Niegeschichte, verspricht der Untertitel, untersucht Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine.
Niegeschichte ist die „Gesamtheit aller Geschichten, die das Genre erzählt.“
Worum geht es tatsächlich? Vielleicht hilft es, wenn man sich ansieht, wen Dath zitiert, referiert, analysiert. Vier oder mehr Zeilen im Index haben:
Gernsback, H. - 10
Campbell, J.W. - 8
Heinlein, R.A. - 7
Marx, K. - 7
Welles, H.G. - 7
Asimov, I. - 6
Hegel, G.W.F. - 6
Russ, J. - 5
Clarke, A.C. - 4
Engels, F. - 4
Egan, G. - 5
Adorno, T.W. - 4
Delaney, S.R. - 4
Ellison, H.J. - 4
Goethe, J.W. - 4
Hacks, P. - 4
Lem, S. - 4
Moorcock, M. - 4
Newton I. - 4
Schmidt, A. - 4
Verne, J. - 4
Diese Liste ist nicht ganz aussagekräftig, da Russ und Egan zum Beispiel viel mehr Raum gegeben wird als Asimov, aber man erkennt unschwer, dass es keineswegs nur um Science Fiction geht. Es geht darum, was Kunst ist und sein soll, nebenbei erklärt uns der Autor, was an gegenwärtiger und alter Philosophie richtig und falsch ist.
Ebenso interessant ist, wer und was in dem umfangreichen Buch nicht vorkommt. Ich hatte nicht erwartet, meinen Lieblings SF-Schriftsteller, E.C. Tubb anzutreffen, aber auch keinen Mack Reynolds? Nicht einmal "Black Man’s Burden"? Kein Walter Miller? Kein Pangborn? Bellamy, London, Casanova? Raumschiff Enterprise ja, Raumschiff Orion nicht, Animes aber kein Futurama?
Von Asimov kein End of Eternity? Keine Last Question? Dass Autoren behandelt werden, die mir unbekannt sind, ist selbstverständlich, und willkommen. Aber die impliziten Bewertungen, sind teilweise absonderlich. Besonders kurios ist seine Abhandlung (oder soll man sagen: Abfuhr) Philip Dicks, den er offenbar nicht ausstehen kann, vermutlich, weil der von Nicht-SF-Lesern geschätzt wird. Dem stellt er in einem Kunstgriff, den ich nicht verstanden habe, Luhmann gegenüber.
(Luhmanns Science sei als Involution von Dicks Fiction zu lesen.)
Die beiden Schriftsteller, die am intensivsten (und hymnisch) besprochen werden, sind Russ und Egan. Beide mir nur dem Namen nach bekannt. Die werde ich, und wenn es das einzige ist, was ich aus dem Buch mitnehme, demnächst lesen.
Zwar versichert uns der Autor, dass er nicht kokettiert, wenn er sagt, dass in der Niegeschichte keine neuen Gedanken entwickelt werden, anderseits dürfte es nicht viele Leser geben, die die Voraussetzung erfüllen, „auf die meisten Gedanken“ selbst zu kommen. Denn dafür müsse man Hegels Kunstlehre in Vorlesungen und ausgearbeiteter Form kennen, Lukács, Lifschitz, die Philosophische Theorie der Bildenen Künste, Hacks, sowie Joanna Russ. Eine Vertrautheit mit den Schriften von Marx und Engels wird, vermute ich, als selbstverständlich vorausgesetzt.
Wer Dath nicht kennt, könnte schnell den Eindruck bekommen, dass der Mann größenwahnsinnig ist, und ich weiß nicht hunderprozentig, ob das ganz falsch wäre.
Tatsache ist, dass ich ihn liebe und verehre. Nun, vielleicht mehr verehre. Seine Bildung, seinen hochmütigen intellektuellen Stil, seinen Mut (oder besser: Chuzpe). Leider finde ich seine literarischen Texte unlesbar (und nicht, wie er unterstellt, weil ich mir nicht genügend Mühe gegeben hätte.) Wenn er aber versucht, mir etwas zu erklären, hänge ich ihm an den Lippen. Zum Beispiel Kategorientheorie in Anwendung: „(1) positivistisch erhobene oder zu erhebene Fakten (hier: Zahl der Toten, Natur des Mars, die Konstruktion von künstlichen Menschen aus Holz) lassen sich in Vorstellung und Darstellung abbilden auf (2) menschliche Ereignisse und Handlungen (hier: Weltkrieg, Raumfahrt, afrikanische Stammes- und Hierarchieverhältnisse), aber auch auf (3) bombastische Kunst (hier: Romane). Man kann auch (2) auf (3) abbilden, dann sind die Roman solche »über« Weltkrieg, Raumfahrt, afrikanische Stammes- und Hierarchieverhältnisse, aber die gelingen nach der Äthetikauffassung der drei Autoren (Colerus, Bogdanov, Marinetti - Liedzeit) nicht ohne (1), also ist die Abbildung von (2) auf (3) über die Abbildung von (1) auf (2) faktorisiert. Der Witz ist nun, dass die Kategorientheorie eine Sorte Funktor kennt, die genau das zu betrachten erlaubt: Die Zuordnung der Abbildung von (1) nach (2) zu der Abbildung von (1) nach (3) ist eine Abbildung der Menge aller Morphismen von (1) nach (2) auf die Menge aller Abbildungen von (1) nach (3) und damit eine Zoordnung der Kategorie, zu der aller drei, (1), (2) und (3) gehören, auf die Kategorie der Menge überhaupt.“ Usw. Zugegeben, aus dem Zusammenhang gerissen, aber starker Tobak. Da muss ich passen.
Zum Glück gibt es auch Stellen, die klar machen, dass auch Dath (manchmal) mit Wasser kocht. Etwa, wo er über die Korrespondenztheorie spricht und Wittgenstein eine Bildtheorie der Wahrheit unterstellt - es heißt Abbildtheorie. Kleinigkeit? Und wenn er Wittgenstein mit „Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt“ zitiert? Es heißt: meine Sprache, meine Welt. Schon ein Unterschied. Inhaltlich hat Dath da zwar Recht (er polemisiert gegen den heutigen Kultur-Relativismus), aber ganz so einfach ist es nicht. Wittgenstein lässt sich durchaus als Kronzeuge des Relativismus aufrufen, wenn er sagt, dass wir den sprechenden Löwen nicht verstünden. Aber zurück zur Korrespondenztheorie. Wenn Dath sagt, dass die Korrespondenztheorie bei Aussagen wie „Alle bisherige Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ versagt, ist das lachhaft. (Und hat auch nicht wirklich etwas mit seinem Thema zu tun.)
Dath ist Marxist, wie er hin und wieder erwähnt, was aber auch dem oberflächlichen Leser schnell klar wird. Das finde ich faszinierend, aber was ich nicht herausfinden konnte, ist, was er tatsächlich geändert haben möchte. Er zitiert die berühmte 11. Feuerbachthese „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an sie zu verändern“. Da hätten die Kritiker immer perfiderweise das nur unterschlagen. Lustigerweise hing der Slogan in der Philosophischen Fakultät Bonn riesengroß aus, was mich damals immer geärgert hat. Mit etwas Mumm hätte ich das übertüncht mit „Die Menschen wollen die Welt verändern, es kommt drauf an sie zu interpretieren.” Denn was Dath meint, ist, man müsse die Welt marxistisch interpretieren und dann ändern. Nicht, heideggerianisch oder bradleyisch oder davidsonisch interpretieren und dann entsprechend ändern. Was sollte das auch bedeuten? Ich will wissen, was passiert. Muss ich mich darauf einstellen, der ersten großen Säuberungswelle zum Opfer zu fallen?