Preiskontrolle von Brot, Mehl, Zucker, Butter, Milch, Eiern, wie es das in England bis in die Mitte der fünfziger Jahre noch gab. Nach wenigen Monaten kam es zu Hungeraufständen und Forderungen, Adenauer müsse diesen Erhard entlassen. Seinen Vize hat „der Alte aus Rhöndorf“ sowieso nie gemacht. Herrmann findet segensreich, dass Adenauer die Wirtschaftspolitik meist an Erhard vorbei, seinem taktischen Instinkt folgend, dirigiert hat.
Gerettet habe das Wirtschaftswunder immer wieder der Westen, namentlich die USA. Von Ökonomen in Uniform, die 1944 die deutsche Nachkriegswirtschaft geplant hatten, über US-Soldaten, die Dollars mit Freizeit und Konsum gestreut hätten, über Marshall-Plan-Kredite bis zu – und dies laut Herrmann der Knackpunkt: der Europäischen Zahlungsunion. Genau sie wollte Erhard so wenig wie die vom Kanzler durchgedrückte Rente für alle. Den deutschen Sonder-Erfolg dieser EZU könnte man mit den Wirkungen des Euros auf den deutschen Export vergleichen.
Exporte und Importe wurden in der Leitwährung Dollar verrechnet. Bevor bezahlt wurde, wurde zwischen allen Ländern saldiert, sodass ein Land wie Frankreich deutsche Industrieprodukte kaufen konnte, wenn es alles mögliche andere an Spanien, Irland oder England verkaufte. Hierbei schnitten die deutschen Exporte besonders gut ab, weil die Löhne auf Jahre hinaus nicht den Produktivitätsfortschritten und Gewinnen folgten. Ähnlich günstig für Exporte der Euro. Jetzt konnten die anderen Länder gegenüber der Mark nicht mehr abwerten, alle mussten gleich hohe Preise zahlen, die auf deutscher Seite aber so hoch gar nicht wurden, weil zwar die Profite der Unternehmer stiegen, die Löhne real viele Jahre aber nicht. Faktisch lebte man als Facharbeiter oder Rentner in Frankreich oder Italien besser als in Deutschland. Noch besser allerdings, sofern man eine Maschinenfabrik besaß.
Das Buch enthält, das gesteht Herrmann, wenig DDR, es ist ein BRD-Ökonomiebuch. Das Vereinigungs-Kapitel gibt es aber. Klar sei gewesen, dass Wertangleichung von Ost- und West-Mark der Industrie der DDR im Weltmarkt das Genick brechen wird. Doch sei das kein Fehler der Kohl-Regierung gewesen, denn hätten die Leute nicht weiter ihre Sachen kaufen, ihre Mieten zahlen, neue Autos kaufen können, wären sie in den Westen gegangen, DDR-Landschaften breitflächig zur Steppe geworden. Staatsschulden waren also erst einmal so unvermeidlich wie nach 2008. (Herrmann findet, auch wenn die verbrieften Schuldenpapiere der Wall Street ein Bubenstück gewesen wären, hätte man Lehman Brothers nicht fallen lassen dürfen, die Banken waren eben wirklich systemrelevant.) Aber im Großen und aufs Ganze des Landes gesehen, habe der Arbeitsmarkt, die neuen Leute gut gebrauchen können und das Ausland sei in den Boom kräftig mit eingestiegen. So habe die Vereinigung sich letztlich selbst bezahlt. (Wie schon das Wirtschaftswunder die Kriegsschulden, Ausgleichszahlungen und Marshallplankredite mühelos zurückgezahlt habe.)
Wie man merkt, ist dieses Buch eine Revue ausgewählter Höhepunkte, also etwas zusammengestückelt. Und man versteht jetzt besser, wie sie auf die Kriegswirtschaft Englands als eine Utopie für den laut Herrmann bevorstehenden Übergang vom Kapitalismus in die echte Recycling-Wirtschaft kommen konnte.
Außer um Eurokrise und Herstatt geht es noch um die Bundesbank, über deren von langer Hand vorbereitete Entmachtung in der Kohl-Zeit die Autorin alles andere als traurig ist, wenn die Medien und die Kleinbürger diese Frankfurter Institution auch immer sehr verehrten. Nicht nur habe bis ans Ende der achtziger Jahre ein großer Anteil ehemaliger NSDAP-Leute in der Bundesbank was zu sagen gehabt, sondern dieses Haus hätte mittelbar sogar vier Bundeskanzler abserviert, Erhard, Kiesinger, Brandt und Helmut Schmidt. Ihnen habe man die Wählerbasis weggebrochen, indem man die Zinsen zu hoch gesetzt, die Investitionen gedämpft, die Arbeitslosigkeit erhöht, den Konsum abgeschwächt habe. All dieses nur für die Interessen einer Geldanlagen besitzenden Elite. Weisungsgemäß wurde Inflation bekämpft, zugleich aber manchmal auch das allgemeine Wohlergehen der Arbeitenden, die nicht über Kapital verfügten, bewusst herabgemindert.
Man liest über Sachbücher manchmal, sie wären spannend wie ein Krimi. So war Ulrike Herrmann noch nie. Sie versucht einfach immer nur, wohl fundiert, schlicht im Ton, klar, didaktisch gut durchdacht zu schreiben. Das genügt.